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Verbot von Rockerclub : Feucht durchwischen bei Satudarah

Mitglieder des niederländischen Rockerclubs „Satudarah“ auf der Gründungsfeier des deutschen Chapters im Sommer 2012 in Duisburg. Bild: Picture-Alliance

Zum ersten Mal wird ein bundesweites Verbot gegen eine Rockerbande erlassen. Bisher war die Wirkung solcher Maßnahmen begrenzt. Doch interne Querelen zeigen: Die Verunsicherung in der Rockerszene steigt. 

          Kistenweise transportieren Polizeibeamte am Dienstagmorgen ab sechs Uhr früh Dokumente, Plakate und Kutten aus dem Vereinsheim des Rockerclubs „Satudarah Maluku MC“ im Duisburger Stadtteil Rheinhausen. Auch das beinahe mannshohe Emblem des Clubs trägt ein Beamter zu einem Polizeiwagen. Duisburg ist nicht der einzige Schauplatz. Am Dienstag statten etwa tausend Polizeibeamte gleichzeitig in fünf Bundesländern den Vereinsheimen und Privatwohnungen der Rocker einen Besuch ab. Auch in Baden-Württemberg, Bayern, Niedersachsen und Bremen rückt die Polizei Satudarah zuleibe, doch Nordrhein-Westfalen ist der Schwerpunkt der Aktion. Da die Beamten damit rechnen, dass die Rocker nicht erfreut sind über den morgendlichen Besuch, erscheinen sie in größerer Zahl, sicher ist sicher. Doch es kommt nicht zu den befürchteten Gewaltausbrüchen.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Eckart Lohse

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Die Polizisten beschlagnahmen Computer, Drogen, Schutzwesten, Munition und Waffen aller Art – auch Schwerter. „Alles, was man so zu Hause hat“, sagt der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger (SPD) mit einem Grinsen im Gesicht, als er am Dienstagmittag an der Seite von Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) in Berlin über die Aktion berichtet. Anlass für die Großrazzia ist das erste bundesweite Verbot eines Rockerclubs. Bisher hat es Verbote immer nur in einzelnen Bundesländern gegeben, sie trafen nur regionale Rocker-Gliederungen, etwa in Düsseldorf, Hamburg oder Stuttgart. De Maizière hat das Verbot am Dienstag verfügt, weil von Satudarah eine „schwerwiegende Gefährdung für individuelle Rechtsgüter und die Allgemeinheit“ ausgeht. Zweck und Tätigkeit des Vereins und seiner Teilorganisationen im Inland liefen den Strafgesetzen zuwider, heißt es in der Begründung des Innenministers. „Das Satudarah-Verbot ist eine neue Qualität“, sagt Thomas Jungbluth, der als leitender Kriminaldirektor im nordrhein-westfälischen Landeskriminalamt für organisierte Kriminalität zuständig ist, im Gespräch mit dieser Zeitung. „Erstmals ist ganz Deutschland für einen kriminellen Rockerclub damit ‚no-go-area‘.“ Es gehe hier schließlich nicht um „motorradbegeisterte Menschen und Lagerfeuerromantik“, sagt Jäger in Berlin.

          Immer wieder brutale Morde im Rockermilieu

          Kriminelle Rockerbanden der Hells Angels, der Bandidos, der Mongols oder eben von Satudarah sind keine freiheitsliebenden Biker, die friedlich einem gemeinsamen Hobby nachgehen. Rocker sehen sich vielmehr selbst als „Outlaws“, sind darauf aus, rechtsfreie Räume zu schaffen, und führen sich als Herrscher der Unterwelt auf. Jedes achte Strafverfahren in der Kategorie organisierte Kriminalität richtet sich gegen einen von ihnen. Kriminelle Rockerbanden handeln mit Rauschgift, Waffen und Frauen, sie erpressen Schutzgeld, sie sind international vernetzt und agieren grenzüberschreitend. Und sie liefern sich untereinander schon seit vielen Jahren erbarmungslose Revierkämpfe.

          Immer wieder kommt es zu brutalen Morden. 2007 töteten zwei Bandidos in Ibbenbüren einen Hells Angel, 2009 ermordete ein „Höllenengel“ in Duisburg einen Bandido, ebenfalls vor sechs Jahren wurde in Berlin ein Hells Angel auf offener Straße erschossen. Anfang 2014 fand ein Angler am Rheinufer im Duisburger Stadtteil Mündelheim einen abgetrennten rechten Unterarm, den Ermittler nach einem Fotoabgleich einem 33 Jahre alten Hells Angel zuordnen konnten. Denn der Arm war von oben bis unten auffällig tätowiert – unter anderem mit der Zahl 81, die für die Anfangsbuchstaben von Hells Angels steht. Zwei Monate später fand ein Spaziergänger den verstümmelten Leichnam des Rockers im Duisburger Hafen.

          Seit Jahren gehen die Sicherheitsbehörden gegen kriminelle Rockerbanden vor. Dass de Maizière und Jäger am Dienstagmittag in Berlin das Verbot von Satudarah gemeinsam der Öffentlichkeit erläutern, ist als Zeichen an die Szene gedacht: Bund und Länder arbeiten im Kampf gegen Schwerkriminelle eng zusammen. So eng, dass sie nicht einmal sagen wollen, von wem die Initiative für das Verbot ausgegangen ist. De Maizière tut so, als wisse er das gar nicht mehr. Und als ein Mitarbeiter schließlich die Formulierung anbietet, dass die Erkenntnisse harmonisch zusammengekommen seien, freut sich der Bundesinnenminister und gönnt sich ein schelmisches Grinsen. So ein Satz gefällt ihm. Wie Bundeskanzlerin Angela Merkel ist er der Auffassung, dass die öffentliche Bewertung von Politik anhand von Ergebnissen und nicht von Entstehungsprozessen dieser Ergebnisse geschehen soll. Als er gefragt wird, ob auch bei anderen Rockerbanden ein bundesweites Verbot denkbar sei, zitiert er den vorher schon von Jäger im Zusammenhang mit Satudarah verwandten Satz: Über Verbote von Rockerbanden spreche man nicht, sondern man handele, wenn es so weit sei.

          Satudarah heißt übersetzt „ein Blut“

          Den Schlag gegen „Satudarah Maluku MC“ bereiteten die Sicherheitsbehörden von Bund und Ländern mehr als ein halbes Jahr lang vor. Allein in Nordrhein-Westfalen waren dann am Dienstag mehr als 540 Polizeibeamte eingesetzt, unter anderem in Aachen, Duisburg, Essen und Gelsenkirchen. Das erste sogenannte Chapter, also der erste der zuletzt acht Deutschland-Ableger von Satudarah, war im Juni 2012 in Duisburg gegründet worden. Seither, so berichtet Jäger, habe die Polizei in Nordrhein-Westfalen Satudarah genau beobachtet und die erforderlichen Beweise für ein bundesweites Verbot gesammelt. Der Rockerclub Satudarah stammt aus den Niederlanden und hat dort in seinen 65 Chaptern fast ausschließlich Mitglieder indonesischer Abstammung (Molukken). In Deutschland haben viele Satudarah-Rocker einen Migrationshintergrund, viele jedoch auch die deutsche Staatsbürgerschaft. Satudarah heißt übersetzt „ein Blut“. Die Bande gilt als besonders brutal. Mit ihrem Verbot wollen die Behörden den Rockern den Geldhahn zudrehen oder, wie de Maizière es ausdrückt: die Blutzufuhr in Form von Geld unterbrechen. Die niederländischen Behörden waren bei dem Schlag in Deutschland offenbar sehr hilfreich. Die Zusammenarbeit sei „hervorragend“ gewesen, lobt der Bundesinnenminister.

          Duisburg war neben Berlin schon vor der Satudarah-Gründung eine der Hochburgen der kriminellen Rockerszene in Deutschland. Doch durch den neuen Club spitzte sich die Lage in der Stadt am Niederrhein zu. Seit Anfang 2013 gab es hier immer wieder blutige Konflikte zwischen Mitgliedern von Satudarah und Rockern der Hells Angels. Kriminelle Rockerbanden liefern sich diese erbitterten Kämpfe, weil sie im Rauschgiftgeschäft oder im Türsteher- und Rotlichtmilieu miteinander konkurrieren. Doch trotz aller Feindseligkeiten galt unter Rockern lange ein ehernes Gesetz: Mit der Polizei wird unter keinen Umständen kooperiert.

          Umso spektakulärer war es deshalb, als mit Yildiray K. vor einem Jahr ausgerechnet ein Rocker-Präsident dieses „Schweigegelübde“ brach. Der frühere Chef des Duisburger Satudarah-Rockerclubs, der sich selbst „Ali Osman“ nannte, legte in einem Strafprozess ein umfangreiches Geständnis ab. K. verriet deutsch-niederländische Rauschgiftrouten und die Bezugsquellen von Waffen, mit denen er handelte. „Ali Osman“ war einst auch der erste Rocker, der in aller Öffentlichkeit von einem „Rockerkrieg“ sprach. In einer Boulevard-Zeitung hatte Yildiray K. großspurig angekündigt, dass es die Hells Angels in Duisburg so wie in Holland bald nicht mehr geben werde. „In Duisburg wird die Zukunft Europas entschieden“, hatte K. gesagt. In der Szene gilt der mittlerweile zu sechseinhalb Jahren Gefängnis verurteile K. als „vogelfrei“, weil er den „Rocker-Ehrenkodex“ gebrochen hat. Mehrfach erhielt er Todesdrohungen; seine Frau und seine Kinder stehen unter Polizeischutz, haben eine neue Identität bekommen und Duisburg verlassen.

          Ermittlungsdruck aufbauen und hochhalten

          Für die Ermittler war die Aussage von K. überaus hilfreich. Der ehemalige Rockerboss lieferte viele wertvolle Details über ranghohe Hintermänner der Satudarah-Mutterorganisation in den Niederlanden. Umfangreiche Verfahren waren danach gegen andere Rocker in Deutschland und in den Niederlanden möglich. Das Verbot von Satudarah ist nun die letzte Konsequenz aus den seit Jahren laufenden Ermittlungen. Im Kampf gegen die Rockerkriminalität brauchen die Ermittler „einen ganz langen Atem“, wie LKA-Mann Jungbluth sagt. Es gelte, über Jahre hinweg Ermittlungsdruck aufzubauen und hoch zu halten, oder wie der nordrhein-westfälische Innenminister am Dienstag in Berlin formuliert, den Rockern „auf den Füßen zu stehen“. Bei so gut wie allen Treffen und Veranstaltungen von Rockern sei die Polizei präsent. In den vergangenen Jahren seien in Nordrhein-Westfalen mehr als 21000 Rocker und 7300 Autos kontrolliert worden.

          Auch regionale Vereinsverbote werden in Nordrhein-Westfalen schon seit Jahren verfügt – so wurden die Hells Angels in Düsseldorf und Köln sowie die Bandidos in Aachen verboten. Doch ist die Wirkung von Verboten bisher begrenzt. Zwar geht den Rockern Geld verloren, weil das Vereinsvermögen eingezogen wird. Um das zu vermeiden, lösen sich Clubs immer wieder selbst auf. Häufig aber gründen Rocker nach Verboten einfach neue Clubs. Auch verharrt die Zahl der Rocker auf hohem Niveau. Gut 1200 sind es allein in Nordrhein-Westfalen. „Die hohe Zahl hat auch damit zu tun, dass wir die Szene immer besser durchleuchten und damit mehr Rocker kennen“, sagt LKA-Mann Jungbluth. Dass es zu Selbstauflösungen, Neugründungen und internen Querelen komme, sei Ausdruck der wachsenden Verunsicherung in der Rockerszene. Das sei ein wichtiger Erfolg. „Nicht unterschätzen darf man, dass Rocker nach Club-Verboten ihre Kutten nicht mehr tragen dürfen. Denn die Kutten sind ein wichtiges Instrument der suggestiven Militanz, mit der Rocker ihre Hoheits- und Gebietsansprüche durchsetzen.“

          Ist Satudarah mit dem Schlag am Dienstag erledigt? Thomas de Maizière ist zu erfahren, um das zu glauben. Gefragt, für wie groß er die Gefahr einer Wiedergründung des Clubs unter anderem Namen halte, sagt er am Dienstag im Bundesinnenministerium, es sei immer die Frage, ob etwas, das man verbiete, in einem anderen Gewand wiederauftauche. Als Beispiel nennt er die NPD. Das ändert für ihn jedoch nichts daran, dass ein Verbot ausgesprochen werden muss, wenn der Zeitpunkt gekommen ist. Jäger zieht seine Bilanz etwas humorvoller. Als er gebeten wird, zu schildern, wie man sich denn nun den Ablauf des Tages und die Folgen vorstellen müsse, fasst er es kurz zusammen: „Die Möbelpacker werden im Laufe des Tages fertig sein, dann wird feucht durchgewischt, und dann gibt es diese Vereinslokale nicht mehr.“

          Quelle: F.A.Z.

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