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Tochter: Vater kein NS-Gegner Filbingers Tagebücher entdeckt

 ·  Die Tochter Hans Filbingers kommt nach Auswertung der bislang unentdeckten Tagebücher des früheren Ministerpräsidenten zu dem Schluss, dass ihr Vater kein NS-Gegner war. Er habe die Ermordung der Juden aber auch nicht gutgeheißen, sagte sie der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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© F.A.Z. - FOTO dpa/DIETER RUECHEL Vergrößern Familienidyll 1966: Susanna ist auf dem Bild zwischen Hans Filbinger und seiner Frau Ingeborg zu sehen.

Hans Filbinger, der langjährige Ministerpräsident von Baden-Württemberg, war nach Auffassung seiner Tochter kein Gegner des Nationalsozialismus. Susanna Filbinger-Riggert kommt zu dieser Einschätzung, nachdem sie die bislang unbekannten Tagebücher ihres Vaters entdeckt und ausgewertet hat. In einem Gespräch mit der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ (F.A.S.) sagte Filbinger-Riggert: „Gegner des Nationalsozialismus: Das waren die Stauffenbergs und Goerdelers.“

Nach dem Tod von Hans Filbinger im Jahr 2007 hatte der damalige baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) gesagt: „Hans Filbinger war kein Nationalsozialist, im Gegenteil: Er war ein Gegner des NS-Regimes, der sich aber den Zwängen des brutalen Regimes ebenso wenig entziehen konnte wie Millionen andere.“ Diese Äußerungen hatten zu einer großen Kontroverse geführt.

Der CDU-Politiker Hans Filbinger musste 1978 nach zwölf Jahren im Amt des Ministerpräsidenten zurücktreten, nachdem bekannt geworden war, dass er in der Zeit des Nationalsozialismus als Marinerichter an der Entstehung von Todesurteilen beteiligt war. Nachdem auch seine Frau gestorben war, entdeckte seine Tochter Susanna im Oktober 2009 im Haus der Familie in Freiburg die Tagebücher des Vaters, von deren Existenz niemand wusste. Die etwa 60 Ringbücher im DIN-A-5-Format wurden der Konrad-Adenauer-Stiftung übergeben, die die Urheberrechte hat. Ob und in welchem Umfang die Tagebücher veröffentlicht werden, ist noch nicht geklärt. Der Zeitraum, über den Hans Filbinger schrieb, erstreckt sich vom Zweiten Weltkrieg bis in die Zeit noch nach seinem Rücktritt. Nach der Lektüre hat Susanna Filbinger-Riggert ihre Eindrücke in einem Buch niedergeschrieben, das Ende April erscheinen soll.

„Oettinger differenzierte nicht“

Sie kritisiert Oettinger dafür, dass er das Verhältnis ihres Vaters zum Nationalsozialismus bei dessen Beerdigung angeschnitten habe, ohne zu differenzieren. „Natürlich gehörte mein Vater nicht im entferntesten in die Kategorie von Männern wie Joseph Goebbels oder Roland Freisler.“ Doch da Oettinger solche Differenzierungen nicht vorgenommen habe, seien seine Worte verkürzt worden auf den Satz, Filbinger sei ein Gegner des Nationalsozialismus gewesen. „Da blieb natürlich die Frage: Wo hat sich das manifestiert?“

Filbingers Tochter bezeichnet die Einstellung ihres Vaters zum Nationalsozialismus zwar als „kritisch“. Er sei vor allem Soldat der Wehrmacht gewesen, die er als „Schutz vor dem Ideologischen“ gesehen habe. Der F.A.S. sagte sie: „Es findet sich in seinen Tagebüchern kein Hinweis, dass er ein ausgesprochener Anhänger Hitlers oder des Nationalsozialismus gewesen wäre. Es findet sich aber auch kein Wort der Verurteilung, der Ablehnung.“ Dass ihr Vater die Verbrechen der Nazis und vor allem die Ermordung der Juden gutgeheißen habe, „glaube“ sie nicht. „Aus meiner Sicht hat er sich für das Funktionieren des Systems Wehrmacht instrumentalisieren lassen.“

Das Interview mit Susanna Filbinger-Riggert lesen Sie morgen in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Quelle: FAZ.NET
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