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Überbesorgte Eltern : Schule ohne Mama? Nicht zu schaffen

  • -Aktualisiert am

Wenn Schüler auf sich allein gestellt sind, wird es oftmals sehr schwierig für sie. Bild: ddp

Lehrer gehen heute wie selbstverständlich davon aus, dass Eltern ihre Kinder nachmittags beim Lernen coachen. Aber es gibt auch Schüler, die keine Personal Trainer haben. Sie verlassen die Schule mit großen Lücken.

          Das erste Referat meiner Tochter handelte vom Nordkaper - einer Walart. Es war in der vierten Klasse. Die Kinder sollten in Gruppen Informationen zum Tier finden und notieren, ein Plakat mit wichtigen Informationen und Bildern erstellen und das Ganze mündlich präsentieren. Bei anderen sind es Schmetterlinge oder Haustiere, manchmal eine Sehenswürdigkeit der eigenen Stadt. Schon in der vierten Klasse sollen die Schüler wie Studenten recherchieren. Manchmal stehen kindgerechte Sachbücher in der Klasse zur Verfügung, sonst heißt es: Sucht im Internet.

          Um aber im Internet etwas zu finden, muss man Suchstrategien und Suchmaschinen für Kinder kennen, und vor allem muss man schnell erkennen können, welche Seiten für die eigene Frage wichtig und welche unwichtig, welche seriös und welche unseriös sind. Und vor allem müsste man eine Website finden, die für Grundschüler geeignet ist. All das können Grundschulkinder natürlich noch nicht, und auch ältere tun sich damit schwer. Vielleicht meinen Lehrer insgeheim lediglich: Schaut ins Lexikon, und da hat Wikipedia den Brockhaus inzwischen überrundet, jedenfalls, was Anzahl und Umfang der Einträge betrifft. Nichts gegen Wikipedia also - aber als Grundlage für Schülerreferate eignet es sich nur bedingt.

          Das bedeutet: Referate sind von den Kindern kaum allein zu bewältigen. Sie brauchen Unterstützung von einem Elternteil, und klar, das ist meistens die Mama: Sie läuft in die Bibliothek oder kauft sogar Bücher, hilft bei der Suche im Internet nach Bildern und Texten, sie leitet dazu an, den Texten die wichtigen Informationen zu entnehmen und diese sinnvoll zu strukturieren. Die Unterstützung fängt ja schon damit an, den Arbeitsprozess zu strukturieren, die Freundinnen aus der Arbeitsgruppe zusammenzutrommeln, zu sehen, dass die Kinder vorankommen und fertig werden - obwohl da die Kisten mit Lego und Playmobil stehen. Natürlich nimmt man als Mutter den Kindern die Arbeit nicht ab, aber ohne Unterstützung ist es nicht zu schaffen. Das ist der Alltag in unserer Schule. Schon in der Grundschule und im Gymnasium erst recht.

          Chancengleichheit wurde bis heute nicht erreicht

          Ohne solche Unterstützung ist es nicht völlig unmöglich, in der Schule zu bestehen, aber erheblich schwerer ist es schon. Es bedeutet einen klaren Nachteil, der mit Begabung nichts zu tun hat. Faktisch ist es eine Form von sozialer Ungerechtigkeit. Dass das deutsche Schulsystem sozial selektiv ist, wird seit Jahrzehnten festgestellt. Für Kinder aus einem Akademikerhaushalt ist die statistische Wahrscheinlichkeit, dass sie selbst das Abitur oder einen Studienabschluss erwerben, viel höher als für Kinder aus bildungsfernen Milieus.

          Der Befund gilt seit Jahrzehnten, obwohl Bildungspolitiker schon genauso lange daran arbeiten, das „Bildungsprivileg“ des Bürgertums aufzuheben und allen Kindern die gleichen Chancen auf eine ihren Fähigkeiten entsprechende Ausbildung zu ermöglichen. Die Begriffe und die Maßnahmen haben sich gewandelt, das Ziel wurde bis heute nicht erreicht.

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