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Veröffentlicht: 11.11.2014, 14:09 Uhr

Umstrittene Sexualerziehung Angst vor „Pornografisierung“ der Schule

Der Bildungsplan der Landesregierung von Baden-Württemberg treibt viele Eltern auf die Barrikaden, obwohl es nicht einmal einen Entwurf gibt. Empört sind viele über den Passus zur Sexualerziehung, der die „Vielfalt“ und die Gleichwertigkeit sexueller Orientierungen in den Vordergrund stellt.

von , Stuttgart
© Peter von Tresckow Umstritten: Die Lehre von der Gender-Forschung

Eine Versachlichung der Diskussion über die künftige Rolle der Sexualerziehung an den baden-württembergischen Schulen hat sich noch nicht in dem Maße eingestellt, wie es sich die grün-rote Landesregierung wünscht: Erst Ende Oktober demonstrierten die Gegner einer an Toleranz orientierten Sexualerziehung zum sechsten Mal in der Stuttgarter Innenstadt.

Rüdiger Soldt Folgen:

Sie ließen blaue und lila Luftballons steigen und führten ein Transparent mit der Aufschrift „Ehe und Familie vor! Stoppt Gender-Ideologie und Sexualisierung unserer Kinder!“ auf dem Demonstrationszug mit sich. 1.200 Bürger beteiligten sich an dem Aufmarsch.

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Neue Nahrung hatte die Anfang des Jahres entstandene bundesweite Diskussion über die Sexualerziehung in den Schulen auch bekommen, weil der Landtag mit grün-roter Mehrheit kürzlich eine Petition der Bildungsplangegner abgelehnt hatte und weil der  Landesvorsitzenden des baden-württembergischen  Philologenverbandes, Bernd Saur, in einem Zeitschriftenartikel vor einer „Pornografisierung“ an den  Schulen gewarnt hatte.

Neue Sexualerziehung orientiert sich an Gender-Theorie

Einige moderne Sexualpädagogen wollten „Spermaschlucken, Dirty Talking und sonstige Sexualpraktiken“ im Unterricht thematisieren, lautete Saurs Vorwurf. Er  hatte hierbei aber eher die Theorien der „Gesellschaft für Sexualpädagogik“ und der Professoren Uwe Sielert (Kiel) und Elisabeth Tuider (Kassel) im Blick, die in entsprechenden Veröffentlichungen eine an der Gender-Theorie orientierte Sexualerziehung empfehlen.

Saurs Beitrag hatte im Südwesten jedoch abermals zu einer Diskussion über den Bildungsplan geführt. Die SPD-Fraktion im Landtag fühlte die Bildungspolitik des Landes diskreditiert und hatte von Saur eine Entschuldigung verlangt. Der Fraktionsvorsitzende Claus Schmiedel hatte Saur hierzu einen Brief geschrieben. Und Kultusminister Andreas Stoch (SPD) hatte sich zum wiederholten Mal gegen den Vorwurf verwahrt, dass die grün-rote Landesregierung eine „Sexualisierung der Schule“ oder eine Herabsetzung von Familien im Sinn habe.

Kretschmann entschärfte Debatte um Bildungsplan

In dem im Januar bekannt gewordenen Arbeitspapier war eine „Vielfalt in der sexuellen Identität und Orientierung (Hetero-, Homo-, Bisexualität; Transsexuelle, Transgender und Intersexuelle)“ gefordert worden. Nach einer wochenlangen Debatte hatte Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne)  Anfang April auf die Kritik reagiert. Kretschmann setzte durch, dass „Sexuelle Vielfalt“ allein im neuen Bildungsplan kein Querschnittsthema mehr sein wird. Im Kapitel „Bildung für Toleranz und Akzeptanz und Vielfalt“ soll es nur noch neben den Themen religiöser oder zum Beispiel ethnischer Toleranz diskutiert werden.

Derzeit gibt es nur eine überarbeitete Fassung des Arbeitspapiers, die seit Anfang April öffentlich ist. Dort heißt es, die Schüler sollten lernen, „die Präsenz von Menschen unterschiedlicher Kulturen, Nationalitäten, Ethnien, Religionen und Weltanschauungen“ sowie „sexueller Orientierung“ und geschlechtlicher Identität“ zu recherchieren und „wertneutral“ zu berichten.

Sie sollten ferner lernen, zwischen „Normalität und Norm/Normativität“ zu unterscheiden. An unterschiedlichen sexuellen Orientierungen werden „Schwule, Lesben, Bisexuelle, Transsexuelle, Transgender und Intersexuelle“ genannt. Familienformen und Formen des Zusammenlebens sollen auch thematisiert werden; in  welchem Verhältnis Familien und die anderen sexuellen Orientierungen im Unterricht stehen werden, lässt sich aus dem Arbeitspapier noch nicht eindeutig entnehmen.

Derzeit werden diese Formulierungsvorschläge im Unterricht erprobt und von den Lehrern in den Fachkommissionen diskutiert. Im Herbst 2015 soll dann eine Entwurfsfassung des neuen Bildungsplans vorliegen, der mit dem Landeselternbeirat, dem Schülerbeirat und dem Landeschulbeirat intensiv diskutiert werden wird.  „Die Verbände werden dann ausführlich zu der dann vorliegenden Entwurfsfassung Stellung nehmen. Die  Erfahrungen aus dem Schulalltag werden ebenso eingearbeitet“, sagte eine Sprecherin des baden-württembergischen Kultusministeriums faz.net.

Der neue Bildungsplan für die allgemeinbildenden Schulen, für die Gymnasien gibt es einen eigenen Bildungsplan, soll zum Schuljahr 2016/2017 in Kraft treten. Die nächste Landtagswahl ist im Frühjahr 2016.
Kultusminister Stoch widmete  sich erst Anfang der Woche einem anderen Aspekt des neuen Bildungsplans: Er betonte die  größere Bedeutung der beruflichen Bildung im neuen Bildungsplan und unterzeichnete zu diesem Zweck eine Rahmenvereinbarung  mit der Bundesagentur für Arbeit (BA).

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