28.03.2010 · Aus Angst vor Diskriminierung gehen immer mehr Einwandererkinder auf türkische Privatschulen. Das diene der Integration, behaupten die Schulgründer. Zugleich offenbaren die „ethnischen Nischen“ aber das sinkende Vertrauen in öffentliche Schulen.
Von Uta RascheEin Junge im dunklen Strickpullover, der an die Schuluniform britischer Internate erinnert, steht an der Tür des Windfangs. An diesem kalten und sonnigen Tag öffnet und schließt er die Glastür für jeden Besucher. Sein gerade gezogener Scheitel fällt auf und auch, wie zuvorkommend er die Gäste begrüßt. Hüseyin, zwölf Jahre alt, ist Schüler des privaten türkischen „Dialog-Gymnasiums“ in Köln-Buchheim. Der Eltern-Informationstag ist wichtig für die junge Schule, die vor zweieinhalb Jahren die ersten Fünftklässler aufnahm.
Es geht darum, neue Schüler zu gewinnen, und zwar nicht nur solche türkischer Herkunft: Auch deutsche Eltern will der Geschäftsführer der Schule davon überzeugen, dass türkische Sprachkenntnisse ihre Kindern bestens auf die Herausforderungen des globalen Wirtschaftslebens vorbereiten. Denn bisher lernen an der Schule mit dem programmatischen Namen fast nur Kinder eingewanderter Eltern. Das erklärte Ziel der Schule aber ist, die Integration der Kinder zu fördern und sie zu Weltoffenheit zu erziehen.
Das Kölner Gymnasium ist nicht das einzige seiner Art: Türkische Privatschulen gibt es auch in Berlin (Tüdesb-Schule), Bad Cannstatt (Bil-Schule), Mannheim (Sema-Schule) und Hannover, weitere sind in Planung. Im ostwestfälischen Geseke hat ein türkischer Elternverein das Internat Schloss Eringerfeld übernommen. Dort werden seit dem Schuljahr 2006/2007 etwa 200 Schüler, die meisten türkischer Herkunft, auf das Abitur oder den Realschulabschluss vorbereitet. Eine neue Bildungselite soll hier heranwachsen. Bislang machen nur sieben Prozent der Schüler aus Zuwandererfamilien Abitur - das wollen die Schulgründer ändern. Zugleich ist das Entstehen der Privatschulen ein Symptom des sinkenden Vertrauens in das öffentliche Schulwesen - auch unter Einwanderern.
Islamisches Opus Dei
Inspiriert sind die Schulgründer zumeist von den Ideen des muslimischen Predigers Fethullah Gülen. Die Fethullahci, wie seine Anhänger heißen, folgen seiner Lehre, nach der die größten Geißeln der Menschheit Unwissenheit, Zwietracht und Armut sind. Gegen sie hülfen Bildung, Dialog und Wirtschaftswachstum. Ein Leben nach den traditionellen Regeln des Islams könne durchaus im Einklang stehen mit unternehmerischem oder wissenschaftlichem Erfolg in der modernen Welt. Die Anhänger des Imams, der aus Angst vor politischer Verfolgung in der Türkei in die Vereinigten Staaten auswanderte, zeichnen sich durch ein hohes Arbeitsethos und eine fromme Lebensführung aus. Sie sehen sich als eine Art muslimische Calvinisten. Man kann in ihrem die ganze Welt umspannenden Netz einander zugetaner Institutionen und Personen aber auch so etwas wie ein islamisches Opus Dei sehen. Türken, die dem von Atatürk installierten türkischen Staatsislam nahestehen, werfen den Gülen-Anhängern vor, Religion und Politik zu stark zu vermischen: Sie bereiteten die ideologische Grundlage für die Islamisierung der Türkei, für eine quasi absolute Herrschaft der Regierungspartei AKP. Gülen-Anhänger selbst sagen, ihre Bewegung ähnele der Kolping-Bewegung im Katholizismus. Doch versammeln sich unter ihrem Dach mehr Akademiker als Handwerker, längst hat sie viele vermögende Geschäftsleute in ihren Reihen. Die Kontakte, die ihnen aus der Unterstützung philanthropischer Ziele entstehen, nutzen sie für ihre Unternehmen.
Die Fethullahci gehören nicht zu den alten kemalistischen Eliten, sondern sind oftmals Aufsteiger aus ländlichen Regionen der Osttürkei. Ihre Familien dienten nicht seit Generationen im Militär oder in der Bürokratie, erst sie selbst oder ihre Eltern mühten sich um eine bessere Ausbildung und wagten den Sprung in die Städte. Viele haben die Erfahrung gemacht, den Verbindungen der „laizistischen“ Eliten nichts entgegensetzen zu können. Heute gründen von Fethullah Gülen inspirierte Unternehmer Privatschulen in der Türkei, in den turksprachigen früheren Sowjetrepubliken, in Pakistan, Russland, Polen, China, aber auch in Afrika, den Vereinigten Staaten und eben auch in Deutschland. 500 Schulen sollen es insgesamt sein, und etwa fünf Millionen Anhänger soll die Bewegung haben. Es gibt jedoch keine Mitgliedschaft im klassischen Sinne; über die Führungsstruktur ist wenig bekannt. Es soll eine Art engeren Zirkel ehemaliger Gülen-Schüler in Istanbul geben. Gülen hat etwa 60 Bücher geschrieben, seine Predigten werden massenhaft auf DVD verbreitet. Die AKP-freundliche türkische Zeitung „Zaman“ wird der Gülen-Bewegung ebenso zugerechnet wie die Sema-(“Himmel“-)Privatklinik und die private Fatih-(“Eroberer“-)Universität in Istanbul. In der noblen Istanbuler „Journalisten- und Schriftstellervereinigung“ treffen sich regelmäßig Meinungsmacher zu Vorträgen und zum Gedankenaustausch.
Türkisch als zweite Fremdsprache
Am Kölner Dialog-Gymnasium macht der junge Türsteher Hüseyin seine Sache vorbildlich: Er nimmt Broschüren von den Informationstischen und drückt sie höflich, aber entschlossen den Gästen in die Hand. Anhand eines kopierten Stundenplans erklärt er, welcher Probeunterricht in welchen Räumen besucht werden kann. Auf die Frage, wo die Klassenzimmer seien, ruft er einen Jungen herbei. Simi, elf Jahre alt, soll die Besucher hinführen. „Das ist heute mein Job“, sagt er grinsend. „Jeder hat irgendeine Aufgabe.“ Manche Kinder verkaufen Kuchen und türkisches Gebäck, die meisten sitzen in den Klassenräumen und führen den Probeunterricht vor, den sich interessierte Eltern mit ihren Viertklässlern anschauen können. Die Klassenzimmer sind auffallend lang und schmal: Früher war hier ein Arbeitsamt - jeweils drei Büros wurden zu einem Klassenraum zusammengezogen. Der Umbau kann auch als Sinnbild für den Anspruch der Gründer gewertet werden: Niemand soll mehr stempeln gehen müssen, bloß weil er keine deutschen Eltern hat.
Gegründet hat die staatlich anerkannte private Ganztagsschule ein Elternverein, der Türkisch-Deutsche Akademikerbund (TDAB). In ihm hatten sich 1994 türkische Studenten und akademisch gebildete Eltern zusammengetan, um Nachhilfe zu organisieren. Mittlerweile betreut er an sieben Standorten in Köln 900 Schüler. Für Kinder ab vier Jahren gibt es Vorschulkurse, in denen sie ihr Deutsch sowie ihr Türkisch festigen; der neueste Plan ist die Errichtung eines Kindergartens, in dem je zur Hälfte deutsche und türkische Kinder betreut werden sollen. Denn die Erfahrungen der Eltern im deutschen Bildungssystem waren nicht durchweg gut: Das Gefühl, wegen ihrer Herkunft diskriminiert zu werden, Schwierigkeiten mit nicht anerkannten türkischen Abschlüssen oder mit der deutschen Sprache kennen alle. Dass den Kindern Diskriminierung erspart bleiben und ihnen ihre zusätzliche Sprache zum Vorteil statt zum Nachteil werden solle, war das Ziel bei der Schulgründung. Daher kann man an der Schule Türkisch nach Englisch als zweite Fremdsprache wählen; der Fachunterricht findet auf Deutsch statt. Ethik ist Pflichtfach; islamischer Religionsunterricht wird nicht angeboten, aber evangelischer - obwohl den zurzeit nur ein Kind besucht. In diesem Schuljahr lernen 156 Schüler in drei Jahrgängen des Dialog-Gymnasiums, jede Jahrgangsstufe ist zweizügig. 52 Plätze können zum Sommer neu besetzt werden. Bald wird das alte Arbeitsamt zu klein sein; ein eleganter Neubau im gleichen Viertel ist bereits geplant.
„Zugleich Muslim, Kosmopolit und Intellektueller“
In der Stadt ist die Schule umstritten: Die frühere Kölner SPD-Bundestagsabgeordnete Lale Akgün nennt die Schule eine „ethnische Nische“ und findet den Gedanken paradox, dass eine ausschließlich von Türken besuchte Schule der Integration dienen könne. Die Kölner SPD steht dem Neubau der Schule am Arnsberger Platz kritisch gegenüber, während die CDU, allen voran der frühere Oberbürgermeister Schramma, den Verein immer unterstützt hat. Schramma, der auch den Kölner Moschee-Neubau durchgesetzt hat, ist auf der Homepage der Schule sowie in ihren Schaukästen mit zahlreichen Fotos vertreten. Selbst Hüseyin Karakus, Geschäftsführer des „Vereins für Bildungsberatung Academy e.V.“, einer Art Dachverband der türkischen Privatschulen und Nachhilfeorganisationen aus ganz Deutschland, bezweifelt, ob es eine gute Idee sei, türkische Kinder quasi unter sich aufwachsen zu lassen. Sein Verein mit Sitz in Frankfurt stellt Unterrichtsmaterial für die Nachhilfelehrer zusammen, organisiert Mathe- und Türkisch-Wettbewerbe zwischen den Schulen sowie Lehrerfortbildungen. Karakus sitzt in blauem Anzug mit Goldknöpfen, weißem Hemd und hellblauer Krawatte in einem eleganten Bürogebäude in der Nähe der Frankfurter Messe. Er ist Unternehmer, er hat Privatschulen in der Mongolei und in Warschau gegründet. „Der Privatschulmarkt ist in Deutschland noch sehr klein“, sagt er. „Da ist noch viel Potential.“ Die türkischen Privatschulen sieht er als Übergangsphänomen: Entweder entdeckten deutsche Eltern deren Qualitäten auch - dann würden sie wirklich integrierend wirken. Oder aber die Klasse der intellektuellen, bildungsorientierten Türken wachse so sehr, dass türkische Kinder auf staatlichen Gymnasien keine Ausnahme mehr seien. Mit den Ideen der Gülen-Bewegung kam Karakus schon in seiner eigenen Gymnasialzeit in Berührung. „Gülen hat mir gezeigt, dass ich zugleich Muslim, Kosmopolit und Intellektueller sein kann“, sagt er. Seine Frau, eine Polin, arbeitete für die Zeitung „Zaman“. „Ohne Gülen würde ich den Westen für ungläubig halten“, sagt er. „Aber so hatte ich nie Schwierigkeiten, an anderen Religionen das Gute zu entdecken.“
In den Klassenzimmern des Dialog-Gymnasiums, wo jetzt zu Demonstrationszwecken für die interessierten Eltern Englisch, Ethik und Mathe unterrichtet werden, sitzen deutlich mehr Jungen als Mädchen. Die Schulleitung spricht von einem Verhältnis von 60 zu 40, man achte auf Ausgewogenheit. Doch auch das gehört zur Realität: Das Schulgeld von 180 Euro im Monat für das Ganztagsangebot inklusive Mittagessen zahlen manche türkischen Eltern lieber für Söhne als für Töchter. Mädchen mit Kopftuch sieht man hier jedoch seltener als zum Beispiel an einer staatlichen Gesamtschule; die Mehrzahl der Mädchen trägt das Haar unbedeckt.
Viele Kinder verlassen aus Frust ihre alten Schulen
Das Einzugsgebiet der Schule geht weit über den Stadtteil hinaus, auch aus dem Kölner Westen und aus Bonn kommen Kinder, Anfragen erreichen die Schule vom Niederrhein und aus dem Ruhrgebiet. Sehriban Öcal, Mutter zweier Söhne, bringt aus Siegburg täglich den älteren her, den jüngeren will sie nun anmelden. Sie selbst hat auf einer katholischen Schule den Realschulabschluss gemacht und anschließend eine kaufmännische Ausbildung. Ihr Mann ist Gabelstaplerfahrer. Zu Hause spricht die Familie überwiegend Deutsch, aber es ist den Eltern wichtig, dass die Kinder auch Türkisch schreiben lernen. „Das geht nur hier“, sagt Frau Öcal. In Nordrhein-Westfalen wird zwar auch an staatlichen Gymnasien mittlerweile Türkisch als Leistungs- oder Grundkurs angeboten, jedoch nur vereinzelt. Außerdem schätzt Frau Öcal die kleinen Klassen, die familiäre Atmosphäre und die vielen Fördermöglichkeiten. Das Schulgeld empfindet sie im Verhältnis zu dem, was geboten wird, als günstig: „In der Türkei ist gute Bildung viel teurer, und es gibt dort noch nicht einmal Kindergeld. Wir investieren das ganze Geld, das der deutsche Staat uns für die Kinder gibt, in ihre Bildung.“ Viele der Kinder haben große Pläne, die Mädchen wollen Ärztin oder Lehrerin werden, die Jungen Ingenieure. An ihren alten Schulen habe sich niemand richtig um sie gekümmert, wenn sie etwas nicht verstanden hätten - hier sei das anders.
Die elf Jahre alte Aleyna Dündar, die akzentfrei Deutsch spricht, berichtet, warum sie sich an ihrer neuen Schule wohler fühlt als auf der Grundschule: „Ich verstehe mich mit den Mitschülern besser, weil sie wissen, wie mein Leben ist - ohne dass wir darüber viel reden müssten. Die meisten sprechen auch zwei Sprachen, so wie ich, und wir können miteinander sowohl auf Deutsch als auch auf Türkisch sprechen.“ Der kommissarische Schulleiter Helmut Fetten, der Englisch, Ethik und Erdkunde unterrichtet und auch Betriebswirt ist, weiß, dass viele Kinder aus Frust ihre alten Schulen verlassen. „Die Eltern wünschen sich, dass sie hier besser behütet aufwachsen.“ Aspiranten müssen eine Aufnahmeprüfung absolvieren. Was die Schule wirklich leistet, wird sich zeigen, wenn die ersten Schüler das Zentralabitur ablegen werden.