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Türkischer Nationalismus : Rudel auf Beutezug

Viele Graue Wölfe in der CDU

Auf die Frage, wie viele Graue Wölfe in der CDU seien, öffnet Zafer Topak die rechte Hand und wiegt sie in der Luft. Das soll heißen: sehr, sehr viele. Der Generalsekretär der CDU, Hermann Gröhe, sagte dazu der F.A.S., seine Partei achte sehr darauf, „dass türkische Extremisten keinen Zugang zur CDU bekommen“. Man nehme aber die Warnungen über die Versuche, Einfluss auf die Parteien zu nehmen, sehr ernst. In Verfassungsschutzkreisen heißt es, die Verbände der Grauen Wölfe in Deutschland riefen ihre Mitglieder dazu auf, in die Parteien zu gehen - vor allem in die CDU und in die SPD. Insbesondere auf kommunaler Ebene gebe es gute Kontakte zur Politik.

2009 machte der SPD-Bezirksbürgermeister in Berlin-Mitte Schlagzeilen, weil sein Bezirk Projekte des „Türkischen Kulturvereins“ in Wedding gefördert hatte, der den Grauen Wölfen nahesteht. Auf Anfrage der F.A.S. teilte das Bezirksamt mit, weder damals noch heute habe es Gründe für eine Ablehnung der Förderung gegeben.

Die Anführer der Grauen Wölfe müssen nur mit dem Finger schnippen, dann sind die Anhänger vollzählig zur Abstimmung da. Sie pflegen Netzwerke, Landtagsabgeordnete wie Serap Güler, Christdemokratin aus NRW, kamen zu ihren Tagungen. Güler rechtfertigte sich damit, dass auch andere Politiker eingeladen waren: „Keinem dieser Anwesenden ist dabei aufgefallen, dass die Grauen Wölfe dort für sich geworben haben.“ Allerdings hingen auf der Bühne mehrere Banner des türkischen Kulturvereins in Brühl: „Brühl Türk Kültür Ocagi“. Ocak heißt „Feuerstelle“, schon der Name zeigt die Zugehörigkeit zu den Grauen Wölfen.

Topak trat 2001 in die CDU ein, er ist Beisitzer im Ortsverband, engagiert sich in der Jungen Union und will für den Stadtrat von Hamm kandidieren. Ein CDU-Landtagsabgeordneter in Düsseldorf forderte vor zwei Jahren seinen Parteiausschluss, weil er immer wieder die Grauen Wölfe verteidigte. Das Anliegen blieb erfolglos. Nur den Ring christlich-demokratischer Studenten musste Topak verlassen. Im Internet schrieb er, dass, „falls es zu einem neuen Befreiungskrieg kommen sollte“, Millionen von Türken „sicherlich für ihr Vaterland sterben und nicht zulassen, dass im Südosten der Türkei eine andere Flagge weht“. Und auf StudiVZ behauptete er, dass es keinen Völkermord an Armeniern gegeben habe.

“Ein hungriger Bär tanzt nicht gern“, sagt Topak und steigt ins Auto. Er setzt sich nach vorn, ein kräftiger Grauer Wolf steuert den Wagen. Sie fahren in eine alte Zechensiedlung, kleine, rote Backsteinhäuser, in denen fast nur Türken wohnen. Die Stimmung ist angespannt. „Zafer, entführst du uns?“, fragt der Alevit auf der Rückbank. Es klingt nicht lustig.

Dort, wo weißer Qualm zwischen den Häusern aufsteigt, hält der Wagen an. Ein Grill nebelt die Gäste ein, allesamt Türken. „Und jetzt zeigst du uns hier ein schönes Paralleluniversum“, sagt der Alevit. An den Biertischen sitzen junge Mädchen mit schillernden Kopftüchern. Topak bringt Ayran und Kebab. Das Gespräch kommt auf Israel. Der Alevit fragt: „Gehört Israel für dich auf die Landkarte?“ Topak: „Das ist eine Scheißfrage.“ Der Alevit: „Ich weiß, dass ich dich damit provozieren kann.“

Dann erklärt Topak, dass die Mehrheit der Juden keine Semiten seien, sondern türkische Vorfahren hätten. Auch in der Türkei gibt es seiner Meinung nach keine kurdische, armenische oder aserbaidschanische Minderheit. Das sind alles Türken.

Topak redet, er redet seit sechs Stunden. Auf der Rückfahrt sagt er: Die Grauen Wölfe seien für eine gerechtere Weltordnung. „Nichts anderes wollte das Osmanische Reich.“ Von der Rückbank seufzt der Alevit: „Zafer, jetzt hast du uns den ganzen Tag missioniert. Ich kann nicht mehr.“

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