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Studie zu Pegida-Demonstranten : Die alltägliche Unzufriedenheit

Islamisierung des Abendlandes? Aus diesem Grund gehen die allermeisten Demonstranten nicht zu den Pegida-Kundgebungen Bild: AP

Die TU Dresden befragte Pegida-Demonstranten – und kommt zu eindeutigen Ergebnissen. Die „Islamisierung des Abendlandes“, wogegen sich Pegida angeblich richtet, spielt für mehr als drei Viertel der Befragten überhaupt keine Rolle.

          Womöglich muss Pegida umbenannt werden, vielleicht in „Pegump – Patriotische Europäer gegen die Unzufriedenheit mit der Politik“. Dies ist jedenfalls nach einer Studie der TU Dresden mit großem Abstand der Hauptgrund, warum Menschen an den montäglichen Demonstrationen in Dresden teilnehmen. 54 Prozent der Befragten äußerten sich in diesem Sinne, weitere 20 Prozent wollen mit ihrer Teilnahme ihre Kritik an Medien und Öffentlichkeit zum Ausdruck bringen, 15 Prozent äußerten Vorbehalte gegenüber Asylbewerbern und Zuwanderern. Angst vor religiöser Gewalt führten lediglich fünf Prozent als Grund an, ergab eine empirische Studie eines Teams der Technischen Universität Dresden um den Politikwissenschaftler Hans Vorländer.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Die Wissenschaftler befragten bei den vergangenen drei Demonstrationen im Dezember und Januar rund 400 Teilnehmer, wobei sich lediglich ein Drittel der Demonstranten überhaupt zu Interviews bereit erklärte. (Die Angabe ist missverständlich. Für die Untersuchung des Politikwissenschaftlers Hans Vorländer wurden mehr 1000 Teilnehmer mehrerer Pegida-Demonstrationen angesprochen. Knapp 400 Teilnehmer waren bereit zu antworten.) Die Bereitschaft sei jedoch von Mal zu Mal gestiegen, erklärte Vorländer bei einer Pressekonferenz am Mittwoch in Dresden. Nach Angaben der Forscher komme der typische Pegida-Demonstrant aus der sächsischen Mittelschicht, sei überwiegend männlich, durchschnittlich 48 Jahre alt, konfessionslos, nicht parteigebunden, gut ausgebildet, berufstätig und verfüge über ein für sächsische Verhältnisse etwas überdurchschnittliches Nettoeinkommen.

          Tausende auf den Straßen : Demonstrationen für und gegen Pegida

          Die „Islamisierung des Abendlandes“, wogegen sich Pegida angeblich richtet, spielt für mehr als drei Viertel der Befragten überhaupt keine Rolle. Lediglich 23 Prozent gaben „Islam, Islamismus und Islamisierung“ als Grund für ihre Teilnahme an. Allerdings seien bei 42 Prozent Vorbehalte gegen Muslimen oder dem Islam besonders ausgeprägt, je 20 Prozent nannten darüber hinaus Sorgen vor hoher Kriminalität durch Asylbewerber sowie Angst vor sozioökonomischer Benachteiligung.

          Hoher Bildungsabschluss, kaum Arbeitslose

          Anders als angenommen werde der Protest auch nicht von Rentnern oder Arbeitslosen getragen, sagte Vorländer. Vielmehr gab knapp die Hälfte der Befragten an, Arbeiter und Angestellte zu sein, ein Fünftel bezeichnete sich als selbständig, 18 Prozent als Rentner und lediglich zwei Prozent als arbeitslos. Überraschend sei laut Vorländer auch, dass die Mehrzahl der Befragten einen hohen Bildungsabschluss habe sowie über ein vergleichsweise hohes Nettoeinkommen verfüge. 38 Prozent hätten die Realschule abgeschlossen, 28 Prozent ein Studium absolviert und 16 Prozent das Abitur. Lediglich fünf Prozent gaben einen Hauptschulabschluss an.

          Der Studie zufolge sind drei Viertel der Pegida-Teilnehmer konfessionslos, ein Fünftel protestantisch. Zwei Drittel fühlen sich keiner Partei verbunden, unter den anderen führt mit 17 Prozent die AfD vor der CDU (9 Prozent), der NPD (4) und der Linkspartei (3). Zudem kämen je ein Drittel der Demonstranten aus Dresden und Sachsen, weitere neun Prozent aus Ost- sowie sechs Prozent aus Westdeutschland.

          Auf Distanz zu Politikern und Medien

          „In den Befragungen kommt eine grundlegende, tiefe Kluft zwischen Massenmedien, der veröffentlichten Meinung und der etablierten Politik auf der einen sowie den Problemen des Bürgers und dem ‚Willen des Volkes’ auf der anderen Seite zum Ausdruck“, sagte Vorländer. Eine detaillierte Befragung zum Punkt „Unzufriedenheit mit der Politik“ ergab, dass ein Viertel der Teilnehmer eine allgemeine Distanz zwischen Volk und Politikern empfinden. 20 Prozent sind unzufrieden mit der Asylpolitik. 18 Prozent gar mit dem politischen System der Bundesrepublik. Weiter gaben je 15 Prozent an, mit der Politik im Allgemeinen sowie mit der Zuwanderungs- und Integrationspolitik unzufrieden zu sein.

          Auch den zweiten Hauptpunkt für die Teilnahme, die Kritik an Medien und Öffentlichkeit, untersuchten die Forscher näher. Demnach werfen 46 Prozent der Demonstranten den Medien einseitige sowie Tendenzberichterstattung vor, 39 Prozent antworteten, Pegida werde in den Medien diffamiert, 15 Prozent empfinden „Sprechverbote im gesellschaftlichen Diskurs“.
          Laut den Wissenschaftlern ist Pegida für die Mehrheit der Teilnehmer vor allem eine Möglichkeit, tief empfundene, bisher nicht öffentlich artikulierte Ressentiments gegenüber einer politischen und meinungsbildenden Elite zum Ausdruck zu bringen. „Diese Gegenüberstellung von ‚Die da oben’ und ‚Wir da unten’ in Kombination mit fremdenfeindlichen Einstellungen wird traditionell zum rhetorischen Arsenal rechtspopulistischer Strömungen gerechnet“, sagte Vorländer.

          Für die Zukunft der Dresdner Demonstrationen sehe er zwei Möglichkeiten: Entweder münde Pegida in eine rechtspopulistische Bewegung, wie es sie in vielen anderen europäischen Ländern auch gebe oder sie werde zum verlängerten Arm der AfD.

          Quelle: FAZ.NET

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