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Aktualisiert: 28.01.2017, 18:49 Uhr

Trumps Präsidentschaft Angst um Amerika, Liebe zu Deutschland 

Viele Amerikaner, die in Berlin leben, kämpfen gegen Donald Trump. Sie zahlen gerne Steuern und haben Angst vor einem neuen Antiamerikanismus. Über ein Treffen mit therapeutischer Wirkung.

von Thorsten Glotzmann, Berlin
© AFP Demonstranten in Berlin protestieren mit einer auf dem Kopf stehenden amerikanischen Flagge gegen Donald Trump.

Er sei zwar gerade sehr beschäftigt, schreibt der 28 Jahre alte Amerikaner Jake Schneider kurz vor dem Treffen in Berlin, doch er werde kommen, denn: „It's important.“ Das Thema ist zu wichtig, der Gesprächsbedarf zu groß – nachdem das Unvorstellbare Gestalt angenommen hat. Donald J. Trump ist seit einer Woche Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Und darüber zu sprechen, scheint nicht nur Jake Schneider ein riesiges Bedürfnis, sondern auch den anderen in Berlin lebenden Amerikanern, die an diesem Mittag in einem Café im Bezirk Mitte verabredet sind. Eine Diskussion, die für sie schon fast eine therapeutische Wirkung hat, wie sie später sagen werden. Es ist, als müssten sie sich endlich einmal all das von der Seele reden, was sie zu lange schon bedrückt und umtreibt.

Er habe Heimweh, sagt Steven Gill zur Überraschung aller am Tisch Versammelten – es ist kein Heimweh im eigentlichen Sinne, eher der Wunsch, nicht länger tatenlos zusehen zu müssen, Trump endlich etwas entgegensetzen zu können. „Ich würde gerne zurückgehen, weil ich denke, dass ich etwas bewirken könnte“, erklärt der 42 Jahre alte Gill, der seit fünf Monaten in Berlin lebt, um seine hier arbeitende Frau als Vater und Hausmann zu unterstützen, ehe die Familie im Sommer in den Bundesstaat Georgia zurückkehrt. „Ja, da ist ein Gefühl der Verzweiflung“, stimmt ihm Benjamin Johnson zu, der 39 Jahre alte Physiker aus Alaska, „und das Bedürfnis, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen.“

44457985 © Thorsten Glotzmann Vergrößern Steven Gill, 42: „Ich würde gerne zurückgehen, weil ich denke, dass ich etwas bewirken könnte“

Denn es ist etwas kaputt gegangen in der amerikanischen Gesellschaft. Jake Schneider, der vor fünf Jahren mit einem Stipendium nach Berlin kam, nimmt eine Form der Entfremdung wahr. Sein Freund, ein Brite, habe mit dem Brexit im vergangenen Jahr ähnliches durchgemacht und ihn noch vor der Präsidentschaftswahl im November vorgewarnt: „Sei dir nicht so sicher!“ Als das Unvorstellbare dann Wirklichkeit und Trump zum Präsidenten gewählt wurde, da war Jake Schneider plötzlich klar, was für ein Privileg es war, in Deutschland leben zu dürfen. Heute geht es ihm mit seiner Heimat wie seinem Freund mit Großbritannien: „Das waren nicht mehr die Länder, die wir zu kennen glaubten.“

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Unter den in Berlin lebenden Amerikanern sucht man vergebens nach Trump-Anhängern, auch in dieser Runde gibt es keinen, der den neuen Präsidenten auch nur ansatzweise verteidigen würde, im Gegenteil: als gut ausgebildete Akademiker sind sie allesamt Teil jener Elite, die Trump und seinen Anhängern so verhasst ist. „Alles Akademische ist für sie gleichbedeutend mit nutzlos“, sagt Adam Wilkins, der 72 Jahre alte Biologie-Dozent, der gerade ein Buch über die genetische Entwicklung von Gesichtern geschrieben hat. Sein Hund Wolfgang wuselt aufgeregt unter dem Tisch umher und bellt gelegentlich, als wolle auch er seinen Unmut äußern.

44457988 © Thorsten Glotzmann Vergrößern Ann Wertheimer, 72: „Wir leben in einer Blase“

„Schämen Sie sich denn nicht?“

„Diese anti-akademische Haltung macht mich wahnsinnig“, sagt Steven Gill, der einen Doktor in Geschichte hat und sich für die LGBT-Community einsetzt. Benjamin Johnson arbeitet am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, Jake Schneider überträgt Gedichte ins Englische. Sie alle sind an wissenschaftliche Erkenntnismethoden und rationale Erklärungen gewohnt. Für sie ist es selbstverständlich, Behauptungen zu belegen. Doch in Zeiten alternativer Fakten und gefühlter Wahrheiten kommen sie damit nicht weiter. Wie soll man sich schon Trumps Unberechenbarkeit erklären, die erratische Besetzung seines Kabinetts – oder die Tatsache, dass Menschen gegen ihre Interessen wählen, dass sie Trump für smart halten, nur weil er reich ist und ein guter Entertainer.

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Quelle: wahlrecht.de
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