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Unter Clowns Steinbrück dechiffriert

 ·  Die SPD geht mit Steinbrücks Clown-Vergleich nachgerade offensiv um. War der jüngste Ausrutscher etwa gar kein Ausrutscher, sondern kalkulierter Tabubruch?

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© dpa Vergrößern Clown und Über-Clown: Steinbrück, kalkuliert ungeölt

Irgendetwas ist anders an der Debatte über Peer Steinbrücks jüngsten eigenwilligen Wortbeitrag. Wenn der SPD-Kanzlerkandidat bislang über das Kanzlergehalt, Weinpreise oder anonyme Spender sprach, von denen er nichts wisse, hagelte die öffentliche Kritik nur so auf ihn ein. Es folgten ein, zwei pflichtschuldige Verteidigungen von sozialdemokratischer Seite, ansonsten gingen die Genossen auf Tauchstation. Wenn die Kameras und Mikrofone abgeschaltet waren, verliehen viele von ihnen - bis hinein in oberste Etagen - ihrer Fassungslosigkeit über den Kandidaten Ausdruck.

Diesmal aber, da Steinbrück sein Entsetzen über das Abschneiden zweier „Clowns“ in der italienischen Parlamentswahl bekundete, stellt sich die Lage ein wenig anders dar. Gewiss, das Regierungslager drischt auf den Möchtegern-Kanzler ein, dessen Äußerungen den italienischen Staatspräsidenten veranlassten, ein geplantes Abendessen mit Steinbrück abzusagen. Aber das mediale Echo ist differenziert, Boulevard-Zeitungen loben Steinbrück gar für seinen Mut zum offenen Wort. Und die SPD geht mit der Angelegenheit nachgerade offensiv um: Steinbrück habe ausgesprochen, was er denke, sagte Generalsekretärin Andrea Nahles, Clown sei das Mindeste, was ihr zu Silvio Berlusconi einfiele. Der Kandidat habe es auf den Punkt gebracht, sekundierte Neben-Generalsekretär Thomas Oppermann, man dürfe wohl doch noch! Auch als Kanzlerkandidat!

Irgendetwas ist also diesmal anders. Womöglich das: Als Steinbrück seine Vortragshonorare für angemessen, das Kanzlergehalt für unangemessen, und Pinot-Grigio-Flaschen im Wert von unter fünf Euro für untrinkbar erklärte, gerierte er sich als einer, der andere gerne vor den Kopf stößt, der mit dem Unbequemen provoziert und mit seinen Ecken und Kanten kokettiert. Diesmal aber sprach er den meisten Deutschen aus der Seele. Sein Tabubruch bestand genau darin: zu sagen, was verantwortliche Politiker sich zu verkneifen haben - im Interesse des Staates. Tun sie es dennoch, sprechen sie das Populäre aus, handeln sie populistisch.

Verzicht auf die vermeintlichen Geheimcodes?

Da in Berlin die Frage, was eigentlich mit Steinbrück los ist, seit Monaten keine überzeugende Antwort gefunden hat, könnte man nun auf die Idee kommen, der Ausrutscher war gar kein Ausrutscher des Mannes mit der großen Klappe, sondern ein kalkulierter Tabubruch. Hatte Steinbrück auf dem politischen Aschermittwoch in Vilshofen nicht der bierseligen Masse zugerufen, er werde sich nicht verbiegen, er sei sicher, das Volk wolle „keinen geölten und keinen öden Politprofi“ haben? Ist nicht das in Potsdam erstmals getestete Redeformat „Klartext“ genau auf den bewussten Tabubruch durch Verzicht auf die vermeintlichen Geheimcodes der politischen Klasse angelegt?

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© reuters, Reuters Vergrößern Napolitano kritisiert Steinbrück: „Bedauerliche Angelegenheit“

Man muss Steinbrücks jüngste Eskapade nicht mit nachträglicher Rationalisierung überhöhen. Schließlich konnte er sicherlich nicht die Absage Giorgio Napolitanos auf der Rechnung gehabt haben. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Die gar nicht so unerfreuliche Resonanz auf die Clown-Schmähung könnte Steinbrück darin bestärken, in diesem Sinne fortzufahren. Das fürchten auch Genossen.

Der römische Staatsgast erklärte die Absage so: Jeder könne natürlich denken, was er wolle, „aber wenn man über gewisse Dinge spricht, die ein befreundetes Land betreffen und die das Ergebnis von freien Wahlen angeht, dann muss man wirklich sehr ausgewogen sein bei der eigenen Wortwahl“.

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