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Türkische Schulen in Deutschland : Muslime mit calvinistischem Ehrgeiz

  • -Aktualisiert am

Mit Gülen ist Aufstieg möglich: Treppenhaus des „Dialog-Gymnasium” im Kölner Stadtteil Buchheim Bild: Kai Nedden

Aus Angst vor Diskriminierung gehen immer mehr Einwandererkinder auf türkische Privatschulen. Das diene der Integration, behaupten die Schulgründer. Zugleich offenbaren die „ethnischen Nischen“ aber das sinkende Vertrauen in öffentliche Schulen.

          Ein Junge im dunklen Strickpullover, der an die Schuluniform britischer Internate erinnert, steht an der Tür des Windfangs. An diesem kalten und sonnigen Tag öffnet und schließt er die Glastür für jeden Besucher. Sein gerade gezogener Scheitel fällt auf und auch, wie zuvorkommend er die Gäste begrüßt. Hüseyin, zwölf Jahre alt, ist Schüler des privaten türkischen „Dialog-Gymnasiums“ in Köln-Buchheim. Der Eltern-Informationstag ist wichtig für die junge Schule, die vor zweieinhalb Jahren die ersten Fünftklässler aufnahm.

          Es geht darum, neue Schüler zu gewinnen, und zwar nicht nur solche türkischer Herkunft: Auch deutsche Eltern will der Geschäftsführer der Schule davon überzeugen, dass türkische Sprachkenntnisse ihre Kindern bestens auf die Herausforderungen des globalen Wirtschaftslebens vorbereiten. Denn bisher lernen an der Schule mit dem programmatischen Namen fast nur Kinder eingewanderter Eltern. Das erklärte Ziel der Schule aber ist, die Integration der Kinder zu fördern und sie zu Weltoffenheit zu erziehen.

          Das Kölner Gymnasium ist nicht das einzige seiner Art: Türkische Privatschulen gibt es auch in Berlin (Tüdesb-Schule), Bad Cannstatt (Bil-Schule), Mannheim (Sema-Schule) und Hannover, weitere sind in Planung. Im ostwestfälischen Geseke hat ein türkischer Elternverein das Internat Schloss Eringerfeld übernommen. Dort werden seit dem Schuljahr 2006/2007 etwa 200 Schüler, die meisten türkischer Herkunft, auf das Abitur oder den Realschulabschluss vorbereitet. Eine neue Bildungselite soll hier heranwachsen. Bislang machen nur sieben Prozent der Schüler aus Zuwandererfamilien Abitur - das wollen die Schulgründer ändern. Zugleich ist das Entstehen der Privatschulen ein Symptom des sinkenden Vertrauens in das öffentliche Schulwesen - auch unter Einwanderern.

          Der kommissarische Schulleiter Helmut Fetten im Unterricht
          Der kommissarische Schulleiter Helmut Fetten im Unterricht : Bild: Kai Nedden

          Islamisches Opus Dei

          Inspiriert sind die Schulgründer zumeist von den Ideen des muslimischen Predigers Fethullah Gülen. Die Fethullahci, wie seine Anhänger heißen, folgen seiner Lehre, nach der die größten Geißeln der Menschheit Unwissenheit, Zwietracht und Armut sind. Gegen sie hülfen Bildung, Dialog und Wirtschaftswachstum. Ein Leben nach den traditionellen Regeln des Islams könne durchaus im Einklang stehen mit unternehmerischem oder wissenschaftlichem Erfolg in der modernen Welt. Die Anhänger des Imams, der aus Angst vor politischer Verfolgung in der Türkei in die Vereinigten Staaten auswanderte, zeichnen sich durch ein hohes Arbeitsethos und eine fromme Lebensführung aus. Sie sehen sich als eine Art muslimische Calvinisten. Man kann in ihrem die ganze Welt umspannenden Netz einander zugetaner Institutionen und Personen aber auch so etwas wie ein islamisches Opus Dei sehen. Türken, die dem von Atatürk installierten türkischen Staatsislam nahestehen, werfen den Gülen-Anhängern vor, Religion und Politik zu stark zu vermischen: Sie bereiteten die ideologische Grundlage für die Islamisierung der Türkei, für eine quasi absolute Herrschaft der Regierungspartei AKP. Gülen-Anhänger selbst sagen, ihre Bewegung ähnele der Kolping-Bewegung im Katholizismus. Doch versammeln sich unter ihrem Dach mehr Akademiker als Handwerker, längst hat sie viele vermögende Geschäftsleute in ihren Reihen. Die Kontakte, die ihnen aus der Unterstützung philanthropischer Ziele entstehen, nutzen sie für ihre Unternehmen.

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