15.06.2012 · Deutschland hat fünf neue Elite-Universitäten. Die Humboldt-Universität Berlin, die Universitäten in Bremen, Köln und Tübingen und die Technische Universität Dresden erhielten den Exzellenzstatus.
Von Heike SchmollRichtlinien für Lesermeinungen
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Eliten-Schaffung per Dekret...
Wenn man jenen, die diesen hanebüchenen Schwachsinn zu verantworten haben Glauben schenken darf, müssten also mit ein paar Mio. €, ein paar Kilo guten Willen und natürlich per staatlicher Verordnung, Elite-Unis, quasi aus dem Nichts geschaffen werden. So ähnlich denken auch die Ölscheichs im Nahen Osten. Der Unterschied ist, dass jene erkannt haben, dass Geld alleine nichts bringt, sondern, dass man, um so eine Elite-Uni zu betreiben, auch Top-Personal benötigt. Aber bekanntlich sind Oxford, Cambridge, die ETH, das MIT oder Havard auch einfach so aus dem Nichts entstanden...
Scheinlegitimation einer politischen Entscheidung
Als direkt von der Exzellenzinitiative Betroffener kann ich das alles
nicht für voll nehmen.
Erstens: Die absurden Begehungen, die weltfremde Propaganda. In Berlin
hat man die Gänge, die bei der Begehung passiert wurden, extra neu
gestrichen. In Freiburg hat man vor Instituten Kunstrasen verlegt, wo
der echte Rasen beschädigt war. Es wurden Doktoranden
Englisch-Crashkurse aufgezwungen, damit sie ihre Forschung
professioneller präsentieren können. Professoren wurden als
Jubelperser zusammengetrommelt. Und und und.
Zweitens: Die absurden Vergabekriterien. Einfacher und zum gleichen Ziel
führend wäre: Wir nehmen alle renommierten Unis und geben
ihnen abwechselnd einen Haufen Geld.
Drittens: Der Einsatz der Mittel. Exzellenzgelder fließen in
absurde Forschungsprojekte, wo sich die Professorenelite in nochmals
exponentiell elitäreren Zirkeln zusammenfindet, um gemeinsam
über die Forschungsgebiete der Anderen, von denen man keinerlei
Ahnung hat, zu dilettieren. Niemand wird davon klüger.
Schon jetzt zeichnet sich allenthalben ab, dass diese gigantische
Geldspritze letztlich wirkungslos geblieben ist. Im Gegenteil, sie
richtet deutlich mehr Schäden an als sie Nutzen bringt:
- Sie hemmt die Ideen kluger Köpfe: Insbesondere bei den
Exzellenz-Clustern handelt es sich um Konsensfassaden. Sie gehen nicht
auf eine geistige Initialzündung, eine geniale Idee zurück.
Vielmehr versammeln sich Forscher des Geldes wegen, um eine
wohlklingende Hülle zu kreieren. Das innovative Potential des
Einzelnen zählt dabei wenig.
- Sie verhindern konzentrierte Forschung: Als Mitglied eines Clusters
wandern zwei bis drei Sitzungstermine/Woche mehr in den professoralen
Kalender. Dazu kommen Tagungen, Evaluierungen, Folgeanträge... Die
Zeit geht der Forschung verloren.
- Wer Exzellent ist, muss weniger lehren. Freisemester und
Exzellenzkollegs belohnen die Antragssteller, indem sie sie von der
"lästigen" Lehre befreien. Das betrifft auch mal 2/3
eines Fachbereiches. Ausbildung ade!
Die Amis und Briten lachen uns aus.
Den Status einer Elite-Uni kann man nur durch Leistung erwerben. Durch
exzellente Forschung, exzellente Forscher und exzellente Lehre. Nicht
durch einen politischen Vergabemechanismus.
Einige Unis dürfen sich jetzt zeitlich befristet Elite-Uni nennen.
Eine Elite-Uni sind sie deswegen trotzdem nicht.
Was geschieht dann nach den 5 Jahren mit dem Auslaufen dieser
Mini-Förderung ? Dann wird ab dem 1.1.2018 aus der Elite-Uni wieder
eine Normal-Uni ?
Mein Gott ist das lächerlich.
Humboldt Universität ist nicht ostdeutsch?
Von den fünf neuen "Elite-Universitäten" sind zwei ostdeutsch, nicht fünf. Nicht, dass das irgend wie wichtig und entscheidend wäre, aber nur mal so neben bei.
Das Gesetz der unbeabsichtigten Konsequenzen ...
... wird auch hier wieder sein Werk tun. Nichts gegen Forschungsförderung. Aber mit dieser Verlautbarung werden doch alle übrigen Unis offiziell als zweitklassig erklärt. Mir tun künftige Stellenbewerber jetzt schon leid: "Ach so, also dort haben Sie studiert? Na, wir rufen Sie dann an, falls mal etwas frei wird."
Antwort (1) zu dieser Lesermeinung anzeigen neueste Antwort: 16.06.2012 08:29 UhrForschung und Lehre
Da ist was dran, aber wo findet denn -- in den Zeiten von Bologna -- ueberhaupt noch Forschung statt?
Spannender ist die Frage: Was bringt diese Initiative?
Die, welche ohnehin schon gut ausgestattet sind, werden mit Geld zugeschüttet.
Ich bezweifele, dass wissenschaftliche Qualität und
Kreativität mit der Geldmenge skaliert.
Wenn doch dieser Blödsinn aufhören würde...
Was heißt denn Elite-Uni? Das heißt doch, daß bei
gleichbleibender oder sinkender Förderung, andere
Universitäten weniger Geld bekommen, oder?
Vielleicht sollte man besser die Ansprüche aller Unis auf eine
ähnliche Ebene bringen und dafür sorgen, daß jede Uni
Universitäten gute Studenten produziert. Das ist nicht eine Frage
der individuellen Förderung, sondern des Anspruchs an die Studenten
und an die Lehrqualifikation der Professoren.
Bildungsinflation kann nicht mit punktuellen Finanzspritzen, sondern nur
mit einem Wandel der Einstellung weg von Studentenquantität zur
Studentenqualität erreicht werden.
Heike Schmoll Jahrgang 1962, politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.
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