http://www.faz.net/-gpf-75grf
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 02.01.2013, 16:38 Uhr

Thierse und die Schwaben Berliner Witz

Bundestagsvizepräsident Thierse kritisiert seine aus Schwaben zugezogenen Nachbarn. Die „organisierte Schwabenschaft“ wehrt sich.

von , Berlin
© dpa Prenzlauer Berg: Fremdländisches in der Auslage einer schwäbischen Bäckerei

Wenn es um seine Berliner Nachbarschaft geht, die Gegend um den Kollwitzplatz in Prenzlauer Berg, wird Wolfgang Thierse schnell zum Konservativen. Mit bissigem Humor kritisierte der Bundestagsvizepräsident jüngst in einem Zeitungsinterview seine aus dem Schwabenland zugezogenen Nachbarn, weil diese dem Stadtteil angeblich ihre ganz eigene Kultur aufdrängten. „Ich ärgere mich, wenn ich beim Bäcker erfahre, dass es keine Schrippen gibt, sondern Wecken“, sagte der SPD-Politiker der „Berliner Morgenpost“, in Berlin hießen die Brötchen nun mal Schrippen, und „daran könnten sich selbst Schwaben gewöhnen“. Offenbar geht es Thierse ähnlich wie jenen anonymen Berlinern, die in der Weihnachtszeit ironische Schilder mit der Distanz zwischen Berlin und Stuttgart plakatierten.

Mechthild Küpper Folgen:

Wie solche Äußerungen aus dem Munde eines Intellektuellen wirken, der in der Politik eigene Definitionsmacht beansprucht, spürte Thierse rasch. „Die Berliner sollten uns Schwaben dankbar sein“, empfahl der Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir. Ähnlich denkt auch der frühere Ministerpräsident des „Ländle“ Günther Oettinger: „Ohne die Schwaben wäre die Lebensqualität in Berlin nur schwer möglich.“ Der Stuttgarter CDU-Vorsitzende Thomas Strobl verwies auf den Länderfinanzausgleich, den er „grenzenlose Solidarität“ nennt. Multikulti beginne „mit dem Respekt vor den eigenen Landsleuten“, mahnte er.

Thierse gab sich überrascht von der Resonanz. Er staune, dass die „organisierte Schwabenschaft“ eine „freundlich-heitere Bemerkung“ so ernst nehme - Berliner hätten eben „mehr Witz“. Dass Prenzlauer Berg mehr als andere Stadtteile von der Niederlassungsfreiheit seit der friedlichen Revolution profitiert hat, vermag Thierses Abneigung gegen die Zugezogenen nicht zu mildern. Dabei zeigte auch er in der Vergangenheit schon Wesenszüge, die das Vorurteil sonst eher der kleinkarierten Heimat von Kehrwoche und Flädlesuppe zuschreibt. Auf offiziellem Briefpapier beschwerte sich Thierse über die Ruhestörung, als der populäre Wochenmarkt näher an seine Wohnung heranrückte. Und das, obwohl die Markthändler wahrscheinlich berlinern.

Gegen die Kultur des Todes

Von Reinhard Müller

Es ist das erste Mal, dass der Internationale Strafgerichtshof ein Urteil wegen der Zerstörung von Kulturgütern verhängt hat. Das Völkerstrafrecht zeigt Wirkung. Mehr 13

Zur Homepage