http://www.faz.net/-gpf-74lcr
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 25.11.2012, 15:39 Uhr

Toleranz Merkel kritisiert Antisemitismus

Merkel war erstmals zu Gast bei der Ratsversammlung des Zentralrats der Juden. Nach einem „Sommer des Missvergnügens“ durch die Beschneidungsdebatte, sei der Besuch der Kanzlerin „besonders wichtig“ gewesen, sagte Zentralratspräsident Graumann.

© REUTERS Mit Menorah: Zentralratspräsident Dieter Graumann und Bundeskanzlerin Angela Merkel in Frankfurt

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat die Menschen in Deutschland zu mehr Toleranz gegenüber Andersgläubigen aufgerufen. „Es gibt ein großes Maß an Antisemitismus“, sagte Merkel am Sonntag in Frankfurt während der jährlichen Ratsversammlung des Zentralrats der Juden in Deutschland. Das müsse alle dazu bringen, darüber nachzudenken, was Toleranz gegenüber Religionen bedeute. „Der Respekt für die Lebbarkeit religiöser Rituale ist ein hohes Gut“, sagte Merkel.

Es war das erste Mal, dass ein deutscher Kanzler bei der Versammlung zu Gast war. Es habe „sehr gut getan“, dass die Kanzlerin in einer schwierigen Zeit gekommen sei, sagte Zentralratspräsident Dieter Graumann nach dem Treffen in Frankfurt. Vor allem die Debatte um die religiös motivierte Beschneidung von Jungen hatte in den jüdischen Gemeinden in diesem Jahr für Unsicherheit und auch Erschütterung gesorgt. Graumann sprach von einem „Sommer des Missvergnügens“. Vor diesem Hintergrund sei der Besuch der Kanzlerin „besonders wichtig“ gewesen, sagte Graumann nach dem Gespräch mit Merkel.

Beschneidung und Religionsfreiheit

Auslöser für die Debatte war ein Urteil des Landgerichts Köln im Mai, das Beschneidungen von Jungen aus rein religiösen Gründen als strafbare Körperverletzung gewertet hatte. Die Entscheidung wurde von jüdischen und muslimischen Verbänden scharf kritisiert. Der Zentralrat zeigte sich zudem vor allem über die Art und Weise der Debatte erschüttert. Die Bundesregierung hat mittlerweile einen Gesetzentwurf auf den Weg gebracht, der Beschneidungen von Jungen unter bestimmten Auflagen für zulässig erklärt. Die Neuregelung soll die Verunsicherung nach dem Kölner Urteil beseitigen.

Merkel zeigte sich zuversichtlich, dass das Gesetz noch vor Weihnachten im Bundestag verabschiedet werde. „Religionsfreiheit drückt sich auch darin aus, das Religion ausgeübt werden kann“, sagte die Kanzlerin zu der Neuregelung. Sie freue sich, dass es ein „lebendiges jüdisches Leben“ in Deutschland gebe.

Die Ratsversammlung, auf der Merkel am Sonntag zu Gast war, ist das oberste Entscheidungsgremium des Zentralrats. Sie berät über alle Grundsatzfragen der jüdischen Gemeinschaft. Der Ratsversammlung gehören alle Landesverbände und einzelne Großgemeinden wie Berlin, München, Frankfurt und Köln an.

Mehr zum Thema

Quelle: FAZ.NET mit Material von dpa und AFP

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Parallele zu 1933? Juden in Europa besorgt über AfD-Erfolge

Nicht nur Vertreter der Muslime fühlen sich angesichts wachsender Zustimmung für die AfD an finstere Zeiten in Deutschland erinnert. Auch der Verband der Juden Europas zieht einen Vergleich zum Aufstieg der NSDAP und fordert die Kanzlerin zum Eingreifen auf. Mehr

02.05.2016, 14:43 Uhr | Politik
Diskussion um Hilfsprogramm Merkel lehnt Schuldenschnitt für Griechenland weiter ab

Einen weiteren Schuldenschnitt für Griechenland lehnt Kanzlerin Angela Merkel ab. Nach einem Treffen mit den Chefs der weltweit fünf wichtigsten Wirtschafts-Institutionen äußerte sich die Kanzlerin zudem zu den sogenannten Panama Papers. Mehr

06.04.2016, 16:37 Uhr | Wirtschaft
Religionsverständnis der AfD Die AfD legt sich den Islam zurecht, wie sie ihn braucht

Gemäßigte Töne zum Islam sind aus dem Programm der AfD am Wochenende weggefallen. Doch es hätte noch viel schlimmer kommen können. Mehr Von Jasper von Altenbockum

03.05.2016, 15:14 Uhr | Politik
Schloss Herrenhausen Merkel begrüßt Obama mit militärischen Ehren

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat den amerikanischen Präsidenten Barack Obama auf Schloss Herrenhausen mit militärischen Ehren empfangen. Am Sonntagabend wird er mit der Kanzlerin die Hannover Messe eröffnen. Zuvor sind bilaterale Gespräche und eine Pressekonferenz geplant. Mehr

25.04.2016, 10:22 Uhr | Politik
Reaktionen auf Parteitag Scharfe Kritik an AfD-Grundsatzprogramm

Plump, wirr, irrsinnig – die etablierten Parteien reagieren entsetzt auf die auf dem Parteitag beschlossenen Forderungen der AfD. Eine Zusammenarbeit schließen sie konsequent aus. Mehr

02.05.2016, 11:02 Uhr | Politik

Europäischer Basar

Von Reinhard Müller

In der Flüchtlingskrise geht es um einen Handel mit der Türkei. Dazu gehören dort rechtsstaatliche Bedingungen. Das ist keine Fragen von Buchstaben – da geht es um Wirklichkeit. Und die trägt in der Türkei einen autoritären Schleier. Mehr 13