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Tod durch Polizeischuss Warum starb Benno Ohnesorg?

21.05.2009 ·  Der Tod des Studenten Ohnesorg radikalisierte die akademische Jugend, weil der Täter so gut ins Bild zu passen schien. Doch nun stellte sich durch einen Aktenfund heraus, dass der Todesschütze Kurras SED-Mitglied war.

Von Mechthild Küpper
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„Welches Signal wäre das gewesen, wenn der beginnenden studentischen und außerparlamentarischen Bewegung das im Juni 1967 bekannt gewesen wäre?“ So fragen Helmut Müller-Enbergs und Cornelia Jabs, die zufällig in den 180 Kilometern Akten des Ministeriums für Staatssicherheit die umfangreiche Akte des damals 39 Jahre alten Kriminalbeamten Karl-Heinz Kurras fanden und seither wissen, dass der tödliche Schuss auf den Studenten Ohnesorg, der so weitreichende Folgen hatte, von einem Mitglied der SED und einem Inoffiziellen Mitarbeiter der Stasi abgegeben wurde. Im Leitartikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hieß es damals: „Ein Schuß ist gefallen in West-Berlin. Nämlich in dem Stadt-Teil, der seine ganze Glaubwürde bezieht aus dem Entsetzen über Schüsse, die im anderen, im abgemauerten Teil der Stadt fallen.“

Was der SED-Staat im freien West-Berlin alles trieb, konnte erst mehr als zwanzig Jahre nach dem Schuss auf Benno Ohnesorg unter Bedingungen der Freiheit recherchiert werden, als die Mauer gefallen und der Staat untergegangen war, der sie bauen ließ. Ob etwas vom Zorn der rebellierenden Jugend sich gegen den real existierenden Sozialismus jenseits der Mauer gerichtet hätte, wenn sie gewusst hätte, dass der Schütze der SED und dem MfS angehörte? Das ist eine reizvolle Spekulation, zumal aus den MfS-Akten das Motiv von Kurras, ohne jeden plausiblen Anlass aus geringer Entfernung auf einen unbewaffneten jungen Mann zu schießen, nicht zu erkennen ist.

Freispruch im November 1967

Tatsache aber ist, dass der Schuss auf Ohnesorg weitreichende Folgen hatte, von der die Terrorgruppe „Bewegung 2. Juni“ nur die offenkundigste ist. Der damalige Regierende Bürgermeister, der evangelische Theologe Heinrich Albertz, verteidigte zunächst ausdrücklich das Vorgehen der Polizei und sagte, der Tote und die Verletzten gingen auf das Konto der Demonstranten, die gegen den Besuch des Schahs von Persien in Berlin protestierten. Nachdem ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss sowohl der Polizei als auch der politischen Führung Versäumnisse vorwarf, traten der Polizeipräsident, der Innensenator und schließlich, am 26. September 1967, auch Heinrich Albertz zurück: „Ich war am schwächsten, als ich am härtesten war, in jener Nacht des 2. Juni, weil ich dort objektiv das Falsche tat.“

Gegen den Kriminalbeamten Kurras wurde wegen des Schusses ermittelt. Dreimal stand er, angeklagt der fahrlässigen Tötung, vor Gericht, dreimal wurde er freigesprochen, weil seine Darstellung nicht widerlegt werden konnte, er habe sich in der aufgehetzten Stimmung des Tages von Demonstranten derartig bedrängt gesehen und sei im Charlottenburger Hinterhof von zwölf Männern tätlich angegriffen worden, so dass er habe schießen müssen. Kurras hatte die Kleidung reinigen lassen, die er am 2. Juni trug, er wechselte das Magazin der Waffe aus, mit der er geschossen hatte, bevor er sie abgab.

Von 58 Zeugen, die vor Gericht gehört wurden, wollte niemand die Situation gesehen haben, in der der Schuss abgegeben wurde. Im April 1971 schließlich kehrte Kurras nach fast vier Jahre währender Suspendierung vom Dienst zur Kripo zurück - in den Innendienst statt, wie vor dem Schuss auf Ohnesorg, in die Abteilung für politische Delikte. Die Kosten der Verfahren gegen Kurras trug die Landeskasse: „Das Urteil befriedigt uns nicht völlig“, stellte der Vorsitzende Richter der 14. Großen Strafkammer nach dem Freispruch im November 1967 fest.

„Ekel vor den Resten der alten Eliten“

Die trotz vieler offener Fragen und etlicher Ungereimtheiten erfolgten Freisprüche empören die Studenten, die über die meisten offiziellen Reaktionen auf den Tod eines Demonstranten schier fassungslos sind: „Der Tod des Studenten Benno Ohnesorg und die zynischen Bemerkungen, die die politische Spitze dieser Stadt ihrem Opfer nachrief, sind unfassbar.“ Der AStA der Freien Universität rief „alle Berliner auf, die Menschlichkeit in unserer Stadt zu verteidigen“.

Der Schuss auf Ohnesorg bestätigte diejenigen, die die Bundesrepublik in der historischen Kontinuität zum Kaiserreich und zum „Dritten Reich“ sahen: Von „faschistisch anmutenden Methoden seitens der Berliner Polizei“ war rasch die Rede. Der Schuss auf Ohnesorg und die Freisprüche für Kurras ebneten den Weg des studentischen Protests in die Gewalt. „Unser Bewusstsein wurde nach dem 2. Juni wesentlich geprägt durch den Ekel vor den Resten der alten Eliten“, schrieb Tilman Fichter, der damals in Berlin dabei war, zum 40. Jahrestags von Kurras' Schuss, „der alten Eliten, die über Auschwitz und dann auch zu Vietnam schwiegen“.

Gründungsmitglied der Roten Armee Fraktion RAF

In vielen deutschen Universitätsstädten nahmen Tausende Studenten an Gedenkveranstaltungen für Ohnesorg teil, der bei seiner ersten Demonstration in einem Berliner Hinterhof erschossen wurde. An der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt ruhte am Tag seiner Beerdigung der Vorlesungsbetrieb. An etlichen Frankfurter Hauswänden stand: „Die Polizei - Dein Feind und Mörder“.

Ohnesorg, Student der Germanistik und Romanistik, Mitglied der Evangelischen Studentengemeinde, war frisch verheiratet, sein erstes Kind war unterwegs. Seine Familie trat als Nebenkläger in den Verfahren gegen Kurras auf, anwaltlich vertreten durch Horst Mahler und Otto Schily, die für weit auseinanderstrebende Wege stehen, die die Linke nach 1967/68 nahm. Mahler wurde Gründungsmitglied der Roten Armee Fraktion RAF. Er wurde 1970 wegen Bankraubs und Gefangenenbefreiung zu 14 Jahren Gefängnis verurteilt und in seinem Verfahren von Otto Schily verteidigt.

„Kriegeserklärungen an die Gesellschaft“

1975 entführte die „Bewegung 2. Juni“ den Berliner CDU-Politiker Peter Lorenz, um Mahler und andere Häftlinge freizupressen, Mahler weigerte sich, mitzukommen. 1980 erwirkte Mahlers damaliger Rechtsanwalt Gerhard Schröder seine vorzeitige Entlassung. 2000 trat Mahler in die NPD ein, als deren Anwalt er auftrat. 2003 verließ er sie wieder. Heute sitzt er, der inzwischen seine Zulassung als Anwalt verloren hat, wegen wiederholter Holocaust-Leugnung und Volksverhetzung im Gefängnis.

Der andere, Otto Schily, wurde der prominenteste Verteidiger der RAF-Prominenz, gehörte 1980 zu den Mitgründern der Partei Die Grünen, ging 1989 zur SPD und war von 1998 bis 2005 Innenminister von Gerhard Schröders rot-grüner Bundesregierung. An seinen Jugendfreund Ohnesorg erinnerte der Schriftsteller Uwe Timm, der von 1973 bis 1981 Mitglied der DKP war, 2005 in seiner Erzählung „Der Freund und der Fremde“.

Die DDR ließ den Konvoi zu Ohnesorgs Beerdigung in Hannover, die im engsten Familienkreis stattfand, mit Zeichen der Ehrerbietung für das „Opfer des Militarismus“ durch FDJ-Mitglieder an der Strecke passieren. Auf Visa und Autobahngebühren verzichtete die DDR, sie verlangte jedoch eine Liste der Studenten, die am Trauerzug teilnahmen. Im Lichthof der TU Hannover lagen Kränze für Ohnesorg. „Herausragend große Kränze hatten ,ihrem Kommilitonen' - wie auf den Schleifen zu lesen stand - der ,Zentralrat der Freien Deutschen Jugend' in der Zone und die ,FDJ' der Berliner Humboldt-Universität geschickt“, hieß es in dieser Zeitung am 10. Juni 1967. Drei Tage später veröffentlichte diese Zeitung als Zitatcollage „Kriegeserklärungen an die Gesellschaft - Aus Flugblättern, Resolutionen und Erklärungen zu den Vorgängen in West-Berlin und seinen Universitäten“.

Motiv für Schuss auf Benno Ohnesorg

Im Mai 2007 veröffentlichte Uwe Soukup ein Buch mit dem Titel „Wie starb Benno Ohnesorg“, in dem alle Ungereimtheiten des Verfahrens gegen Kurras noch einmal gewürdigt wurden. Zum 40. Jahrestag des Freispruchs von Kurras schrieb er im November 2007 in der Berliner „tageszeitung“ ein Porträt des Kripo-Mannes, der am 2. Juni mit einem Schuss der Studentenbewegung ein Fanal setzte - eines der autoritären Repression auf der einen Seite und der damals von vielen als legitim angesehenen Gegengewalt auf der anderen. Kurras, schrieb Soukup damals, lebe „heute in einem in die Jahre gekommenen Neubaublock in Berlin-Spandau“.

Er berichtete, dass am Morgen des 2. Juni 2007 am Gedenkstein vor der Deutschen Oper an der Bismarckstraße, wo der Schah am Abend des 2. Juni 1967 die „Zauberflöte“ hörte, während draußen um halb neun Uhr der harmlose Student Ohnesorg erschossen wurde, ein Kranz niedergelegt wurde. Mit ihm habe der Berliner Polizeipräsident zum ersten Mal seit dem 2. Juni 1967 „In stillem Gedenken“ an den von einem seiner Mitarbeiter getöteten Studenten Benno Ohnesorg erinnert. Seit 1990 steht dort auch das Denkmal „Tod des Demonstranten“, das Alfred Hrdlicka schon 1971 schuf. „Sein Tod war ein Signal für die beginnende studentische und außerparlamentarische Bewegung, die ihren Protest gegen Ausbeutung und Unterdrückung besonders in den Ländern der Dritten Welt mit dem Kampf um radikale Demokratisierung im eigenen Land verband“, heißt es darauf. Versuche, den Tatort von 1967 den Namen Benno Ohnesorgs zu geben, sind bislang gescheitert.

Im April 1968 schoss der verhetzte Hilfsarbeiter Bachmann dreimal auf den Studentenführer Rudi Dutschke, der an den Spätfolgen des Attentats 1979 starb. Die Studenten gaben damals der Springer-Presse die Schuld daran, dass Bachmann sich Dutschke als Opfer ausgesucht hatte. Wenn Kurras tatsächlich noch lebt, könnte er in diesen Tagen endlich etwas dazu sagen, was ihn damals zu dem Schuss auf Benno Ohnesorg motivierte.

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Jahrgang 1954, politische Korrespondentin in Berlin.

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