http://www.faz.net/-gpf-99icc

Lange geplante Entführung : Die Liebesfalle für Trinh Xuan Thanh

Verschleppt: Trinh Xuan Thanh im Januar auf dem Weg zu seinem Prozess in Hanoi. Nach seiner Entführung in Berlin wurde der frühere Funktionär und Geschäftsmann in Vietnam wegen Wirtschaftsverbrechen vor Gericht gestellt. Das Urteil: lebenslange Haft. Bild: dpa

In Berlin steht ein Mann vor Gericht, der in die Verschleppung des vietnamesischen Funktionärs verwickelt sein soll. Immer mehr Einzelheiten kommen nun ans Licht – doch viele Fragen sind noch ungeklärt.

          Unscheinbar sieht der Angeklagte hinter dem Sicherheitsglas im Saal des Berliner Kammergerichts aus. Long N. H. trägt ein schwarzes Hemd, eine schwarze Hose, die Haare sind akkurat gekämmt. Mit hängenden Schultern verfolgt der Vietnamese an diesem Mittwoch den Prozess, sein Gesicht zeigt kaum eine Regung.

          Morten Freidel

          Redakteur in der Politik.

          Der Generalbundesanwalt wirft dem 47 Jahre alten Long N. H. „Freiheitsberaubung“ und „geheimdienstliche Tätigkeit“ vor. Er soll bei der spektakulären Entführung des Vietnamesen Trinh Xuan Thanh aus Berlin im vergangenen Sommer geholfen haben. Long ist der erste Angeklagte in einem Fall, der wie aus einem Agententhriller über den Kalten Krieg entnommen scheint: Am 23. Juli 2017 zerrten mehrere Personen Trinh im Berliner Tiergarten in einen Van, zusammen mit seiner vietnamesischen Geliebten, die ihn in der Hauptstadt besuchte. Wenige Tage später tauchte Trinh im vietnamesischen Fernsehen auf, wo er angab, er sei „freiwillig“ ins Land zurückgekehrt, um sich den Behörden zu stellen. Die hatten ihn wegen mehrerer Wirtschaftsverbrechen angeklagt. Trinh wurde anschließend in zwei Verfahren zu jeweils lebenslanger Haft verurteilt.

          Das Auftreten des Angeklagten Long im Gerichtssaal passt zu der Rolle, die er bei der Entführung innegehabt haben soll: eine untergeordnete. Long war ein Handlanger, der Befehle entgegennahm und ausführte. Die Anklage ist überzeugt, dass der Vietnamese in Prag ein Auto mietete, mit dem Geheimdienstler Trinh und seine Geliebte in den Tagen vor der Entführung observierten. Kurz danach soll Long in Prag auch den Van besorgt und persönlich nach Berlin gefahren haben, mit dem die Opfer entführt wurden. Tatsächlich war Long nur eine Randfigur in einem Komplott, das vom vietnamesischen Geheimdienst bis zur Botschaft des Landes in Berlin reicht. Das zeigen Ermittlungsakten, die dieser Zeitung vorliegen.

          Demnach war die Entführung von langer Hand geplant. Schon kurz nach Trinhs Flucht aus Vietnam könnten die Vorbereitungen begonnen haben. Denn zwei Monate später reisten mehrere Staatsbedienstete aus Vietnam nach Deutschland, mutmaßlich, um festzustellen, wo Trinh sich aufhielt. Am 4. November 2016 teilten Behördenmitarbeiter dem Verbindungsbeamten der deutschen Bundespolizei in Vietnam mit, Trinh sei in Deutschland. Gegen Ende des Monats erhielten die deutschen Behörden weitere Informationen aus Vietnam, das Nummernschild von Trinhs Wagen etwa. Sie erfuhren auch, dass Trinh plante, sich mit einer engen Vertrauten aus Hanoi zu treffen. Schon da wusste Vietnam also von den Treffen mit der Geliebten Bescheid.

          Die eigentliche Operation begann wenige Tage vor der Entführung. Am 18. Juli 2017 mietete der Angeklagte Long in Prag einen BMW X5 an. Long wohnte seit fast zwanzig Jahren in der Tschechischen Republik, dort betrieb er eine Wechselstube. Den Wagen übergab Long an einen Landsmann, der während der geheimdienstlichen Aktion als Fahrer fungierte. Er fuhr den Wagen noch am selben Tag nach Berlin, wo man ihn einsetzte, um die Opfer zu beschatten.

          Tags darauf trafen sich am Flughafen Berlin-Tegel mehrere ranghohe Vietnamesen, unter ihnen General Duong Minh Hung, stellvertretender Leiter des vietnamesischen Staatssicherheitsdienstes, sowie Duc Thao Nguyen, der damalige offizielle Vertreter der vietnamesischen Nachrichtendienste an der Botschaft Vietnams in Deutschland. An jenem Tag sollte die Geliebte von Trinh über Paris nach Berlin reisen. Mehrere Stunden hielten sich die Verdächtigen am Flughafen auf. Die Ermittler gehen deshalb davon aus, dass sie nicht genau wussten, wann die Geliebte landen würde. Einige Personen bezogen in der Ankunftshalle Position und überprüften die Passagiere der aus Paris ankommenden Linienflüge. Gegen Mittag kam die Frau in Berlin an. Mit dem Taxi fuhr sie direkt ins Hotel Sheraton. Die Verdächtigen folgten ihr im BMW X5. Welche Wege das Auto fuhr, konnten die Ermittler später über eine Abfrage der GPS-Daten herausfinden. Diese glichen sie mit der Funkzellenabfrage verdächtiger Telefonnummern ab, so ergab sich ein engmaschiges Netz verdächtiger Bewegungen.

          Die Geheimdienstler beobachteten das Liebespaar am folgenden Tag beim Besuch eines Brillengeschäfts in Berlin und am Abend dabei, wie es bei einem Italiener aß. Sie ließen Trinh Xuan Thanh und seine Geliebte nicht mehr aus den Augen. Die Gelegenheit, zuzuschlagen, war zu jenem Zeitpunkt besonders günstig. Beide Opfer waren im Sheraton in der Nähe des Tiergartens untergebracht und viel in der Stadt unterwegs. Normalerweise war Trinh deutlich vorsichtiger. Er lebte mit seiner Frau und seinen Adoptivtöchtern in einem Einfamilienhaus in Spandau und nicht in der dem Einwohnermeldeamt bekannten Wohnung. Trinh war außerdem von Freunden in Vietnam mehrmals gewarnt worden, dass er in Gefahr sein könnte. Entsprechend zurückgezogen soll er gelebt haben.

          Doch die Affäre gab den Geheimdienstlern eine einmalige Möglichkeit zum Zugriff. Sie hatten in Berlin in mehreren Hotels Zimmer bezogen, alle in unmittelbarer Nähe des Sheraton – die Dreistigkeit ihres Vorgehens zeigt sich auch daran, dass sie die Zimmer mit vollem Namen über ein Portal im Internet buchten. Im Hotel planten die Leute vom Geheimdienst nach Ansicht der Ermittler akribisch ihre Operation. Das ergibt sich aus den Verbindungsdaten der verdächtigen Telefonnummern. Ständig riefen sich die Vietnamesen gegenseitig an – General Hung etwa verließ sein Zimmer im Hotel zwei Tage lang kaum und telefonierte fast ununterbrochen. Ihn halten die Ermittler für den eigentlichen Kopf der Operation. Dass er jemals gefasst wird, ist allerdings fraglich: Denn der General verließ kurz nach der Tat das Land und flog wenig später zurück nach Vietnam.

          Folge eines Machtkampfs?

          Am Tag der Entführung verließen Trinh und seine Geliebte das Sheraton durch den Haupteingang. Kurz danach fuhr der Van in der Nähe los – wahrscheinlich hatte einer der Beschatter seine Komplizen informiert, dass es nun losgehen würde. Im Tiergarten ergriffen mehrere Personen Trinh und seine Geliebte und zerrten sie in den Van. Zeugen beobachteten die Tat. Aus ihren Aussagen ergibt sich, dass sich beide Opfer heftig gewehrt haben mussten. Einer der Zeugen ging davon aus, dass die Vertraute Trinhs einen epileptischen Anfall erlitt, so heftig habe sie um sich geschlagen. Ein anderer sagt am Mittwoch vor Gericht, er habe zuerst geglaubt, es handele sich bei der Gruppe um ein paar übrig gebliebene Feierwütige vom Christopher Street Day. Aber dann habe die Frau geschrien, und da sei ihm klar gewesen, dass sie nicht freiwillig mit zum Van gekommen sei.

          Die Entführer rasten anschließend an der Siegessäule vorbei, bogen in Richtung Brandenburger Tor ab und fuhren zur vietnamesischen Botschaft im Osten der Stadt. Vor allem die Stunden unmittelbar nach der Tat zeigen, wie akribisch sie geplant war: Handlanger stornierten die Zimmer in den Hotels, in denen sich die Köpfe der Operation aufgehalten hatten. Sie bezahlten in bar. Zu jenem Zeitpunkt half die Botschaft tatkräftig dabei mit, das Verbrechen zu vertuschen. So buchte eine Mitarbeiterin der vietnamesischen Botschaft ein One-Way-Ticket nach Hanoi über Peking und Seoul für die Geliebte Trinhs. Zwei Personen begleiteten die Frau auf dem Flug, einer von ihnen soll Verwaltungsmitarbeiter der Botschaft sein. Der letzte bekannte Aufenthalt der Frau ist ein Krankenhaus in Hanoi, wo sie wegen eines gebrochenen Arms behandelt wurde. Möglicherweise zog sie sich die Verletzung bei der gewaltsamen Entführung zu. Wo sich die Frau seitdem aufhält und wie es ihr geht, ist den Ermittlern bislang nicht bekannt.

          Politische Beobachter gehen davon aus, dass die Entführung von Trinh Xuan Thanh die Folge eines Machtkampfs in der Kommunistischen Partei Vietnams war. Denn eigentlich hatte Trinh in seiner Heimat steil Karriere gemacht. Er war ranghoher Parteifunktionär und Vorstandsvorsitzender eines staatseigenen Baukonzerns gewesen. Trinh galt als Vertrauter des ehemaligen Ministerpräsidenten und Reformers Nguyen Tan Dung und war sogar als stellvertretender Minister für Industrie und Handel im Gespräch. Doch auf dem 12. Parteitag der Kommunistischen Partei im Januar 2016 verloren die westlich orientierten Reformer einen Machtkampf gegen den konservativen Parteiflügel – Trinh fiel in Ungnade. Die vietnamesische Polizei ermittelte fortan wegen mehrerer Wirtschaftsdelikte gegen den einstigen Funktionär. Trinh floh über Laos und Thailand in die Türkei und reiste im August 2016 mit einem Diplomatenpass nach Deutschland ein. Dort beantragte er Asyl.

          Sprinter – der politische Newsletter der F.A.Z.
          Sprinter – der Newsletter der F.A.Z. am Morgen

          Starten Sie den Tag mit diesem Überblick über die wichtigsten Themen. Eingeordnet und kommentiert von unseren Autoren.

          Mehr erfahren

          Doch die vietnamesische Polizei ließ nicht locker. Mehrfach forderte sie die deutschen Behörden auf, Trinh auszuliefern. Ranghohe vietnamesische Politiker sprachen das Thema sogar am Rande des G-20-Gipfels in Hamburg an. Schließlich folgte die dreiste Entführung im Sommer.

          Dabei kommt der vietnamesischen Botschaft in Berlin eine besondere Rolle zu. Ein ranghoher Mitarbeiter half nach Ansicht der Ermittler dabei, Spuren zu verwischen. Er rief kurz nach der Tat einen Bekannten an, der in Berlin lebte. Diesen bat der Botschaftsmitarbeiter, er möge ihm bei der Abholung des Gepäcks einer Vietnamesin aus einem Hotel helfen. Die Frau habe einen Unfall gehabt. Der Bekannte erklärte sich dazu bereit; kurz darauf tauchte er mit einer Vollmacht an der Rezeption des Hotels Sheraton auf. Sie war unterschrieben von der Geliebten Trinhs, mitsamt einem Vermerk der Botschaft. So konnte der Gehilfe, der von der Entführung offenbar nichts wusste, das Zimmer ausräumen.

          Und sogar bis in die Slowakei reichen die Verwicklungen des vietnamesischen Geheimdienstes. Drei Tage nach der Entführung, am 26. Juli 2017, fuhren mehrere Tatverdächtige aus Prag mit einem gemieteten Auto nach Pressburg. Das Auto stellten sie auf dem Parkplatz des Hotels Borik ab – so geht es aus den GPS-Daten hervor. Das Hotel untersteht der slowakischen Regierungsverwaltung, und just an dem Tag, an dem die Verdächtigten dort parkten, fand im Borik ein Arbeitstreffen ranghoher vietnamesischer und slowakischer Politiker statt. An dem Treffen nahmen der vietnamesische Minister für öffentliche Sicherheit, To Lam, teil, sowie General Hung – der Hauptverdächtige und mutmaßliche Kopf der Entführung. Hung reiste dafür sogar gezielt aus Vietnam an, obwohl er Europa doch gerade erst verlassen hatte. Auf slowakischer Seite nahmen an den Gesprächen der damalige Innenminister Robert Kalinák und der stellvertretende Ministerpräsident teil.

          Ermittler halten es für wahrscheinlich, dass sich der Entführte Trinh zu diesem Zeitpunkt noch immer in Europa befand. Warum also das Treffen, zu dem gleich mehrere vietnamesische Hauptverdächtige kamen? Verhandelten Vietnam und die Slowakei darüber, wie man Trinh aus Europa würde schaffen können? Half die Slowakei unter Umständen sogar dabei? In slowakischen Medienberichten heißt es, die Gespräche dienten dem Ziel, die Zusammenarbeit beider Länder auf dem Feld der öffentlichen Sicherheit zu vertiefen. In diesem Sinne äußerte sich auch Innenminister Kalinák. Wenige Tage danach trat Trinh Xuan Thanh zum ersten Mal im vietnamesischen Fernsehen auf.

          Weitere Themen

          Riad weist CIA-Vorwürfe gegen Kronprinz bin Salman zurück Video-Seite öffnen

          Khashoggi-Mord : Riad weist CIA-Vorwürfe gegen Kronprinz bin Salman zurück

          Die Führung Saudi-Arabiens wehrt sich gegen Vorwürfe, Kronprinz Mohammed bin Salman habe den Mord an dem regimekritischen Journalisten Jamal Khashoggi angeordnet. Der amerikanische Geheimdienst CIA hält nach Medieninformationen den Kronprinzen für den Auftraggeber des Mordes.

          Topmeldungen

          Hier brach der Streit aus: Amazon-Logistikzentrum in Pforzheim (Baden-Württemberg).

          Nach jahrelangem Streit : Amazon-Streik nun vor Bundesarbeitsgericht

          Der Online-Handelsriese Amazon will eigentlich überhaupt keinen Streik dulden – schon gar nicht auf seinem Firmengelände. Deshalb zieht er nun bis vor das Bundesarbeitsgericht. Der Fall hat grundlegende Bedeutung, sagen Juristen.

          Nach der Acosta-Affäre : Trumps Verständnis von Anstand

          CNN-Reporter Jim Acosta ist zurück im Weißen Haus. Sein kurzzeitiger Rauswurf hat Konsequenzen für alle. Donald Trump setzt nun nämlich Regeln für die Presse auf. Manche Zeitung fragt, ob Acosta den Medien nicht einen Bärendienst erwies.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.