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Volks- oder Umweltpartei : Es grünt so grün

Bild: F.A.S. Wilhelm Schlote

Die Grünen in Baden-Württemberg waren stark bei den Arbeitslosen, hatten Zuwächse bei Selbständigen und auf dem flachen Land. Werden die Grünen zur Volkspartei? Oder bleiben sie Partei der Beamten und Reichen?

          Eine kleine Sensation ist bei den Wahlen in Baden-Württemberg fast unbemerkt geblieben: Die Grünen sind zur stärksten Partei bei den Arbeitslosen geworden! Man mag einwenden, dass die Zahl der Arbeitslosen im Wirtschaftswunderländle so gering ist, dass diese Tatsache nicht weiter ins Gewicht fällt. Und doch könnten die 26 Prozent der Arbeitslosen, die ihr Kreuz bei der Umweltpartei gemacht haben, ein Anzeichen dafür sein, dass sich im grünen Wählermilieu etwas ändert. Denn Arbeiter wie Arbeitslose haben sich bisher mit den Grünen schwergetan. Wird Öko nun gar zur Volkspartei?

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Schauen wir uns die Wähler der Grünen einmal an: Die Grünen sind seit Jahren die Partei der Besserverdienenden, diesen Rang haben sie der FDP abgelaufen. Sie sind die Mehrheitspartei der Akademiker. In Baden-Württemberg sind sie, deutlich vor der CDU, die stärkste Partei unter den Beamten geworden, und bundesweit zählen sich 40 Prozent der Beamten im höheren Dienst zu den Sympathisanten. Die Grünen sind zudem natürlich eine Partei der Groß- und Universitätsstädte. In Stuttgart haben sie drei von vier Direktmandaten gewonnen, aber auch in der Kölner Innenstadt haben bei Kommunalwahlen 40 Prozent grün gewählt.

          Mit dieser Charakteristik sind die Grünen schon seit Jahren die feindliche Schwester der FDP: Denn ihre Wähler sind ähnlich gebildet, reich und unabhängig. Leichte Vorteile hatten die Grünen bei den Frauen, die FDP bei den Männern, die Grünen bei den Beamten, besonders den Lehrern, die FDP bei den Selbständigen. Im Klischee klingt das so: Der Zahnarzt oder der Architekt, der im Vordertaunus oder in Berlin-Zehlendorf wohnt, wählt FDP, seine Frau, die Lehrerin, die Grünen. Ein Wähleraustausch zwischen beiden Parteien fand so gut wie gar nicht statt – zu tief war der ideologische Graben. In Baden-Württemberg aber, so sagt Richard Hilmer von Infratest dimap, haben 60 000 Wähler, die zuvor der FDP ihre Stimme gegeben hatten, sich diesmal für die Grünen entschieden. Der Trend, dass Selbständige, die klassische FDP-Klientel, sich eher bei den Grünen aufgehoben fühlen, setzt sich anscheinend fort. In Baden-Württemberg haben laut einer Wahltagsbefragung 31 Prozent der Selbständigen für Grün gestimmt – dreimal so viele wie FDP-Wähler in dieser Gruppe. Hinzu kommt: Politische Berührungsängste, ja, Barrieren für eine Wahlentscheidung zugunsten der Grünen gibt es heute, so sagt Hilmer, weit weniger als früher. Diesen Makel hat mittlerweile die FDP.

          Mit den Grünen kann man alt werden und jung sein

          Eine Partei der Jungen und Studenten

          Auf die steigende Akzeptanz der Grünen über ihre eigentliche Kernklientel hinaus deutet auch der Zuwachs hin, den die Grünen in Baden-Württemberg auf dem flachen Land bis tief in den katholischen Raum erzielten: von knapp zehn auf fast zwanzig Prozent der Wähler. „Das ist nicht mehr nur das grüne Milieu“, ist Ralf Fücks überzeugt. Der Leiter der den Grünen nahestehenden Heinrich-Böll-Stiftung ist selbst ein Urgrüner vom Jahrgang 1951, der sich politisch vom linken Rand zu bürgerlichen Positionen entwickelte.

          Anfang der Achtziger, als Fücks mitzumischen begann, waren die Grünen eine Partei der Jungen, der Abiturienten, Studenten und Hochschulabsolventen. Heute, da sie vor dem Eintritt ins Rentenalter stehen, sind die meisten der Partei treu geblieben – bei den Fünfzig- bis Sechzigjährigen haben die Grünen fette zweistellige Ergebnisse. Allein die Wähler, die älter als sechzig oder siebzig sind, können in der Regel wenig mit den Grünen anfangen, auch wenn deren Habitus nichts mehr gemeinsam hat mit den etwas schmuddelig wirkenden Latzhosenträgern im Bundestag, deren Bärte bis in den Keller des Bonner Plenarsaals reichten.

          Die Grünen sind also eine Partei, mit der man alt werden kann. Kann man mit ihr auch jung sein? Die Grünen haben oft einen überdurchschnittlich hohen Anteil an Jungwählern gewinnen können. Mit jeder neuen Generation wuchs so auch ihre Wählerschaft. In Baden-Württemberg haben 28 Prozent der Wähler zwischen 28 und 34 Jahren grün gewählt, bei den 18 bis 24 Jahre alten waren es 24 Prozent – etwas weniger als das Wahlergebnis. Die CDU lag in diesen Altersgruppen fünf und sieben Prozentpunkte davor. Möglicherweise ist also ein Sättigung bei der Gewinnung grüner Wähler unter den Jungen erreicht. Fücks sieht gleichwohl viele junge Leute bei den Neumitgliedern der Grünen, die sich oft durch eine radikale „neue ökologische Ethik“ auszeichneten.

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