Home
http://www.faz.net/-gpg-75grf
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Thierse und die Schwaben Berliner Witz

 ·  Bundestagsvizepräsident Thierse kritisiert seine aus Schwaben zugezogenen Nachbarn. Die „organisierte Schwabenschaft“ wehrt sich.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (80)

Wenn es um seine Berliner Nachbarschaft geht, die Gegend um den Kollwitzplatz in Prenzlauer Berg, wird Wolfgang Thierse schnell zum Konservativen. Mit bissigem Humor kritisierte der Bundestagsvizepräsident jüngst in einem Zeitungsinterview seine aus dem Schwabenland zugezogenen Nachbarn, weil diese dem Stadtteil angeblich ihre ganz eigene Kultur aufdrängten. „Ich ärgere mich, wenn ich beim Bäcker erfahre, dass es keine Schrippen gibt, sondern Wecken“, sagte der SPD-Politiker der „Berliner Morgenpost“, in Berlin hießen die Brötchen nun mal Schrippen, und „daran könnten sich selbst Schwaben gewöhnen“. Offenbar geht es Thierse ähnlich wie jenen anonymen Berlinern, die in der Weihnachtszeit ironische Schilder mit der Distanz zwischen Berlin und Stuttgart plakatierten.

Wie solche Äußerungen aus dem Munde eines Intellektuellen wirken, der in der Politik eigene Definitionsmacht beansprucht, spürte Thierse rasch. „Die Berliner sollten uns Schwaben dankbar sein“, empfahl der Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir. Ähnlich denkt auch der frühere Ministerpräsident des „Ländle“ Günther Oettinger: „Ohne die Schwaben wäre die Lebensqualität in Berlin nur schwer möglich.“ Der Stuttgarter CDU-Vorsitzende Thomas Strobl verwies auf den Länderfinanzausgleich, den er „grenzenlose Solidarität“ nennt. Multikulti beginne „mit dem Respekt vor den eigenen Landsleuten“, mahnte er.

Thierse gab sich überrascht von der Resonanz. Er staune, dass die „organisierte Schwabenschaft“ eine „freundlich-heitere Bemerkung“ so ernst nehme - Berliner hätten eben „mehr Witz“. Dass Prenzlauer Berg mehr als andere Stadtteile von der Niederlassungsfreiheit seit der friedlichen Revolution profitiert hat, vermag Thierses Abneigung gegen die Zugezogenen nicht zu mildern. Dabei zeigte auch er in der Vergangenheit schon Wesenszüge, die das Vorurteil sonst eher der kleinkarierten Heimat von Kehrwoche und Flädlesuppe zuschreibt. Auf offiziellem Briefpapier beschwerte sich Thierse über die Ruhestörung, als der populäre Wochenmarkt näher an seine Wohnung heranrückte. Und das, obwohl die Markthändler wahrscheinlich berlinern.

  Weitersagen Kommentieren (147) Merken Drucken
Weitere Empfehlungen
Oranienplatz Das vorläufige Ende des Kreuzberger Bürgerkriegs

Die Flüchtlinge haben den Oranienplatz verlassen - und etwas hinterlassen: Einen Eindruck von einfallslosen Berliner Politikern, die sich wieder einmal lächerlich gemacht haben. Mehr

13.04.2014, 10:38 Uhr | Politik
Stuttgart gegen Freiburg Kleines Derby, riesige Bedeutung

Reiches Württemberg gegen armes Baden – auch so kann man die Partie des VfB Stuttgart gegen den SC Freiburg sehen. Für die Schwaben geht es an diesem Samstag (15.30 Uhr) um alles. Mehr

05.04.2014, 10:05 Uhr | Sport
0:0 gegen Hertha BSC Müder Osterkick in Augsburg

Nach dem biederen 0:0 im Hinspiel bietet auch das zweite Duell zwischen Augsburg und Hertha keine Tore. Die bayrischen Schwaben verpassen sie die Chance, sich näher an die Plätze für die Europa League zu schieben. Mehr

19.04.2014, 17:36 Uhr | Sport

02.01.2013, 16:38 Uhr

Weitersagen