Home
http://www.faz.net/-gpg-tmvy
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Volkstrauertag Gedenken an getötete Bundeswehrsoldaten

 ·  Führende deutsche Politiker haben am Volkstrauertag erstmals auch der Bundeswehrsoldaten und der deutschen Einsatzkräfte gedacht. Am Vortag protestierten im brandenburgischen Stadt Halbe Tausende Bürger friedlich gegen eine Veranstaltung von Neonazis.

Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (0)

Zum Volkstrauertag ist in diesem Jahr erstmals auch der Bundeswehrsoldaten und anderer deutscher Einsatzkräfte gedacht werden, die bei Auslandsmissionen ihr Leben verloren haben. Das von Bundespräsident Horst Köhler verlesene traditionelle Totengedenken war deshalb ergänzt worden.

An der Gedenkfeier für die Opfer von Kriegen und Gewaltherrschaft in der Neuen Wache, die seit 1993 zentrale Gedenkstätte der Bundesrepublik ist, nahmen neben Bundespräsident Köhler Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse, Bundesratspräsident Harald Ringstorff und der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Hans-Jürgen Papier, teil. Für das Land Berlin legten der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit und Parlamentspräsident Walter Momper Kränze nieder. Merkel und Köhler hielten anschließend Ansprachen auf der zentralen Gedenkstunde zum Volkstrauertag im Bundestag.

Merkel: Unterstützung im Kampf gegen Terrorismus

Die Bundeskanzlerin sagte im Reichstag, angesichts von Millionen Opfern der Weltkriege bleibe der Einsatz für Frieden und Völkerverständigung eine zentrale Aufgabe der deutschen Politik. Dazu gehöre die deutsche Unterstützung im Kampf gegen Terrorismus, Gewalt und Unfreiheit. Als „Vermächtnis der Kriegstoten“ bezeichnete Frau Merkel, daß Deutschland sich nicht seiner gewachsenen Rolle entziehen dürfe. Das Land müsse vielmehr auch deshalb Verantwortung in der Welt übernehmen. Frau Merkel war seit 23 Jahren die erste Regierungschefin, die die Hauptrede der Veranstaltung des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge hielt. Zuletzt hatte ihr Vorgänger Helmut Kohl 1983 die Gedenkrede gehalten.

Am Vormittag hatten der Generalinspekteur der Bundeswehr, Wolfgang Schneiderhan, und der Brigadegeneral Victor von Wilcken auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee Kränze niedergelegt. Sie ehrten die dort begrabenen 395 Soldaten jüdischen Glaubens, die im Ersten Weltkrieg gefallen waren. Innensenator Ehrhart Körting legte im Polizeipräsidium am Platz der Luftbrücke einen Kranz nieder. In einer Zeremonie wurde der Polizisten gedacht, die im Dienst getötet worden waren.

Polizeipräsident Dieter Glietsch, weitere Vertreter der Polizeiführung und Hinterbliebene der getöteten Polizisten nahmen teil. Schon am Samstag hatte der Präsident des Abgeordnetenhauses, Walter Momper (SPD), in einer Gedenkstunde auf dem ehemaligen Garnisonsfriedhof in Berlin-Neukölln der Kriegsopfer gedacht. Auch Vertreter von etwa zwanzig Botschaften - von Australien bis zu den Vereinigten Staaten - waren anwesend. Bei Einbruch der Dunkelheit wurden Kränze an der Krypta niedergelegt. Fackelträger beleuchteten die Versammlung.

Demonstration gegen Rechtsradikalismus

In der brandenburgischen Stadt Halbe hatten am Samstag Tausende Bürger friedlich gegen Rechtsradikalismus und Fremdenfeindlichkeit demonstriert. Nach Angaben der Veranstalter kamen 8000 Personen in den Ort, um gegen das sogenannte Heldengedenken von Neonazis am Vortag des Volkstrauertages zu protestieren. Der brandenburgische Ministerpräsident Platzeck (SPD) forderte auf der Kundgebung an der größten Kriegsgräberstätte Deutschlands mehr Gegenwehr der Zivilgesellschaft. Platzeck sagte unter dem Applaus der Teilnehmer: „Die Gegenwehr muß aus der Mitte der Gesellschaft kommen.“

Wo die Bürgergesellschaft funktioniere und Kirchen, Verbände, Vereine und Bürgerinitiativen aktiv arbeiteten, hätten die Extremisten keine Chance. Zugleich sprach sich Platzeck dafür aus, die Debatte über ein Verbot der NPD fortzusetzen. Da den Rechtsextremisten ein Aufmarsch in Halbe gerichtlich untersagt worden war, waren sie in die benachbarte Stadt Seelow ausgewichen. Dort versammelten sich einige hundert Neonazis sowie Gegendemonstranten. Die Polizei sicherte die Veranstaltungen mit einem Großaufgebot. Nach ihren Angaben verliefen beide Aktionen friedlich. In Halbe hatte die letzte schwere Kesselschlacht des Zweiten Weltkriegs stattgefunden. In den letzten Jahren hatten sich dort regelmäßig Neonazis zum „Heldengedenken“ versammelt.

Der Volkstrauertag war nach dem Ersten Weltkrieg auf Initiative des 1919 gegründeten Volksbundes eingeführt worden. Während der Naziherrschaft wurde er als „Heldengedenktag“ mißbraucht. In der Bundesrepublik wird der Volkstrauertag in seiner ursprünglichen Bedeutung seit 1952 wieder begangen.

Quelle: F.A.Z., 20.11.2006, Nr. 270 / Seite 1
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel