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Ulrich Kirsch im Gespräch „In Afghanistan rinnt uns die Zeit davon“

29.11.2008 ·  Oberstleutnant Ulrich Kirsch wird neuer Vorsitzender des Bundeswehrverbands. Im Gespräch mit der F.A.Z. erklärt er, warum der Afghanistan-Einsatz noch lange nicht zu Ende ist und wie er es mit der Wehrpflicht hält.

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„Eine ähnliche Lage wie in Afghanistan kann ich mir nicht mehr vorstellen“, sagt Ulrich Kirsch. Im F.A.Z.-Gespräch schlägt der designierte Vorsitzende des Bundeswehrverbands kritische Töne an: Deutschland habe als „lead nation“ in Afghanistan nichts zusammengebracht und sich bei der Ausbildung der afghanischen Polizei aus der Verantwortung gestohlen.

Für die Krisenherde der Zukunft müsse man schon jetzt vorsorgen und dürfe sich nicht vor unangenehmen Fragen drücken. Zum Beispiel „Wie halten wir es mit der allgemeinen Wehrpflicht?“

Herr Oberstleutnant, worin sehen Sie Ihre vordringlichsten Aufgaben, wenn der Bundesvorstand Sie wie geplant zum Vorsitzenden wählt?

Ich möchte, wenn ich denn gewählt werde, zunächst einmal die erfolgreiche Politik von Bernhard Gertz fortsetzen. Schwerpunkte sehe ich in unseren Kernkompetenzen. Das ist das weite Feld der sozialen Belange der Soldatinnen und Soldaten. Sicherlich aber auch, die politische Diskussion zu begleiten und dort auch klar Stellung zu beziehen.

Bernhard Gertz hat durch seine öffentliche Präsenz die Marke Bundeswehrverband stark mit seiner Person identifiziert. Ist das ein Problem für Sie?

Nein. Ich bin ein anderer Typ. Aber wir haben auch viel gemeinsam und in den letzten drei Jahren sehr gut zusammengearbeitet. Was das Einmischen in die öffentliche Diskussion und die Medienpräsenz betrifft, wird sich nichts ändern.

Haben Sie denn auch vor, einen Verteidigungsminister einmal als Witzblattfigur zu bezeichnen, wie es Gertz einmal über Scharping gesagt hat?

(lacht) Das Wichtigste ist, dass wir alle gut miteinander zusammenarbeiten, um Dinge bewegen. Dass es auch mal zu Situationen kommen kann, wo man miteinander streitet, das ist normal. Die Frage ist, ob man das nicht besser im direkten Richten miteinander macht, hinter verschlossenen Türen. Denn wenn man nicht miteinander redet, dann bleiben die Sachthemen auf der Strecke. Das ist immer mein erster Ansatz. Das hat auch Bernhard Gertz nicht anders verstanden.

Was haben Sie bisher im Verband gemacht?

Ich hatte schon früher immer wieder eine kleine Aufgabe auf regionaler Ebene gehabt - soweit es die Hauptaufgabe zuließ. Als Bataillonskommandeur kann man eben nur begrenzt Verbandsarbeit machen. Eines schönen Tages kam der Verband auf mich zu und hat mich gefragt, ob ich mir denn vorstellen könnte, als einer der beiden Stellvertreter zu fungieren und als späterer Bundesvorsitzender aufgebaut zu werden. Ich bin, das darf ich wohl für mich in Anspruch nehmen, ein Mensch der Basis. Da komme ich her, und da habe ich auch bisher meine verbandlichen Aufgaben gesehen.

Als stellvertretender Vorsitzender sind Sie seit drei Jahren unter anderem für Einsätze zuständig. Wie sehen Sie die Erfolgsaussichten in Afghanistan?

Zunächst sollten wir nicht vergessen, dass wir auch an ganz vielen anderen Stellen auf der Welt sind. Auf dem Balkan sind genauso viele Frauen und Männer im Einsatz wie am Hindukusch. Aber Afghanistan steht natürlich ganz vorne im Moment, es ist der gefährlichste Einsatz. Dort rinnt uns die Zeit unter den Händen davon. Der militärische Einsatz läuft so, wie er in einem Land laufen muss, wenn der dortige Aufstand aus dem Nachbarland ständig mit fanatischen Kämpfern genährt wird. Und im Süden Pakistans haben wir keine Chance, so zu wirken, dass man das verhindern kann.

Daher werden wir, denke ich, noch in fünf, vielleicht auch noch in zehn Jahren diese Infiltration haben. Deswegen kommt der Ausbildung der afghanischen Armee eine ganz besondere Bedeutung zu. Wir müssen sie so ausbilden, so ausrüsten, dass sie das selber können.

Wo läuft es falsch?

Ich hätte es mir sehr gewünscht, dass wir ein umfassenderes Mandat im Parlament gehabt hätten. Es wird immer nur das Militärische mandatiert. Das greift alles viel zu kurz. Keiner mandatiert das, was das Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit zu erbringen hat, was das Innenministerium zu stellen hat. Die Polizeiausbildung an die europäische Eupol zu verschieben war ein Stück weit Herausstehlen aus der Verantwortung. Deutschland hat als „lead nation“ nichts zusammengebracht. Das ist ein dunkles Kapitel unserer Afghanistan-Politik.

Was kann überhaupt ein Militäreinsatz leisten?

Soldaten können nur ein stabiles Umfeld erzeugen und erste vertrauensbildende Maßnahmen schaffen. Das haben wir ja auch gemacht. Aber der Wechsel von den Aufgaben, die wir erfüllen konnten, hin zu dem, was erforderlich ist, damit der zivile Aufbau stattfinden kann, der hat zu spät stattgefunden.

Wird es überhaupt je wieder einen solchen Einsatz wie in Afghanistan geben können?

Ich halte es hier mit Helmut Schmidt, der sagt, Leute, seid sehr, sehr vorsichtig, wenn ihr in ein anderes Land hineingeht. Eine ähnliche Lage wie in Afghanistan kann ich mir nicht vorstellen.

Die Bundeswehr ist in den vergangenen Jahren auf Einsätze ausgerichtet worden. Aber Sie klingen jetzt nicht so, als ob Sie hier die hauptsächlichen Aufgaben der Bundeswehr sehen.

Wenn wir 2010 die geplante Struktur der Bundeswehr erreicht haben, müssen wir noch einmal sehr genau darüber nachdenken, wie die Reise weitergehen soll. Auch darüber, wie es mit unserer militärischen Landesverteidigung aussieht. Im Weißbuch finden Sie das Wort „Rekonstitution“, also Wiederaufwuchs der Streitkräfte, anders als in den früheren Dokumenten gar nicht mehr. Wenn man sieht, wie schnell die Lage sich ändern kann, ich nenne mal als Beispiele Georgien oder auch die Bankenkrise, dann muss man vielleicht doch etwas mehr Vorsorge treffen, als wir das im Moment tun.

In dem Zusammenhang stellt sich auch die Frage: Wie halten wir es mit der allgemeinen Wehrpflicht? Wenn ich eine strukturelle Aufwuchsfähigkeit brauche, dann brauche ich natürlich auch Menschen, die in diesen Aufwuchs hineinpassen, ich brauche die Infrastruktur dafür, all diese Dinge. Ohne den Kalten Krieg zurückholen zu wollen, ist nach wie vor Hauptauftrag der Bundeswehr die Landes- und Bündnisverteidigung.

Also: Wie halten wir es mit der Wehrpflicht?

40 Prozent unseres Nachwuchses kommen über die Wehrpflicht. Wer uns das nimmt, der schlägt uns ein Bein ab. Aber die Wehrpflicht muss weiterentwickelt werden. Mich irritiert, dass ich den Eindruck habe, dass niemand, auch nicht im Bundesministerium der Verteidigung, derzeit an einem Konzept arbeitet. Ich habe manchmal den Eindruck, dass wir da ziemlich alleine sind.

Der Ansatz, den unsere Wehrpflichtigen-Beisitzer vorgelegt haben, weist in die richtige Richtung, auch wenn er sicher nicht alle Lebensbereiche gleichermaßen umfasst und keine Mehrheit in unserem Bundesvorstand gefunden hat. Ich kann mir gut eine Verkürzung vorstellen. Das würde so aussehen, dass wir dem Grundwehrdienstleistenden das Handwerkszeug mitgeben, das jeder Soldat haben muss, und wir ihm dann wie schon jetzt anbieten, weiter freiwillig Wehrdienst zu leisten bis zu 23 Monaten.

Die Fragen stellte Stephan Löwenstein.

Quelle: F.A.Z.
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