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Übergang ins Gymnasium : Nicht ohne Zugangshürden

Es ist ein Fehler, Eltern allein die Entscheidung darüber zu überlassen, ob ihre Kinder aufs Gymnasium gehen (können). Was viel zu lange tabu war, wird nun auch in Berlin gefordert: eine Beschränkung des Gymnasialzugangs.

          Allein im vergangenen Schuljahr haben achthundert Berliner Schüler das Probejahr auf dem Gymnasium nicht bestanden. Der Wechsel zu einer weiterführenden Schule nach der Klasse 6 und daher mitten in der Pubertät scheint alles andere als günstig zu sein, die Freigabe des Elternwillens noch weniger. Die Sekundarschulen stehen vor dem unlösbaren Problem, dass sie in den achten Klassen keine Plätze mehr frei haben. In manchen Stadtteilen wie im Problembezirk Neukölln sind sie gezwungen, Extraklassen für die gescheiterten Gymnasiasten einzurichten. In Berlin werden sie schon als „Loser-Klassen“ verspottet. Die Kinder, die ihr eigenes Scheitern verkraften müssen, werden damit auch noch äußerlich gebrandmarkt und gleich zu Beginn ihres Wechsels auf der weiterführenden Schule entmutigt. In Zeiten der Inklusion wirken solche Klassen der Gescheiterten wie Hohn.

          Was viel zu lange tabu war, wird nun auch in Berlin vernehmlich gefordert: eine Beschränkung des Gymnasialzugangs. Für Grundschüler mit einem schlechteren Notenschnitt als 3,5 könnte es einen Test geben, um die Hürde höher zu legen, meint nun sogar eine Bezirksstadträtin. Wer einen Durchschnitt von 3,5 oder 3,0 hat, wird auf dem Gymnasium allerdings auch nicht ohne weiteres mitkommen. Es ist kein Zufall, dass Sachsen die besten Gymnasialleistungen vorweisen kann. Im Freistaat sind die Notengrenzen im Grundschulzeugnis auf 2,0 in Deutsch, Sachkunde und Mathematik angehoben worden.

          Den Kindern keinen Gefallen getan

          Länder, die den Zugang auf weiterführende Schulen völlig freigegeben haben und die Entscheidung darüber allein den Eltern überlassen, haben weder ihren Schulen noch den Kindern einen Gefallen getan. Der scheinbar libertäre Akt öffnet falschem elterlichen Ehrgeiz Tür und Tor. Da inzwischen auch Bildungsgurus Eltern einreden, jedes Kind sei hochbegabt, wundert es nicht, dass sich Eltern von derlei Utopien beeinflussen lassen - decken sie sich doch vielfach mit ihren eigenen Wünschen.

          Auch Hamburger Schülern wird der Wechsel auf eine andere weiterführende Schule mit einer dreijährigen Oberstufe erschwert. Gymnasiasten, die in der zehnten Klasse gern in die Stadtteilschule gingen, um dort nach 13 Jahren Abitur zu machen, müssen direkt von der zehnten in die 12. Klasse wechseln. Die Stadtteilschulen sollen auf diese Weise davor geschützt werden, zur „Restschule“ zu werden - zu Lasten der Gymnasien. Denn sie werden gezwungen, auch Kinder, die nicht für ihre Schulform geeignet sind, auf Gedeih und Verderb bis zum Abitur mitzuschleppen - zum Schaden der Kinder, die möglicherweise ein Jahr länger bis zum Abitur brauchen, und zu ihrem eigenen Nachteil.

          Fünfmal mehr Sitzenbleiber

          In Baden-Württemberg ist die Grundschulempfehlung für die weiterführende Schule im Dezember 2011 abgeschafft worden. Seither hat sich die Zahl der Sitzenbleiber unter den Fünftklässlern in der Realschule und im Gymnasium insgesamt verfünffacht. Außerdem hat schon vor der Etablierung der Gemeinschaftsschule ein Zulauf zu den Privatschulen eingesetzt. Vom Schuljahr 2011/12 zum Schuljahr 2012/13 stieg die Schülerzahl an öffentlichen Gymnasien um zwei Prozent, an den privaten um 6,5, an den öffentlichen Realschulen um 1,1 und an den privaten Realschulen sogar um 10,6 Prozent.

          Der Kollateralschaden für die Haupt- und Werkrealschulen hätte nicht größer sein können. Dort ging die Zahl der Neuanmeldungen drastisch zurück - zur Freude der grün-roten Landesregierung. Die betroffenen Haupt- und Werkrealschulen entscheiden sich jetzt aus purer Existenznot dafür, Gemeinschaftsschulen werden zu wollen, obwohl die meisten Schüler Hauptschulempfehlungen mitbrachten. Spätestens dann, wenn es mehr Gemeinschaftsschulen gibt, wird auch Baden-Württemberg mit Gymnasiasten zu tun haben, die gern an die Gemeinschaftsschule zurückkehren wollen; und es wird Übergangsregeln brauchen.

          Mathematik- und Deutschnote sollten entscheiden

          Langfristig werden alle Länder, die sich der Gleichmacherei beim Zugang zur weiterführenden Schule verschrieben haben, zu klaren Leistungsanforderungen für die unterschiedlichen Schularten zurückfinden müssen. Zumindest die Mathematik- und die Deutschnote sollten eine entscheidende Rolle für den Übergang auf die weiterführende Schule spielen. Das darf allerdings nicht dazu führen, dass der Druck in der Grundschule noch mehr steigt.

          Entscheiden sich die staatlichen Schulen nicht für Eignungstests, werden die privaten Schulen sie einführen und eine noch ausgesuchtere Schülerklientel zu noch besseren Bedingungen unterrichten. Damit wäre das Prinzip der Bildungsgerechtigkeit, zumeist als Gleichheitsprinzip missverstanden, endgültig in sein Gegenteil verkehrt. Es ist Kindern nicht zuzumuten, sie aus bildungspolitischer Ignoranz oder elterlichem Leistungswahn in ihrem Selbstvertrauen so tief zu erschüttern, dass daraus nur noch Bildungsbiographien mit tiefen Brüchen werden können. Es wäre ein Akt der Vernunft, sie vor solchem Scheitern zu bewahren und zumindest noch Reste des gymnasialen Bildungsgangs zu retten.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

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