31.10.2011 · In den Werkshallen war es für beide Seiten nicht einfach: für die Deutschen nicht, die viel als orientalische Kultur verbuchten - und für die Türken sowieso nicht.
Von Uta Rasche, RüsselsheimEine unscheinbare braune Tür zwischen einem Imbiss und der zugeklebten Scheibe eines geschlossenen Geschäfts führt ins "Café Huzur" am Löwenplatz. Kein Schild über der Tür, kein Fenster weist darauf hin, dass sich hier der Treffpunkt türkischer Rentner in der Rüsselsheimer Innenstadt befindet. Man steigt eine enge, steile Treppe hinauf in den Gastraum. Die Tischdecken sind aus dunkelrotem Samt und haben kreisrunde Löcher von der heruntergefallenen Zigarettenasche.
Haydar Bulut betreibt das Café, seit fast 20 Jahren ist der 60 Jahr alte frühere Gastarbeiter Gastronom. Am späten Vormittag beginnt sich das Lokal zu füllen. Bulut bringt schwarzen Tee in kleinen Gläsern, jeweils zwei Stück Würfelzucker liegen auf der Untertasse. "Die Geschäfte gehen nicht mehr gut", klagt er. "Die Rentner haben zu wenig Geld. Und Opel hat so viele Türken entlassen."
Auch seine Gäste verstehen sich aufs Klagen: Hüseyin Tayan etwa, 71 Jahre alt und seit zehn Jahren Rentner. "Die Miete ist so hoch", lamentiert er. "750 Euro Miete für eine Dreieinhalb-Zimmer-Wohnung, aber ich bekomme nur 846 Euro Rente." Ohne die Betriebsrente von Opel, 348 Euro, ginge es nicht. Die Finger seiner rechten Hand sind verformt von der schweren Zange, die er bei der Arbeit in der Metallumformung zu bedienen hatte. Früher, ja früher war alles besser: "3500 Mark netto habe ich verdient mit Schichtzulagen." Ob er von dem Geld nicht etwas zur Seite gelegt habe? Tayan hebt die Hände in die Luft: "Sechs Kinder, zehn Enkel!" Da braucht er gar nicht zu erklären, dass nicht viel zum Sparen blieb.
Mit weißem Haar und rosigem Gesicht, Krawatte und goldenem Siegelring sitzt er am Tisch, ganz Patriarch. Von seinen drei Söhnen ist einer Taxifahrer geworden, die anderen sind arbeitslos, von seinen drei Töchtern arbeiten zwei. Aber in die Türkei zurückkehren, wo zumindest das Wohnen billiger wäre? "Nein, auf keinen Fall", sagt er. "Meine Heimat ist Deutschland. Ich bin hier freundlich aufgenommen worden. Ich hatte immer guten Kontakt zu deutschen Nachbarn und Kollegen." Ob er je seine Entscheidung bereut hat, nach Deutschland zu gehen? Tayan versteht die Frage nicht so recht. Er lässt sie sich übersetzen. Er schüttelt energisch den Kopf. "In der Türkei gab es doch überhaupt keine Arbeit damals." Er wurde beneidet, als er aus seinem Dorf in der ostanatolischen Provinz Tunceli nach Deutschland gehen konnte. Viermal so viele Bewerber gab es in Deutschland für Arbeitsplätze, als Gastarbeiter aufgenommen wurden. Zu Hause hatte er auf dem bescheidenen Hof seiner Eltern mitgeholfen - hier stand er bei Opel in der Werkshalle. "Ich wollte mehr Geld verdienen und besser leben, und ich wollte, dass meine Kinder eine gute Zukunft haben." Beides, so findet er, ist ihm gelungen.
Genauso sieht es Ali Yildiz. Er ist ein ernster, schweigsamer Mann. Er kam 1969 mit 35 Jahren nach Deutschland und weiß noch genau, was er damals bei den Stahlwerken in Salzgitter verdiente: 700 Mark. Das war dreimal so viel wie die 600 türkischen Lira, die er als Beamter im staatlichen Tabak- und Alkoholverkauf seines Dorfes an der Schwarzmeerküste nach Hause brachte. Bei Opel wurde er Schweißer, und bis 1995 lebte er in Deutschland allein. Seine Frau zog die fünf Kinder groß, die er jedes Jahr im Sommer nur sechs Wochen lang sah. Er wollte, dass sie in der Türkei Schule und Studium beenden. Seine zwei Söhne leben nun in Deutschland, eine Tochter wohnt in London, die anderen beiden in der Türkei. Er selbst verbringt nun die meisten Monate im Jahr in der Türkei. "Es war eine gute Entscheidung, herzukommen", sagt er. Und die Einsamkeit? "Ich habe mich daran gewöhnt. Am Wochenende habe ich Bücher gelesen, war im Kaffeehaus, bin Rad gefahren und habe mit meiner Familie telefoniert."
Heimweh und Trennungsschmerz kennen die Gastarbeiter der ersten Generation. Aber auch die Gewissheit, wirtschaftlich besser dazustehen als in der Türkei. Sie haben persönliche Opfer auf sich genommen, um ihren Familien Wohlstand zu bieten - als Opfer von Ausbeutung oder einer verfehlten Integrationspolitik sehen sie sich nicht. Das ist die Sicht der Funktionäre. Ein wenig im Stich gelassen vom Heimatland fühlen sie sich. An ihren Überweisungen in die türkische Provinz, wo viele Familien sonst kaum hätten existieren können, war man interessiert - aber wie es ihnen selbst in der Fremde erging, war den türkischen Politikern egal, schimpfen sie. Bis heute kann ein Türke, der in Deutschland lebt, nicht an den dortigen Parlamentswahlen teilnehmen, ohne in die Türkei einzureisen.
Viele Gastarbeiter der ersten Generation berichten von einem feierlichen Empfang. Blasmusik spielte auf dem Bahnhof, an dem ihr Zug nach dreitägiger Fahrt hielt, und der Bürgermeister hielt eine Begrüßungsrede. Die Tische waren mit einem üppigen Frühstück gedeckt, manche chauffierte ein Fabrikdirektor persönlich ins Wohnheim. Dann kam der Alltag: harte Arbeit, die fremde Sprache, Sehnsucht nach türkischem Essen, türkischer Musik und Nachrichten aus der Heimat.
Die Betriebe mussten sich auf die Gastarbeiter erst einstellen. Die Opel-Personalabteilung beschäftigte Dolmetscher, ebenso der Betriebsrat. Das Unternehmen bot auch Sprachkurse an, doch der Zuspruch war nicht groß. Der Betriebsrat setzte sich dafür ein, dass in der Kantine täglich ein Gericht ohne Schweinefleisch angeboten wurde. Betriebsversammlungen wurden getrennt für Deutsche, Türken, Italiener, Griechen und Spanier abgehalten, weil das Sprachgewirr unbeherrschbar wurde. Zu Spitzenzeiten beschäftigte Opel 43.000 Menschen, davon 14.000 Ausländer aus 46 Nationen. Heute arbeiten am Standort Rüsselsheim 17.000 Opelaner, und von den 3000 "mit Migrationshintergrund" sind noch 1700 türkisch. Bei den Kündigungswellen waren es überproportional viele Türken, die sich für eine Abfindung entschieden und sie als Startkapital für ein eigenes Gewerbe nutzten. Richard Heller, Opel-Gesamtbetriebsratsvorsitzender von 1975 bis 1992, berichtet, dass die türkischen Kollegen auch die Gewerkschaftsarbeit verändert haben. Plötzlich hatte er es mit dem Wunsch zu tun, dass manche von ihnen im Ramadan im Werk beten wollten. "Einen Gebetsraum haben wir nicht eingerichtet, wir sind ja keine Moschee. Doch die Pausenzeiten wurden im Ramadan an die Gebetszeiten angeglichen. Wenn das nicht klappte, drückte man ein Auge zu."
Neuartige Konflikte zu lösen gab es auch beim Sommerurlaub. "Die Türken hätten am liebsten vier Monate im Jahr unbezahlten Urlaub gemacht", sagt Heller. "Aber die Deutschen wollten Autos bauen." Als Kompromiss setzte sich der Betriebsrat dafür ein, dass die ausländischen Kollegen zusätzlich zu den dreiwöchigen Werksferien drei bis fünf Wochen unbezahlten Urlaub nehmen konnten, damit sich die Reise in die Heimat lohnte. "Trotzdem mussten wir immer wieder Kollegen ermahnen, rechtzeitig aus dem Urlaub zurückzukehren." Krankschreibungen am Ende der Ferien oder Anrufe, das Auto sei auf dem Rückweg liegengeblieben, gab es immer wieder. Über eine andere Strategie der Arbeitsvermeidung schmunzelt Heller heute. "Damals war um 14.15 Uhr Schichtwechsel. Wenn eine Betriebsversammlung bis 12.30 Uhr dauerte, dann versuchten die Türken, sie bis zum Schichtende zu strecken."
1975 wollte sich erstmals ein Türke bei Opel auf einer Liste der IG Metall für die Betriebsratswahl aufstellen lassen. Doch er blitzte ab. "Die Deutschen wählen dich sowieso nicht", beschied ihn ein altgedienter Gewerkschafter, "mach doch deine eigene Liste auf." Heller führte eine konkurrierende Liste jüngerer Metaller an, die bei der Wahl erfolgreicher war als die Liste der konservativen. Die türkische Liste verhalf ihm schließlich dazu, Gesamtbetriebsratsvorsitzender zu werden. Seither setzte er immer zwei türkische Kandidaten auf aussichtsreiche Plätze seiner Liste. Auch dabei machte er eine neue Erfahrung: "Die türkischen Kandidaten zu finden dauerte ewig: Jede Menge Bewerber meldeten sich und behaupteten, der Beste zu sein und mindestens 500 Stimmen zu bringen." Unter dem Stichwort "orientalische Kultur" verbucht Heller auch, dass er Bewerbungen erhielt, denen größere Summen Geld beilagen. Mancher Kollege holte seine Onkel, Brüder oder Cousins ins Opelwerk nach. "Das war nicht das Schlechteste - der Ältere bürgte dann für den Neuen." Manchmal versuchte ein Arbeiter, seinen Sohn als ungelernte Kraft unterzubringen. "Da sind wir eingeschritten und haben ihm geraten, den Jungen zuerst eine vernünftige Ausbildung machen zu lassen."
Heller hat insgesamt keine schlechte Meinung von den türkischen Kollegen: "Man muss auch wissen: Opel war damals das bestverdienende Automobilunternehmen in Deutschland, und daran hatten die Türken genauso ihren Anteil wie die Deutschen." Mancher deutsche Meister wird noch heute von den Türken liebevoll "Baba", Vater, genannt, weil er sich für sie eingesetzt hat. Horst Kiesl etwa, 77 Jahre alt. Er wohnt in einem Haus in Rüsselsheim mit mehreren türkischen Familien zusammen. Erst neuerdings ist er nicht mehr gut zu sprechen auf das Thema Integration. Vor kurzem wurde seine Frau von drei türkischen Jugendlichen zusammengeschlagen, drei Tage lag sie im Krankenhaus. "Wir haben hier so viele Jugendliche, die keinen Fuß auf den Boden kriegen", klagt er. "Wenn die Eltern als Analphabeten kamen und bei Opel einfachste Arbeiten erledigten, wurden sie als Erste entlassen." Oft habe er sie danach auf der Straße getroffen: "Oh, Meister, keine Heimat Deutschland, keine Heimat Türkei", klagten sie dann.
Die meisten Einwanderer der ersten Generation aber sind stolz auf das, was sie erreicht haben. Viele sehen die soziale Sicherheit, die medizinische Versorgung, aber auch die politische Stabilität und die Meinungsfreiheit als Vorteile Deutschlands. Die meisten gaben ihre Pläne, nach kurzer Zeit in die Türkei zurückzukehren, auf. Knapp drei Millionen Türken haben in den vergangenen 50 Jahren freiwillig ihr Land verlassen. Auch das ist ein Bekenntnis.