22.10.2008 · Vor dem Bildungsgipfel fordern die Länder Zusagen
Vor dem sogenannten Bildungsgipfel am Mittag in Dresden sehen sich Bundeskanzlerin Merkel und Bildungsministerin Schavan (beide CDU) der Kritik aus den Ländern ausgesetzt, der Bund zeige nicht genügend konkretes, auch finanzielles Engagement.
Als Koordinator der SPD-geführten Länder rügte Berlins Regierender Bürgermeister Wowereit, die Bundeskanzlerin setze auf „substanzlose Ankündigungen“. Offenbar seien die „großen Ankündigungen“ Frau Merkels, Bildung werde auch für den Bund zu einem Schwerpunktthema, nicht durch konkrete Projekte gedeckt, sagte er am Dienstag. Kritisch meldeten sich aber auch die Ministerpräsidenten Rüttgers (Nordrhein-Westfalen, CDU), Carstensen (Schleswig-Holstein, CDU) und Böhmer (Sachsen-Anhalt, CDU) zu Wort.
Wulff: „Großes Signal“
Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff sieht in dem Bildungsgipfel indes ein „großes Signal“. Seit Monaten sei intensiv um die Erklärung gerungen worden, die von Bund und Ländern an diesem Mittwoch beschossen werden sollten, sagte Wulff im Deutschlandfunk. „Damit wird ein klares Signal gesetzt, dass Bildung die Frage schlechthin ist“, so der CDU-Politiker.
Die Regierungschefs und die zuständigen Fachminister von Bund und Ländern wollen Verbesserungen im Bildungswesen von der frühkindlichen Bildung bis hin zu den Hochschulen beschließen. Einig ist man sich darin, dass Bund wie Länder die Ausgaben für Bildung erhöhen wollen. Entsprechendes soll in dem Beschluss festgehalten werden.
Im Gespräch ist das Ziel, die Abbrecherquoten in der Schule (8 Prozent), der Berufsausbildung (17 Prozent) und der Hochschule zu halbieren. Mittel, die durch den demographisch bedingten Rückgang der Schülerzahlen frei werden, sollen im Bildungswesen verbleiben - eine Festlegung, gegen die es in den Ländern Widerstand gegeben hatte und die daher mit Worten wie „sollen“, „insbesondere“ oder „soweit sich Spielräume ergeben“ beschlossen werden dürfte.
„Chefsache“ im Kanzleramt
Die Bundesregierung, für die das Kanzleramt die vorausgehenden Verhandlungen als „Chefsache“ angeführt hat, wird nicht zuletzt angesichts der Finanzkrise kaum bereit sein, den Ländern zur Finanzierung von zusätzlichen Bildungsanstrengungen weitere Anteile bei der Umsatzsteuer zuzugestehen. Auch Forderungen, die Schulspeisung für die Kinder von Arbeitslosengeld-II-Empfängern zu subventionieren, dürften aus Bundessicht wohl eher in das Sozialressort und entsprechende Gremien fallen.
Hingegen hat Frau Schavan schon zu erkennen gegeben, dass sie dazu bereit sei, das Engagement des Bundes bei Hochschulpakt und Exzellenzinitiative fortzusetzen. Hier ist also eine förmliche Festlegung des Bundes denkbar.Genau dies fordert auch Rüttgers als konkrete Ergebnisse, die der Bund in Dresden liefern müsse.
„Bund muss jetzt die Schlagzahl erhöhen“
Böhmer distanzierte sich von dem Treffen mit Verweis auf die Zuständigkeit der Länder für die Bildung. Er erwarte, dass der Bildungsgipfel am Mittwoch nach drei Stunden vorbei sei, sagte er der Zeitung „Die Welt“. Carstensen forderte „massive Investitionen“, die Berlin finanzieren müsse. „Wenn der Bund jetzt die Schlagzahl erhöhen will, muss er auch Geld zur Verfügung stellen und darf seine Verantwortung nicht auf die Länder abdrücken“, sagte er in Kiel.
Anders als Rüttgers erhob er dabei Forderungen, die von der Bundesregierung bislang abgelehnt werden: Er werde darauf dringen, dass der Bund das Mittagessen für Kinder in Ganztagsschulen und Kindertageseinrichtungen übernehme sowie die begleitende Jugendsozialarbeit fördere. Für weitere Investitionen müsse der Bund einen höheren Anteil an der Umsatzsteuer bereitstellen. Solchermaßen unterstützt auch von Landespolitikern der Union, sagte Wowereit, er sei enttäuscht von den Vorgesprächen.
„Besonders enttäuschend ist, dass es seitens des Kanzleramtes bisher keinerlei Signale gibt, auf die Herausforderungen im Bildungssektor mit dringend notwendigen neuen Konzepten zu reagieren. Wenn man es nicht bei wohlfeilen Versprechen belassen will, hat das selbstverständlich auch mit Geld zu tun“, sagte er.
Studie über Studiengebühren
Kritik von SPD und Grünen zog Frau Schavan auch wegen Berichten auf sich, sie halte eine Studie zurück, die eine abschreckende Wirkung von Studiengebühren belege. Das Ministerium hielt dem entgegen, die Studie werde nicht unter Verschluss gehalten, sondern solle in vier Wochen zusammen mit einer zweiten Studie veröffentlicht werden, „um ein kohärentes Bild zu dem Thema geben zu können“.
In der ersten Studie seien Studienberechtigte gefragt worden, die ihr Studium noch nicht aufgenommen hätten, in der zweiten Studienanfänger. Das Statistische Bundesamt veröffentlichte am Dienstag Zahlen, wonach sieben Prozent der Kinder aus Einwandererfamilien 2007 die Schule ohne Abschluss abgeschlossen haben. Von zwei Millionen Menschen aus eingewanderten Familien hätten knapp 137000 Absolventen keinen allgemeinen Schulabschluss erreicht.
Qualifizierungsgipfel
Der Bildungsgipfel von Bund und Ländern heißt offiziell Qualifizierungsgipfel. Den hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel im Juni vermeintlich überraschend für Ende Oktober in Dresden angesetzt. Tatsächlich hatte aber Bundesbildungsministerin Annette Schavan schon Anfang des Jahres erklärt, dass die Bundesregierung im Herbst mit den 16 Ministerpräsidenten auf einem Gipfel die Qualifizierungsinitiative der Bundesregierung „ausbauen und vorantreiben“ werde.
Diese Qualifizierungsinitiative hatte das Bundeskabinett am 9. Januar 2008 beschlossen. Es gelte, den Rückstand Deutschlands bei Bildung und Weiterbildung im Vergleich zu anderen Industrienationen aufzuholen, das Fachkräfteangebot mittel- und langfristig zu sichern und Aufstiegschancen zu verbessern. So sollen Absolventen einer Berufsausbildung sich leichter für ein Hochschulstudium qualifizieren können. Zudem soll der Übergang von der Schule in die Hochschule erleichtert werden. Im Koalitionsvertrag war das Ziel festgeschrieben worden, künftig 40 Prozent eines Jahrgangs für ein Hochschulstudium zu gewinnen.
Die Qualifizierungsinitiative umfasst Aktivitäten zur Förderung und Unterstützung über den gesamten Lebensweg von der frühkindlichen Bildung bis zur Weiterbildung im Beruf. Die Umsetzung sowie weitere Maßnahmen sollen mit den Bundesländern, Unternehmen und Sozialpartnern abgestimmt werden. Die Kultusministerkonferenz (KMK) hat im Vorfeld des Gipfels ein Papier für die Qualifizierungsinitiative ausgearbeitet, das die Ministerpräsidenten in Dresden mit der Kanzlerin und der Bundesbildungsministerin beraten und beschließen wollten.
Demografische Rendite
Beim Bildungsgipfel geht es auch um die so genannte demografische Rendite. Damit werden die Finanzmittel bezeichnet, die in den kommenden Jahren wegen des Rückgangs der Kinder- und Schülerzahlen frei werden. Die Zahl der unter 18-Jährigen wird laut Institut der deutschen Wirtschaft Köln bis 2020 von 16,2 Millionen im Jahr 2006 auf 13,5 Millionen sinken.
Nach Berechnungen des Instituts spart der Staat dadurch beim so genannten Familienbudget - das sind öffentliche Ausgaben für die Kinderbetreuung sowie Kindergeld und steuerliche Freibeträge - im Jahr 2010 - verglichen mit 2006 - real rund 3,4 Milliarden Euro, im Jahr 2020 rund 6,9 Milliarden Euro. Beim Bildungsbudget, das unter anderem die Investitionen für allgemeinbildende und berufliche Schulen umfasst, werden von 2009 bis 2020 demnach jährlich zwischen 2,4 und 9,4 Milliarden Euro frei.
Allerdings fallen die Entlastungen je nach Bundesland unterschiedlich aus. Daher forderte die KMK im Vorfeld des Bildungsgipfels, die freiwerdenden Ressourcen sollten „insbesondere“ für weitere Investitionen in den Bildungsbereich genutzt werden - auf die Formulierung „ausschließlich“ verzichteten die Minister.
Gipfel, aber von Bildung keine Spur...
Jarod Wagner (grammaton)
- 22.10.2008, 14:13 Uhr
Bildung die Frage schlechthin? (laut MP Wulf)
Chi Tamago (tamago)
- 22.10.2008, 14:53 Uhr
Reine Show-Veranstaltung ist es...
Michael Fichtner (ebaristo)
- 22.10.2008, 17:07 Uhr
Blöd nur...
Wilhelm Friedrich (WillyF)
- 22.10.2008, 17:34 Uhr
föderale Bildungspolitik ist doch gescheitert oder gibt es positive Beispiele?
Wolfgang Reichelt (wrbrk)
- 22.10.2008, 18:34 Uhr