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Videoüberwachung Das Gesicht in der Menge

24.08.2006 ·  Auf dem Mainzer Hauptbahnhof testet das BKA mit 200 Freiwilligen eine bessere Erkennung verdächtiger Personen durch Videoüberwachung. Intelligente Systeme wie die biometrische Gesichtserkennung sollen einzelne Menschen in der Masse erfassen und umgehend identifizieren.

Von Ralf Euler und Katharina Iskandar
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An der Notwendigkeit, Flughäfen, Bahnhöfe und große Busstationen mit Kameras zu überwachen, besteht nach den nur knapp mißlungenen Anschlägen mit Kofferbomben auf Nahverkehrszüge kaum noch ein Zweifel. Angesichts der mangelnden Qualität der Videoaufnahmen vom Kölner Hauptbahnhof erscheint es allerdings erstaunlich, daß mit ihrer Hilfe einer der beiden mutmaßlichen Haupttäter identifiziert werden konnte.

Fachleute der Polizei legen denn auch weniger Wert auf den Ausbau der Videoüberwachung in den ohnehin bereits umfassend beobachteten Großbahnhöfen und Flughäfen, sondern bauen vor allem auf eine optimale Qualität der Aufnahmen.

Erkannt an den Rändern der Augenhöhlen

Die Hoffnung richtet sich dabei auf sogenannte intelligente Systeme wie die biometrische Gesichtserkennung. Falls es gelänge, mit Videokameras gestochen scharfe Aufnahmen auf Bahnsteigen und in Flughafenterminals zu machen, wäre im Idealfall binnen kurzer Zeit ein Abgleich mit den bei Bundes- und Landeskriminalämtern elektronisch gespeicherten Fahndungsfotos möglich. Von Oktober an testet das Bundeskriminalamt (BKA) daher am Mainzer Hauptbahnhof ein Kamerasystem, mit dem die Gesichter von Einzelpersonen in der Masse erfaßt und umgehend identifiziert werden sollen.

Falls der knapp viermonatige Versuch erfolgreich wäre, könnten Kontrollkameras schon in naher Zukunft die Gesichter von Reisenden scannen und charakteristische Merkmale mit im Fahndungscomputer gespeicherten Bildern vergleichen.

Tausende von Menschen würden dann nicht mehr nur gefilmt, sondern im Ernstfall automatisch überprüft und anhand ihrer Gesichtszüge erkannt - etwa den oberen Rändern der Augenhöhlen oder bestimmter Bereiche der Kieferknochen und des Mundes.

Ausreichend Raum zum Ausweichen

Sechs Kameras von drei Herstellern sowie eine zu Vergleichszwecken benötigte Kamera des Bundeskriminalamts werden für den Test von Anfang Oktober bis Ende Januar im Mainzer Bahnhof installiert. Über das Internet (siehe auch: BKA-Forschungsprojekt Foto-Fahndung) sucht die Wiesbadener Behörde derzeit 200 Freiwillige für den Versuch, die regelmäßig, das heißt möglichst einmal am Tag, durch die Eingangshalle der Station gehen.

Das Mainzer Pilotprojekt stehe in keinem Zusammenhang mit den jüngsten Anschlagsversuchen, sagt eine BKA-Sprecherin; die Planungen des für solche Forschungsvorhaben zuständigen Kriminalistischen Instituts des BKA liefen vielmehr schon seit Monaten.

Den Bahnhof der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt habe man ausgesucht, weil dort optimale Lichtverhältnisse und beste Aufnahmebedingungen herrschten. Zudem biete die Eingangshalle allen Personen, die nicht von den Kameras erfaßt werden wollten, ausreichend Raum, um auszuweichen. Die Geräte sind auf einen Teil der Treppen in der Eingangshalle und Personen gerichtet, die in Richtung Ausgang streben.

Daten nach 48 Stunden gelöscht

Von jedem Teilnehmer wird nach Angaben des BKA vor Beginn des Tests ein Foto gemacht und gespeichert. Dann werden alle den Überwachungsbereich durchquerenden Personen gefilmt und die Gesichtsbilder erkannter, möglicherweise aber auch unbeteiligter Personen festgehalten. Deren Daten werden anschließend auf einen Rechner im Kriminalistischen Institut des BKA übertragen und mit dem Bestand in der Datenbank verglichen.

Die Aufzeichnungen Unbeteiligter sollen spätestens nach 48 Stunden gelöscht sein, heißt es in Wiesbaden; Bilder und Daten der Testpersonen seien spätestens nach Abschluß des Projekts zu löschen. Zugriff auf die gesammelten Informationen hätten ausschließlich an dem Forschungsvorhaben unmittelbar Beteiligte.

Unbeteiligte im Visier der Fahnder

Die für das BKA entscheidende Frage ist, wie zuverlässig die elektronische Gesichtserkennung aus einiger Entfernung und in größeren Menschenmengen ist. Kritiker weisen darauf hin, daß für einen Erfolg optimale Aufnahmebedingungen herrschen müssen und warnen davor, daß es bei einem Einsatz im großen Stil zu Verwechslungen kommen und viele Unbeteiligte ins Visier der Fahnder geraten könnten.

„Genau das wollen wir prüfen“, heißt es beim BKA. „Wie leistungsfähig und verläßlich sind die auf dem Markt angebotenen Systeme?“ Die Auswertung der Testergebnisse werde voraussichtlich zwei Monate dauern. Ob, wann und wie die automatische Gesichtserkennung danach genutzt werde, entschieden ohnehin die Polizeien der Länder.

Denkbar ist der Einsatz nach Angaben des BKA etwa bei der Suche nach Vermißten oder der Fahndung nach Verbrechern, aber auch, um bereits aktenkundige Hooligans vom Besuch eines Fußballstadions abzuhalten. Datenschützer warnen indes vor einer fortschreitenden biometrischen Erfassung der Bevölkerung. Schlimmstenfalls könnten Aufnahmen aus den Überwachungskameras irgendwann mit den in Personalausweisen festgehaltenen persönlichen Kennzeichen verknüpft werden.

Das, so die Befürchtung, wäre ein weiterer Schritt hin zur totalen Kontrolle. Während die herkömmliche Videoüberwachung großer Menschenansammlungen inzwischen weitgehend akzeptiert scheint, steht die Debatte über die nächste Generation der Kameras erst am Anfang.

Bahn spricht von „Vollüberwachung“

Am Frankfurter Hauptbahnhof, einer der am besten gesicherten Stationen in Deutschland, sind indes bereits seit gut zehn Jahren mehr als hundert Kameras an den 24 Gleisanlagen und in der Vorhalle installiert. Die Deutsche Bahn spricht von einer „Vollüberwachung“. „Jeder Winkel in der Bahnhofshalle wird beobachtet“, sagt ein Bahn-Sprecher.

Darüber, wie viele Kameras möglicherweise in den nächsten Wochen hinzukommen könnten, schweigt das Unternehmen. „Wir wollen keine Transparenz“, heißt es in der Bundeszentrale in Berlin. Immerhin sei der Frankfurter Hauptbahnhof mit 350.000 Fahrgästen am Tag einer der größten Verkehrsknotenpunkte Europas - und somit ein mögliches Anschlagsziel.

„Wir sind sensibilisiert“

Wenn jetzt bekannt würde, welche Schwachstellen es im Frankfurter Hauptbahnhof möglicherweise gäbe, sagte ein Sprecher der Bahn, würde man Terroristen in die Hände spielen. „Wir nehmen die Lage sehr ernst.“ Dabei hatte die Deutsche Bahn in Frankfurt kurz nach den Kofferfunden in Dortmund und Koblenz noch davor gewarnt, Panik aufkommen zu lassen. Schließlich fange Kriminalität nicht beim Terrorismus an, sagte ein Bahnsprecher damals und verwies darauf, daß die meisten Delikte in Frankfurt Diebstahl, Vandalismus oder Körperverletzung seien.

Auch herrenlose Koffer habe man untersucht, aber nicht damit gerechnet, daß sie terroristischen Anschlägen dienen könnten. Nun, nachdem bewiesen ist, daß die Kofferfunde von Dortmund und Koblenz einen terroristischen Hintergrund haben, hat sich die Wahrnehmung verändert. „Wir sind sensibilisiert“, sagt ein Bahnsprecher.

Schließfächerzone „höchst gefährdet“

Gleichzeitig kündigt das Unternehmen eine engere Kooperation mit der Bundespolizei an, die schon jetzt in der Sicherheitszentrale der Deutschen Bahn sitzt und Zugriff auf sämtliche Daten hat, die mit den Kameras aufgezeichnet werden. Die Bundespolizei setzt auf Prävention. Schon Anfang August haben die Beamten begonnen, Fahrgäste gezielt anzusprechen, sollte am Gleis ein Gepäckstück stehen, das keinem Fahrgast zuzuordnen ist.

Sogenannte Zugmarshalls wolle man in Frankfurt zwar nicht einsetzen, dafür aber mehr Beamte der Bundespolizei, die gezielt Gepäckstücke beobachteten. Auch die Schließfächer würden observiert. „Wir werden sie nicht abschaffen“, sagte ein Unternehmenssprecher. Dennoch gelte gerade diese Zone als „höchst gefährdet“.

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Jahrgang 1960, Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.

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