16.08.2007 · Die Spuren des am Frankfurter Flughafen verhafteten terrorverdächtigen Deutschen Tolga D. führen nach Ulm. Die Stadt gilt seit längerem als Hochburg der Islamistenszene. Im Umfeld eines Informationszentrums werben sie um neue „Märtyrer“.
Von Rüdiger Soldt, UlmDie Zeitblomstraße in Ulm liegt in einem ruhigen Wohnviertel. Auf dem Karlsplatz, der an die Zeitblomstraße grenzt, schieben deutsche und türkische Mütter ihre Kinderwagen hin und her. Ein kleines Weingeschäft, ein Fahrradladen, spielende Kinder. Treffpunkte der islamistischen Szene müssen nicht auffällig sein.
Auch das „Islamische Informationszentrum“ (IIZ) sieht aus wie eine Zweigstelle der Kreisvolkshochschule. „Islam ist Frieden“ steht auf einem Aufkleber an der Tür, die in der Farbe des Islams grün umrandet ist. „Selbsterziehung in Wissen, Geist und Moral“ und „Erlaubtes tun und Verwehrtes vermeiden“, ist auf einem Zettel zu lesen, der Neugierigen Auskunft über die Tätigkeit des Zentrums geben soll. Ein alter VW-Bus mit zwei bärtigen Männern fährt vor. „Wir wollen nur kurz vorbeischauen“, sagt einer der beiden als er sich beobachtet fühlt, steigt wieder in das Auto und fährt schnell weiter.
Vorwurf der Volksverhetzung
Der Inhaber des benachbarten Fahrradgeschäftes beobachtet das IIZ seit längerem. Er weiß natürlich, dass der Verfassungsschutz und die Polizei das Zentrum als Anlaufstelle für terroristische Islamisten in Verdacht haben. „Die Wände sind nicht so dünn, da wird gebetet. Das Publikum ist jünger geworden, es sind sehr viele deutsche Konvertiten, die in das Zentrum kommen“, sagt er.
Die baden-württembergische Stadt Ulm und die bayerische Nachbarstadt Neu-Ulm gelten seit Mitte der neunziger Jahre als Zentren des islamischem Extremismus in Süddeutschland. Schon vor dem 11. September 2001 hatten die Sicherheitsbehörden „einige auffällige Kernpersonen“ in Ulm beobachtet. Auch die Spuren des am Dienstag am Frankfurter Flughafen verhafteten terrorverdächtigen Deutschen Tolga D. führen nach Ulm. Tolga D. soll einen Deutschen für den Dschihad angeworben haben. Die Staatsanwaltschaft München ermittelt gegen ihn wegen Volksverhetzung und wirft ihm vor, einen deutschen Staatsbürger für einen fremden Wehrdienst angeworben zu haben.
El Masri verkehrte im „Multi-Kultur-Haus“
Auch zum IIZ hatte Tolga D. Kontakte, er war Vereinsmitglied. Personen, aus dem Umfeld des IIZ, waren an der Ausspähung einer amerikanischen Kaserne im hessischen Hanau beteiligt. „Das Beängstigende an diesem Zentrum ist, dass dort vor allem deutsche Konvertiten mit einer radikal-islamistischen Weltsicht konfrontiert werden, manche besuchen Schulungen in Saudi-Arabien oder Ägypten und kommen noch radikalisierter zurück“, sagen deutsche Staatsschützer.
Das IIZ ist möglicherweise nur ein Überbleibsel einer straff organisierten islamistischen Szene, die sich bis Ende 2005 im „Multi-Kultur-Haus“ in Neu-Ulm traf. Zahlreiche radikale Islamisten hatten Kontakt zum im Dezember 2005 vom bayerischen Innenminister Beckstein (CSU) verbotenen Multikulturhaus: Der unter Terrorismusverdacht vom amerikanischen Geheimdienst verschleppte Khaled el Masri soll sich dort aufgehalten haben.
Die „jungen Wilden“
Der zum Islam konvertierte Thomas Fischer aus Blaubeuren, der im Namen des Dschihad nach Tschetschenien gegangen und dort getötet worden war, kannte die Prediger in Neu-Ulm. Mahmoud Salim, ein mutmaßlicher Geldbeschaffer Usama bin Ladins wurde von Freunden aus Ulm am Stuttgarter Flughafen abgeholt, als er 1998 dort landete. Auch Omar Yousif, der sich in einem Ausbildungslager für Terroristen in Pakistan aufgehalten haben soll, hatte Verbindungen in die Neu-Ulmer Szene.
Zeitweise sprachen die Verfassungsschützer von den „jungen Wilden“. Warum sich diese Verdächtigen im bayerisch-württembergischen Grenzgebiet sammeln, hängt größtenteils von Zufällen ab. Gefährliche Islamisten beobachten die Verfassungsschützer auch in Mannheim oder Stuttgart.
Seit der Schließung des Multikulturhauses gibt es weder in Ulm noch in Neu-Ulm eine vergleichbare Anlaufstelle für die fundamentalistischen Anhänger des politischen Islams. „Sie müssen sich das wie eine Gaswolke vorstellen, die jetzt in alle Richtungen diffundiert. Wir konnten nicht feststellen, dass bestimmte Personen Anfang 2006 Ulm fluchtartig verlassen haben“, sagt ein Polizist.
Wortführer wollen Einfluss in den Moscheen
Wie groß die Gruppe der fanatisierten und möglicherweise zu Gewaltbereiten Überzeugungstäter in Ulm ist, können die Sicherheitsbehörden nur grob schätzen, vielleicht sind es zehn oder fünfzehn Personen. Das engere Einzugsgebiet des Multikulturhauses erstreckte sich vom Bodensee bis nach Giengen an der Brenz. Die Stadt Ulm, der Landkreis Neu-Ulm, der Alb-Donau-Kreis gelten als „kriminalgeographischer Raum“.
Die Schließung des Multikulturhauses ist für die Sicherheitsbehörden eine zweischneidige Angelegenheit: Was sich früher konzentriert beobachten ließ, finde nun in Privatwohnungen und in „informellen Kleingruppen“ statt. „Natürlich versuchen die Wortführer des Multikulturhauses nun in den Moscheen und den Kulturvereinen Einfluss zu gewinnen“, sagt ein Ulmer Polizist. Deshalb hat die baden-württembergische Polizei seit einiger Zeit gezielt den Kontakt zu den Moscheen und den Kulturvereinen gesucht - viele Muslime wollen sich mit Hilfe der Polizei gegen Indoktrinierung durch einzelne Islamisten wehren.
„Beckstein - Der Barbar aus Bayern“
Dass Tolga D. an der pakistanischen Grenze festgenommen wurde, hat die Polizei und den Verfassungsschutz nicht überrascht. Es ist aber schwer zu ermitteln, wer mit ihm Kontakt hatte. Und noch schwieriger ist es, zu prüfen, wer im Umfeld des mutmaßlichen Terroristen ebenfalls ein überzeugter Dschihadist ist. Beim baden-württembergischen Verfassungsschutz will man noch nicht einmal von einer „festen Struktur“ sprechen. Der Leiter der Abteilung für Islamismus, Herbert Landolin Müller, warnt vor dem Einfluss der Islamisten auf alle islamischen Organisationen: „Der organisierte Islam in Deutschland steht unter dem Einfluss der islamistisch-politischen Bewegungen, sogar die Ditib“, sagt er.
Als das Multikulturhaus von der Polizei versiegelt wurde, erschien - zumindest in dieser Form - die letzte Ausgabe der Flugschrift „Denk mal islamisch“. „Beckstein - Der Barbar aus Bayern“, hieß die wirre Titelgeschichte. Der Autor: Tolga D. Ironisch drohend schrieb er: Die Stürmung des Tempels in Jerusalem im Jahr 70 nach Christi und des goldenen Hauses in Amritsar habe gezeigt: „Nichts versöhnt Völker mehr mit ihren Unterdrückern.“ In der Zeitschrift findet sich auf der letzten Seite auch eine Anzeige des IIZ.
Aufforderung zum Märtyrertod
In der Ulmer Islamistenszene würde niemand direkt zu Gewalttaten aufrufen. Wenn es um Gewalt geht, dann immer nur um die Gewalt des „gerechten Märtyrers“, denn das Märtyrium gilt militanten Islamisten als höchste Form gelebter Religion. In den Texten - auch in denen der in Ulm redigierten Flugschrift „Denk mal islamisch“ - werden die Gläubigen aufgefordert, den „Duft des Paradieses“ zu riechen. In einem anderen Beitrag heißt es: „Träume vom Paradies wie Du von einem neuen Auto oder einem neuen Haus träumst.“ So chiffrieren Dschihadisten die Aufforderung, den Märtyrertod zu sterben.
Inzwischen steht das Neu-Ulmer Multikulturhaus schon lange leer. Ein Schild „Zu vermieten“ hängt neben der robusten Eisentür. Im Gebüsch hängt noch weiß-rotes Absperrband der Polizei. In den Nachbarhäusern in dem verlassen wirkenden Industriegebiet sind zahlreiche Bordelle. Ein glatzköpfiger Mann, der ebenfalls aus diesem Gewerbe kommt, führt seien kleinen Hund aus. „Die kamen aus ganz Deutschland in das Multikulturhaus, die Gebete haben wir bei uns immer gehört“, sagt er. „Manchmal kamen auch einige zu uns - als Kunden. Was denken Sie denn, das ist doch normal.“
Multikultur?
Alexander Sobeslavsky (Sobeslavsky)
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Rene Schlesinger (ReneSchlesinger)
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Marc Müller (Krzyzak)
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Werner Neustock (altego)
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