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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Vertretungslehrer Klassenkampf der Pädagogen

Vertretungslehrer werden vor den großen Ferien entlassen, zu Schulbeginn müssen sie sich eine neue Stelle suchen - und oft die Schule wechseln. Die Zwangspause spart Geld, treibt manche Lehrer aber in Hartz-IV.

© dpa Vergrößern Unterricht an der Neckar-Schule in Nürtingen (Symbolbild)

Am Mittwoch muss Sebastian Goehl sein Fach im Lehrerzimmer der Haslachschule in Villingen-Schwenningen aufräumen. Für immer. Die Kollegen an der Grundschule im Schwarzwald waren mit der Arbeit des 26 Jahre alten Lehrers für Deutsch, Englisch und Mathe zwar höchst zufrieden, aber Goehl bekam nach dem Ende des Referendariats nur einen Vertrag als Vertretungslehrer.

Etwa 1600 Lehrerinnen und Lehrer melden sich zum Beginn der Sommerferien in Baden-Württemberg arbeitslos. Es sind größtenteils Vertretungslehrer oder Referendare, die nicht weiterbeschäftigt werden. „Das Land beschäftigt die Lehrer als Leiharbeiter. An der gleichen Schule kann ich auch keine Vertretungsstelle mehr bekommen“, sagt Goehl. Seine Examensnote sei 2,2, flexibel sei er auch und in den Schwarzwald gegangen, dennoch müsse er jetzt Hartz-IV beantragen. Um einen Antrag auf Arbeitslosengeld zu stellen, hat Goehl noch nicht lange genug gearbeitet. „Beim Arbeitsamt muss ich jetzt vier fünfstündige Fortbildungsmodule absolvieren, ich werde über die Arbeitsmarktsituation aufgeklärt und muss ein Bewerbungstraining machen“, sagt Goehl. Das sei für ihn „absolut nicht nötig“, das sehe auch die Beraterin beim Arbeitsamt so. „Das Land hat in meine Ausbildung investiert, mir bleibt nichts anderes übrig, als mich in anderen Bundesländern zu bewerben.“

Früher kritisierten, heute dulden SPD und Grüne diese Praxis

Dem 29 Jahre alten Gymnasiallehrer Clemens Günthner geht es ähnlich: „Ich werde bis zum 24. Juli bezahlt, wenn ich einen neuen Vertrag bekomme, beginnt der nach den Sommerferien an einer anderen Schule“, sagt Günthner. Weil er kürzer als zwölf Monate in die Sozialversicherungen eingezahlt hat, muss er für die kommenden Monate ebenfalls Hartz-IV beantragen. „Ich bin verheiratet, habe zwei kleine Kinder, meine Frau ist Bäckerin, mit ihrem Gehalt allein kommen wir nicht über die Runden“, sagt Günthner, der an der Realschule in Trossingen sogar Klassenlehrer gewesen ist - 500 Euro weniger hat er verdient als die im Beamtenverhältnis beschäftigten Kollegen.

Seit vielen Jahren zwingen die Landesregierungen in Baden-Württemberg, aber auch in Rheinland-Pfalz, Hessen, Bayern und vielen anderen Bundesländern Vertretungslehrer in den Sommerferien in die Zwangspause und nötigen sie, Hartz-IV oder Arbeitslosengeld zu beantragen. Im Juli 2012 waren in Baden-Württemberg 402 Lehrer arbeitslos gemeldet, im September waren es dann 1921. Viele davon waren Vertretungslehrer oder Referendare.

So ist das nun schon seit vielen Jahren. Weil die Landesregierungen eigentlich nur bei den Personalausgaben Geld sparen können, machen sie von diesem Trick gern Gebrauch. Ein Politikum ist es in Baden-Württemberg geworden, weil SPD und Grüne, als sie noch in der Opposition waren, diese Praxis häufig kritisierten, sie als Regierungsparteien seit zwei Jahren aber fortsetzen.

„Für Härtefälle wollen wir eine Lösung finden“

Die Zunahme der Arbeitslosigkeit bei Lehrern, so ein Sprecher des Kultusministeriums, habe damit zu tun, dass Vertretungskräfte nur eingestellt werden könnten, wenn ein „Vertretungsgrund“ vorliege, zum Beispiel Krankheit oder eine Schwangerschaft. Für die Jahre 2012 bis 2014 sei die Zahl der festinstallierten Krankheitsvertreter schon um 400 Lehrkräfte erhöht worden, so dass die Zahl befristeter Vertretungslehrer künftig zurück gehen werde. Für die Sorgen und Nöte zeigt sich das von Kultusminister Andreas Stoch (SPD) geführte Ministerium allerdings verständnisvoll: „Wir würden eine Weiterbeschäftigung der Vertretungskräfte aus sozialen Gründen befürworten.“ Das sei angesichts der angespannten Haushaltslage leider nicht finanzierbar. Stoch kündigte aber am Montag an, zu prüfen, was man für die etwa 200 Lehrer tun könne, die sich in mehreren Sommerferien hintereinander hätten arbeitslos melden müssen. „Für diese Härtefälle wollen wir eine Lösung finden.“

Hätte man die 427 Vertretungslehrer im Jahr 2012 über die Sommermonate weiter beschäftigt, hätte das zusätzliche Kosten in Höhe von bis zu 3,8 Millionen Euro bedeutet. Timm Kern, bildungspolitischer Sprecher der oppositionellen FDP hält es für dringend geboten, diesen „sehr unguten Zustand“ schnell zu beenden: „In einem ersten Schritt könnte man das Referendariat einfach um sechs Wochen verlängern. Der Staat kann seine Bediensteten nicht einfach mit sechs Wochen Arbeitslosigkeit begrüßen. Wenn es mehr fest angestellte Vertretungslehrer gibt, begrüße ich das natürlich.“

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