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Vogelgrippe Der eine Fehler

20.02.2006 ·  Seit knapp einer Woche gilt Kerstin Kassner als die Landrätin, welche die Krise um die Vogelgrippe auf Rügen nicht bewältigt. Die Vorwürfe sind unberechtigt - bis auf einen: Sie hat die Medien unterschätzt.

Von Frank Pergande
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In Vorpommern wird eigentlich CDU gewählt. Ausgerechnet hier haben es aber zwei Genossinnen der Linkspartei geschafft, sich bei Landratswahlen durchzusetzen - auf der Insel Rügen und in Ostvorpommern. Kerstin Kassner auf Rügen gewann 2001 die Wahl. Ausgerechnet im Bundestagswahlkreis von Angela Merkel und trotz der Versuche der CDU-Bundesvorsitzenden, die Kandidatin der Linkspartei, damals noch PDS, zu verhindern.

Frau Kassner, 48 Jahre alt, ist auf Deutschlands größter Insel aufgewachsen. In der DDR-Zeit hat sie im Feriendienst der Gewerkschaft gearbeitet. Angefangen hatte sie als Kellnerin. Nach dem Ende der DDR machte sie eine eigene Pension auf. Sie wurde Abgeordnete der letzten Volkskammer, der ersten frei gewählten. Sie blieb in der Politik, kam für die PDS in den Landtag von Mecklenburg-Vorpommern, bevor sie schließlich auf Rügen kandidierte. Die Rüganer halten viel von ihrer Landrätin.

Charme und Renitenz

Und Frau Kassner enttäuscht ihre Inselbewohner auch nicht. Denn sie vertritt ihr Rügen, den einzigen Inselkreis Deutschlands, zwar mit Charme, aber auch einer gewissen Renitenz, die oft genug auch schon ihre eigene Partei zu spüren bekam. Bislang zeigte das vor allem ihre Haltung zu der von der rot-roten Koalition in Angriff genommenen Verwaltungsreform. Die lehnt Frau Kassner rundweg ab. Rügen soll ein eigenständiger Kreis bleiben. Das werden die Rüganer zwar kaum durchsetzen, aber Frau Kassner hat immerhin erreicht, daß bei der geplanten Aufteilung des Landes in vier oder fünf Großkreise Rügen einen Sonderstatus erhalten soll.

Seit knapp einer Woche aber wird der Name der Landrätin vor allem mit der Vogelgrippe verbunden. Frau Kassner gilt als die Landrätin, welche die Krise nicht bewältigt. Sie ist die Frau, die von allen Seiten kritisiert wird, am lautesten aus Schwerin. Der Hauptvorwurf: Sie hätte den Katastrophenzustand ausrufen müssen. Solche Vorwürfe sind ungerecht. Denn sehr wohl hatten die Landrätin und ihr Krisenstab alles Notwendige sofort veranlaßt, kaum daß die ersten Fälle von Vogelgrippe bei zwei Schwänen am Dienstag abend gemeldet worden waren. Vor allem das Nutzvieh wurde sofort in die Ställe gesperrt und kontrolliert.

Die Medien unterschätzt

Frau Kassner hat da vermutlich keinen Fehler begangen - bis auf den einen, aber entscheidenden: die Medien zu unterschätzen. Um die hat sich im Krisenstab in der Kreisstadt Bergen niemand recht gekümmert. Und so standen die Fernsehkameras den Helfern nicht nur im Weg, so entstanden auch jene Bilder von sterbenden und toten Schwänen, die alle erst so recht aufgeschreckt haben.

Dabei hatten sich die Rüganer auch hier darum bemüht, die Tiere schnell einzusammeln. Aber weil die Kadaver oft noch auf dem inzwischen dünnen Eis lagen oder an anderen unwegsamen Stellen und weil deren Zahl innerhalb von Stunden dramatisch anstieg, war das nicht so einfach. Frau Kassner, von der einen Woche im Kampf gegen die Vogelgrippekrise inzwischen angeschlagen, kann sich kaum dagegen wehren. Ja, sie macht nicht einmal mehr den Versuch. Der Druck aus Schwerin und Berlin steigt dafür von Tag zu Tag. Jetzt ist ihr das Heft des Handelns aus der Hand genommen. Später einmal wird zu klären sein, ob das alles Rechtens war. Ihr Amt jedenfalls kann Frau Kassner so schnell keiner nehmen: Die Leute auf Rügen haben sie direkt gewählt.

Quelle: F.A.Z., 20.02.2006, Nr. 43 / Seite 10
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Jahrgang 1958, politischer Korrespondent für Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern mit Sitz in Schwerin.

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