Home
http://www.faz.net/-gpg-77atp
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Unter Clowns Steinbrück dechiffriert

Die SPD geht mit Steinbrücks Clown-Vergleich nachgerade offensiv um. War der jüngste Ausrutscher etwa gar kein Ausrutscher, sondern kalkulierter Tabubruch?

© dpa Vergrößern Clown und Über-Clown: Steinbrück, kalkuliert ungeölt

Irgendetwas ist anders an der Debatte über Peer Steinbrücks jüngsten eigenwilligen Wortbeitrag. Wenn der SPD-Kanzlerkandidat bislang über das Kanzlergehalt, Weinpreise oder anonyme Spender sprach, von denen er nichts wisse, hagelte die öffentliche Kritik nur so auf ihn ein. Es folgten ein, zwei pflichtschuldige Verteidigungen von sozialdemokratischer Seite, ansonsten gingen die Genossen auf Tauchstation. Wenn die Kameras und Mikrofone abgeschaltet waren, verliehen viele von ihnen - bis hinein in oberste Etagen - ihrer Fassungslosigkeit über den Kandidaten Ausdruck.

Majid Sattar Folgen:  

Diesmal aber, da Steinbrück sein Entsetzen über das Abschneiden zweier „Clowns“ in der italienischen Parlamentswahl bekundete, stellt sich die Lage ein wenig anders dar. Gewiss, das Regierungslager drischt auf den Möchtegern-Kanzler ein, dessen Äußerungen den italienischen Staatspräsidenten veranlassten, ein geplantes Abendessen mit Steinbrück abzusagen. Aber das mediale Echo ist differenziert, Boulevard-Zeitungen loben Steinbrück gar für seinen Mut zum offenen Wort. Und die SPD geht mit der Angelegenheit nachgerade offensiv um: Steinbrück habe ausgesprochen, was er denke, sagte Generalsekretärin Andrea Nahles, Clown sei das Mindeste, was ihr zu Silvio Berlusconi einfiele. Der Kandidat habe es auf den Punkt gebracht, sekundierte Neben-Generalsekretär Thomas Oppermann, man dürfe wohl doch noch! Auch als Kanzlerkandidat!

Irgendetwas ist also diesmal anders. Womöglich das: Als Steinbrück seine Vortragshonorare für angemessen, das Kanzlergehalt für unangemessen, und Pinot-Grigio-Flaschen im Wert von unter fünf Euro für untrinkbar erklärte, gerierte er sich als einer, der andere gerne vor den Kopf stößt, der mit dem Unbequemen provoziert und mit seinen Ecken und Kanten kokettiert. Diesmal aber sprach er den meisten Deutschen aus der Seele. Sein Tabubruch bestand genau darin: zu sagen, was verantwortliche Politiker sich zu verkneifen haben - im Interesse des Staates. Tun sie es dennoch, sprechen sie das Populäre aus, handeln sie populistisch.

Verzicht auf die vermeintlichen Geheimcodes?

Da in Berlin die Frage, was eigentlich mit Steinbrück los ist, seit Monaten keine überzeugende Antwort gefunden hat, könnte man nun auf die Idee kommen, der Ausrutscher war gar kein Ausrutscher des Mannes mit der großen Klappe, sondern ein kalkulierter Tabubruch. Hatte Steinbrück auf dem politischen Aschermittwoch in Vilshofen nicht der bierseligen Masse zugerufen, er werde sich nicht verbiegen, er sei sicher, das Volk wolle „keinen geölten und keinen öden Politprofi“ haben? Ist nicht das in Potsdam erstmals getestete Redeformat „Klartext“ genau auf den bewussten Tabubruch durch Verzicht auf die vermeintlichen Geheimcodes der politischen Klasse angelegt?

© reuters, Reuters Vergrößern Napolitano kritisiert Steinbrück: „Bedauerliche Angelegenheit“

Man muss Steinbrücks jüngste Eskapade nicht mit nachträglicher Rationalisierung überhöhen. Schließlich konnte er sicherlich nicht die Absage Giorgio Napolitanos auf der Rechnung gehabt haben. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Die gar nicht so unerfreuliche Resonanz auf die Clown-Schmähung könnte Steinbrück darin bestärken, in diesem Sinne fortzufahren. Das fürchten auch Genossen.

Der römische Staatsgast erklärte die Absage so: Jeder könne natürlich denken, was er wolle, „aber wenn man über gewisse Dinge spricht, die ein befreundetes Land betreffen und die das Ergebnis von freien Wahlen angeht, dann muss man wirklich sehr ausgewogen sein bei der eigenen Wortwahl“.

23410683 Steinbrück nicht im Bild: Der italienische Präsident Napolitano ist am Donnerstag in Berlin von Kanzlerin Merkel empfangen worden. Frau Merkel habe … © AFP Bilderstrecke 

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Öffentlicher Dienst Chinas Beamte sollen mehr verdienen und weniger korrupt sein

Jobs in der chinesischen Verwaltung sind seit jeher beliebt – auch dank der Korruption. Damit die Bestechlichkeit der Beamten sinkt, sollen nun die lächerlich niedrigen Gehälter steigen. Mehr Von Hendrik Ankenbrand, Schanghai

19.01.2015, 06:35 Uhr | Wirtschaft
Viele Absagen Berliner Fashion Week steht unter keinem guten Stern

Viele Absagen, unter anderem von Hugo Boss, bringen den Veranstaltungskalender der Fashion Week durcheinander. Für F.A.Z.-Redakteur Alfons Kaiser stellt sich nicht nur deshalb die Frage, ob man in Berlin eine gelungene Veranstaltung hinbekommt. Mehr

21.01.2015, 11:08 Uhr | Stil
Streit in der großen Koalition Nahles: Keine sofortigen Änderungen am Mindestlohn

Gerade erst drei Wochen gilt der Mindestlohn von 8,50 Euro, schon drängen Union und Arbeitgeber auf Korrekturen. Arbeitsministerin Nahles erteilt sofortigen Änderungen nun eine Absage. Und widerspricht auch Kanzlerin Merkel. Mehr

24.01.2015, 15:18 Uhr | Wirtschaft
Ein Trend und seine Profiteure

Man kann Veganer merkwürdig oder schrullig finden, aber eines kann man nicht - sie ignorieren. Denn dazu sind sie mittlerweile zu präsent. Der Trend zum Verzicht aufs Tierische wächst und wird somit zum Wirtschaftsfaktor. Mehr

26.09.2014, 15:49 Uhr | Wirtschaft
Bahnräder auf der Straße Sechstagerennen sind so was von gestern

Auch das Sechstagerennen in Berlin kämpft ums Überleben, weil es der Zeit hinterher fährt und Trends verpasst. Doch es gibt Hoffnung. Eine neue Szene mit jungem Publikum und aufstrebenden Sponsoren will die Bahnräder auf der Straße holen. Mehr Von Michael Reinsch, Berlin

25.01.2015, 17:44 Uhr | Sport
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 28.02.2013, 16:51 Uhr

Der verlängerte Arm der AfD?

Von Jasper von Altenbockum

Die Spaltung von Pegida geht in eine Richtung, die der AfD zu einem verlängerten Arm verhelfen könnte. Wohin das die AfD treibt, wird sich am Wochenende in Bremen zeigen. Ein Kommentar. Mehr 137 16