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Überforderte Schulen : Illusion Inklusion

Auch mit Lichtgeschwindigkeit könnten viele Lehrer die Überforderungen der Inklusion nicht bewältigen. Bild: dpa

Wieder sind die Schulen zum Schauplatz einer Ideologie geworden. Das Opfer: die Förderschulen. Dabei konnten sich Kinder mit Lernbehinderungen dort oft besser entfalten.

          Unter Eltern und Lehrern wächst der Unmut über die Inklusion. „Wir brauchen jetzt eine breite Debatte über die Inklusion – sonst droht ihr das Schicksal von G8“, heißt es auf einem Lehrerportal, das die Stimmung genau trifft. Zwischen der politischen Propaganda der Länder und der Schulrealität klaffen Welten. Zwar schickt nahezu täglich ein Kultusministerium eine Erfolgsmeldung über neue Zahlen förderbedürftiger Schüler an Regelschulen. Spitzenreiter ist Bremen, Schlusslicht Hessen. Über die Qualität der Förderung ist damit aber noch nichts gesagt, ganz im Gegenteil. Zugleich wächst die Unzufriedenheit der Eltern behinderter Kinder über die Einschränkung des Elternwahlrechts. In vielen Ländern, wie in Nordrhein-Westfalen, das viele Förderschulen geschlossen hat, gilt noch immer der ideologische Kurzschluss, dass sich behinderte Kinder nur unter Regelschülern gut entwickeln.

          Häufig genug aber bewahrheitet sich das Gegenteil davon: Ausgrenzung, Hohn und Spott, mangelnde Förderung und eine unlösbare Überforderung der Lehrer machen die Schule für viele Betroffene zur Hölle. Solche frühen Stigmatisierungen wirken gerade bei Kindern mit Lernbehinderung (die größte Gruppe unter den förderbedürftigen Schülern) wie ein langsames Gift, das sich erst später in einem gestörten Selbstwertgefühl widerspiegelt. Überforderte Lehrer sind dagegen machtlos. Sie sollen nicht nur schwache und leistungsstarke Schüler, Kinder mit den unterschiedlichsten Behinderungen, sondern jetzt auch noch Flüchtlingskinder in geeigneter Weise fördern.

          Anfällig für frühen Drogenmissbrauch

          Die Kultusministerien reden im Pädagogenjargon von zieldifferenter Förderung, mehreren Niveaustufen und meinen, das Dilemma lasse sich durch Aus- und Weiterbildung der Lehrer lösen. Aber das ist ein Trugschluss. Wie so oft delegieren sie die Verantwortung an die Lehrer. Wer als Regelschullehrer an einem Wochenende sonderpädagogisch fortgebildet wird, kann nie so zielgenau fördern wie ein qualifizierter Förderlehrer. Der eilt nun in vielen Bundesländern beratend von Schule zu Schule und leidet an der Unzulänglichkeit seiner viel zu kurzen Einsätze. In Berlin sind nur 39 Prozent der Stellen auch wirklich mit Fachkräften besetzt.

          An dieser Entprofessionalisierung der unterrichtenden Lehrer wird die Inklusion noch scheitern. Körperbehinderte Schüler zu integrieren gehört noch zu den leichteren Übungen. Doch die Gruppe derer, die am meisten Aufmerksamkeit braucht, wird immer größer. Das sind Kinder mit emotional-sozialer Entwicklungsstörung, die man früher als schwer erziehbar bezeichnet hätte. Zwischen 2005 und 2015 ist diese Gruppe um 86 Prozent auf 85.500 gewachsen. Jeder Zweite davon besucht eine Regelschule. Im Schulalltag sind es häufig diejenigen, die plötzlich aggressiv werden, „ausrasten“ und weder vom Schulbegleiter noch vom Lehrer zu bändigen sind. Aus lauter Angst, Kinder zu etikettieren und dadurch zu diskriminieren, werden solche Störungen häufig nicht einmal mehr personenbezogen erhoben – und damit unter den Teppich gekehrt.

          Das schadet dem Unterricht, aber am meisten den betroffenen Schülern selbst. Der Berliner Psychoanalytiker Bernd Ahrbeck hat in einer Expertise davor gewarnt, die Verfassung dieser Kinder zu bagatellisieren. Die meisten seien bindungsgestört und „stark beeinträchtigt“. Viele von ihnen seien anfällig für frühen Drogenmissbrauch und schwänzten ganz einfach die Schule. Allein durch stärkere Toleranz und gutgemeinte Integration lassen sich die Probleme dieser Kinder nicht lösen. Eine buntgemischte Klasse – womöglich noch mit traumatisierten Flüchtlingskindern – kann diesen Schülern nicht die sicheren Rückzugsräume bieten, die sie brauchen, um ihre Störung zu überwinden.

          Die richtige Messlatte

          Obwohl die Förderlehrer dafür dringend gebraucht würden, lässt sich der Förderschwerpunkt „emotional-soziale Entwicklung“ wegen der fortgeschrittenen Reformitis des Lehrerstudiums kaum noch studieren. Einer zunehmend heterogenen Schülerschaft steht deshalb eine immer stärker entprofessionalisierte Lehrerschaft gegenüber. Der pädagogische Großversuch der Inklusion, der auf wachsende Ernüchterung bei den Praktikern gestoßen ist, kann auf diese Weise nur scheitern. Was wohlgemeint daherkommt, widerspricht viel zu oft dem Kindeswohl. Die fortschreitende Auflösung von Behinderungs- und Förderkategorien führt zu einer fatalen Selbst- und Fremdtäuschung. Denn die fehlende individuelle Diagnose endet genau bei jener Benachteiligung, die sie eigentlich vermeiden will. Deshalb ist es nötig, genügend Förderschulen zu erhalten und nur diejenigen Förderbedürftigen in die Regelschule zu integrieren, die davon profitieren.

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          Ähnliches gilt für die vielen Flüchtlingskinder. Noch nie alphabetisierte Kinder brauchen Zeit und werden nur in seltenen Fällen rasch ein Gymnasium besuchen können. Anderen reicht ein Intensivkurs in Deutsch, und sie reüssieren glänzend. Unterscheidung dient auch hier allein dem Kindeswohl. Die Schulzeit muss sich an ihrem Ertrag für die jeweilige Bildungsbiographie messen lassen und nicht an den Ideologien bestimmter Ministerien oder Inklusionstheoretiker.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Folgen:

          Quelle: F.A.Z.

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