11.10.2008 · Vor einem Jahr, am 12. Oktober 2007, wollte die islamistische „Sauerland-Gruppe“ zuschlagen. Wie es gelang, die Katastrophe zu verhindern, ist ein Lehrbeispiel aus der Terrorbekämpfung. Mit allen Stärken und Schwächen.
Von Peter CarstensZweihundert Kilogramm mit Splittern, inschallah, das macht ’nen Riesenbums“, sagt der eine. Und sein Mitfahrer stimmt ihm freudig zu: „Ja, inschallah, das wäre wie ’n zweiter 11. September.“ Die amerikanische Airbase Ramstein könnte ein Ziel sein oder eine Diskothek, die von amerikanischen Soldaten besucht wird. Aber auch die Deutschen „sollten eins in die Fresse kriegen“, weil sie in Afghanistan dabei sind.
Es ist Anfang September 2007. In vier Wochen soll der Bundestag über das Isaf-Mandat der Bundeswehr entscheiden, und eine Gruppe junger Islamisten – zwei deutsche Konvertiten und hier aufgewachsene Türken – will mit mindestens drei gleichzeitig ausgeführten Bombenanschlägen Dschihad-Geschichte schreiben.
„Das wird supergeil“
Die beiden jungen Männer, die so reden und planen, sind unterwegs in einem Mietwagen und halten sich für Herren über Leben und Tod. Das deutsche Scheidungskind Fritz Gelowicz, achtundzwanzig Jahre alt, und sein sieben Jahre jüngerer Freund Daniel Schneider aus Neunkirchen fühlen sich als „Gotteskrieger“. „Bis jetzt hat Gott alles perfekt gemacht, fast alles perfekt. Wir haben richtig Power“, glaubt Fritz, der am Morgen in Dortmund allerlei Zubehör für den Bombenbau gekauft hat – Platinen, Schalter, Kabel, 33,5 Kilo Mehl, Edelstahl-Kochtöpfe.
Während sie über die Sauerländer Landstraßen kurven, malen sie sich aus, wie das Land auf ihre Donnerschläge reagieren wird: „Wenn der Schäuble vor die Presse tritt, hey, das wird supergeil“, sagt einer von ihnen. „Vor ganz Deutschland muss er Stellung nehmen, so zwei, drei Stunden später.“
Bauanleitung für effizientes Töten per E-Mail
Dass man sie noch stoppen könnte, halten Gelowicz, Schneider und ein Dritter im Bunde, Adem Yilmaz, inzwischen für ausgeschlossen. 720 Liter Wasserstoffperoxid-Lösung in zwölf 60-Liter-Kanistern hat Gelowicz besorgt und in einer gemieteten Garage im Schwarzwald versteckt. Ein vierter Komplize hat – so die Bundesanwaltschaft in ihrer Anklageschrift – sechsundzwanzig militärische Zünder beschafft und über die Türkei nach Deutschland schmuggeln lassen.
Gelowicz erhielt von der Islamischen Dschihad Union (IJU) in Pakistan und Usbekistan per Mail eine Bauanleitung, wie man damit möglichst viele Menschen tötet. Denn das ist ihr Ziel. „Der Schäuble“, sagt er, „der lässt uns hier machen. Der Rollstuhl-Eierkopf, der.“ Schneider entgegnet: „Der Schäuble hasst uns. Und ich hasse ihn.“
Lange Vorbereitung
Hass gibt Kraft. Seit vielen Monaten arbeiten Gelowicz und seine mutmaßlichen Komplizen fieberhaft an den Vorbereitungen für ihren ganz großen Anschlag. In einem Ferienhaus in Medebach-Oberschledorn, das sie unter falschem Namen für 280 Euro pro Woche von einem Mitarbeiter der Dortmunder Uni gemietet haben, wollen sie heute und morgen die erste Bombe herstellen.
Im halben Orient – Syrien, Pakistan, Saudi-Arabien und Afghanistan – haben sie in den zwei Jahren zuvor Arabisch gelernt und den Koran studiert, haben in Terrorlagern die Kalaschnikow geschultert und sich im Bau von Sprengsätzen unterweisen lassen. 2005 ist Fritz Gelowicz, der in Neu-Ulm in einer Sackgasse wohnt, nach Mekka gepilgert.
Der blinde Hass wurde zum Verhängnis
Tausende Kilometer sind sie gefahren, mehrere Male zum Chemie-Vertrieb Hannover (CVH), wo Gelowicz jeweils zwei blaue Kanister der Reinigungs-Chemikalie gekauft hat. In der Silvesternacht 2006 reist er mit drei Bekannten nach Hanau-Lamboy. Sie mustern dort die Hutier-Kaserne. Dort ist das amerikanische 18th Corps Support Battalion stationiert, ein potentielles Anschlagsziel, wie die Fahnder glauben.
Hass macht erfinderisch. Tütenweise tragen die Verschwörer Handys und Prepaid-Karten von Saturn nach Hause, um die Telefone nach wenigen Gesprächen zu wechseln. Manchmal fährt Gelowicz anderthalb Stunden, bloß um irgendwo in einem Internet-Café eine E-Mail zu hinterlegen oder einen ungesicherten W-Lan-Anschluss anzuzapfen.
Hass macht aber auch blind. Zum Beispiel sehen die Möchtegern-Terroristen nicht, dass rund um ihr Sauerland-Häuschen ein riesiges Polizeiaufgebot zusammengezogen wird. Um das Dorf haben etwa dreihundert Observationsspezialisten, Abhörexperten und Beamte von Sondereinsatzkommandos Position bezogen. Es ist die „Operation Alberich“. Sie verfolgen jede Bewegung, jedes Wort, jedes Geräusch in der 88-Quadratmeter-Wohnung.
Was hat sie dazu getrieben?
Was hat Gelowicz, Schneider und Yilmaz dorthin gebracht – woher kommen ihre Verachtung, ihre Wut? Wieso ließ Gelowicz, das Akademikerkind, sein Wirtschaftsingenieurstudium sausen? Warum kündigt Yilmaz seinen Job am Frankfurter Flughafen? Warum hat der beinahe noch Jugendliche Daniel Schneider nach seiner Bundeswehrzeit bei den Luftlandepionieren plötzlich angefangen, seine Nachbarn im saarländischen Neunkirchen mit lauten Allah-Gebeten zu nerven?
Darüber rätseln die Experten nach wie vor. Verrückt sind die drei nicht, jedenfalls nicht im konventionellen Sinne, das haben psychiatrische Gutachten ergeben, die ihnen Intelligenz und Zurechnungsfähigkeit bescheinigen. Andererseits haben sie Hinweise ignoriert, dass sie längst fest im Griff von Polizei und Staatsschutz waren.
Sie glaubten an die Behördendummheit
Schon im Januar 2007, nach der Kasernen-Erkundung, waren ihre Wohnungen durchsucht worden. Darüber hatte die Zeitschrift „Focus“ Anfang Mai unter der Überschrift „Total abgebrüht. Die Bundesanwaltschaft ermittelt gegen gefährliche Islamistengruppe mit zwei deutschen Konvertiten“ detailliert berichtet. Mehrfach waren der Sauerland-Gruppe Observationsteams aufgefallen. Einmal hatten sie den verdutzten Beschattern sogar einen Autoreifen aufgeschlitzt, um sie abzuhängen. Die Staatsschützer besuchten Schneider sogar zu Hause bei seiner Mutter, nachdem ihn der pakistanische Geheimdienst geschnappt und ausgewiesen hatte.
Noch am Tag vor ihrer Festnahme waren sie auf der Rückfahrt von Dortmund von einer Sauerländer Polizeistreife angehalten worden. Atemlos hatten die Überwacher an den Abhörgeräten den Wortwechsel zwischen Gelowicz und den ahnungslosen Verkehrspolizisten verfolgt, denen die aufgeblendeten Scheinwerfer des Nissan aufgefallen waren. Dass man sie weiterfahren ließ, hielten die mutmaßlichen Terroristen aber nur für einen weiteren Beweis der Behördendummheit. Die Fahnder ihrerseits erwogen die Möglichkeit, das Gelowicz und seine Freunde dass alles nur machten, um von einer zweiten, unentdeckten Terrorzelle abzulenken.
Yousif, der Verführer
Sucht man nach den Anfängen der Radikalisierung der Sauerland-Gruppe und ihres Umfeldes, gelangt man nach Neu-Ulm. Dort, im Multikulti-Haus, haben sie Dr. Yehia Yousif alias „Scheich Abu Omar“ kennengelernt, einen Prediger und Verführer, der inzwischen als der einflussreichste Rekrutierer in Deutschland für den Heiligen Krieg gilt.
Der Ägypter, der einige Zeit auch für den Verfassungsschutz gearbeitet haben soll, war der Hirnwäscher für etliche Angehörige der Sauerland-Gruppe und für deren Dunstkreis von vierzig, fünfzig jungen Leuten. Viele von ihnen waren inzwischen in Terrorcamps im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet. Manche haben bereits den Tod gefunden, so wie vermutlich Sedullah K. aus Langen. Yousif selbst hat sich kurz vor dem Verbot des Multikulti-Hauses 2005 nach Ägypten abgesetzt.
Radikalisierung in den Ausbildungslagern
Da waren Gelowicz, Schneider und Yilmaz längst auf ihrem Weg. Gelowicz war schon in den neunziger Jahren zum Islam konvertiert, angeblich mit fünfzehn, und nannte sich seither „Abdullah“. Einmal hat er einen Wildfremden brutal verprügelt. Auf dem Weg ihrer Radikalisierung gelangte der größere Teil der Gruppe während der vergangenen Jahre in Ausbildungslager von Al Qaida im Nordwesten Pakistans.
Eines dieser Lager, die man nach deutschem Recht immer noch straffrei besuchen kann, soll nach Vermutung der Ankläger bei Mir Ali von einer usbekischen Kleingruppe namens Islamische Dschihad Union geleitet werden. Diese Terrorzelle, an deren Existenz der baden-württembergische Verfassungsschutz zunächst zweifelte, unterstützte etwa anderthalb Dutzend Gäste aus Deutschland, die mit dem Neu-Ulmer Multikulti-Haus in Verbindung gestanden haben.
„Wie viel Gramm brauchst du denn, dass der voll zerfetzt?“
Im Gegenzug erwartete man in der Al-Qaida-Filiale Taten. Im Spätsommer 2007 fingen die Ermittler E-Mails ab, worin die deutsche Islamistentruppe aufgefordert wurde, demnächst loszuschlagen. Manchen wäre der 11. September 2007 am liebsten gewesen, doch Gelowicz und seine Freunde planten auf den 12. Oktober hin, den Tag, an dem der Deutsche Bundestag die Verlängerung des Isaf-Mandats beschließen sollte. Damit waren dann wohl auch die Usbeken – einer wird unter dem Decknamen „Jaf“ geführt – einverstanden.
In der letzten Augustwoche 2007 mieteten die drei jungen Männer das Ferienhaus in Oberschledorn an. Das Haus im Eichenweg 22 verfügte über eine Garage und drei separate Schlafzimmer. In der Küche und im Wohnzimmer beginnen Gelowicz, Schneider und Yilmaz am 3. und 4. September 2007 mit den Vorbereitungen für die Eindickung ihrer Wasserstoffperoxid-Lösung. Eines der Fässer hatten sie zu diesem Zweck aus dem Schwarzwald geholt.
Während man aus der vermuteten 35-Prozent-Lösung eine 65-prozentige, explosive Mischung kochen will, fachsimpeln die Männer weiter. Man überlegt, wie viel man benötigt, um einen Amerikaner umzubringen: „Wie viel Gramm brauchst du denn, dass der voll zerfetzt?“, wird Schneider gefragt.
Zünder waren unbrauchbar
Zu diesem Zeitpunkt wissen die Männer noch nicht, dass sie mit einem völlig nutzlosen Chemowässerchen herumköcheln, auch wenn Gelowicz und den anderen auffällt, dass es weniger intensiv riecht als zuvor. Das liegt daran, dass das baden-württembergische Landeskriminalamt schon vor Wochen heimlich die Lagerbestände in der Schwarzwald-Garage geöffnet und durch eine ungefährliche Fünf-Prozent-Lösung ausgetauscht hat. Damit war garantiert, dass die Gruppe nichts mit dem Wasserstoffperoxid anstellen konnte, falls sie den Fahndern aus den Augen geriet.
Später wird das BKA beim Testen der 26 Sprengzünder tschechischer, bulgarischer und serbischer Produktion feststellen, dass diese weitgehend unbrauchbar waren. Doch auch davon wissen die Männer nichts, als sie damit beginnen, die Bomben zu bauen, die sie „Torten“ nennen.
Die Fahnder draußen in der Scheune und in den Abhörautos hören diese Gespräche mit. Neben den Aufnahmen aus den Mietwagen sind sie eine wichtige Stütze der Anklageschrift. Manche sagen die Stütze der Anklage. Denn darüber, was die Gruppe wann und wo genau geplant hat, gibt es auch ein Jahr später mehr Vermutungen als Gewissheit.
Die Zeit drängte
Am 4. September, es ist kurz nach Mittag, will die Polizei nicht mehr länger zusehen. Immer wieder hatten LKA-Beamte und BKA-Präsident Ziercke die zuständigen Innenminister der Länder und Staatssekretär Hanning informiert. Innenminister Schäuble hatte den Fall im Sommer 2007 bei sich daheim im Badischen mit dem amerikanischen Heimatschutzminister Minister Chertoff erörtert.
Beim G-8-Gipfel in Heiligendamm fragte der amerikanische Präsident Bush die Kanzlerin nach dem Stand der Ermittlungen. Nun waren die Tatvorbereitungen dokumentiert, der Anschlag stand unmittelbar bevor, jetzt konnte der Zugriff erfolgen. Zumal die Gruppe, verunsichert durch die Polizeikontrolle, an Aufbruch denkt.
Panne bei der Festnahme
Gegen 14.30 Uhr stürmt ein Sondereinsatzkommando das Haus. Im Getümmel unterläuft dabei ein Fehler, der tödlich hätte enden können: Daniel Schneider entkommt. Er klettert durch ein Fenster ins Freie und flieht über die Wiese hinter dem Ferienhaus. Dabei rennt er einem Polizisten in die Arme.
In dem folgenden Gerangel entwindet Schneider dem Beamten die Waffe und versucht angeblich, zweimal auf ihn zu schießen, ehe er von herbeilaufender Verstärkung überwältigt wird. Gegen Schneider lautet die Anklage deshalb nicht nur auf Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung und Vorbereitung eines Terroranschlags, sondern auch auf versuchten Mord.
Keine Reue, nur Schweigen
Über ihre Festnahme und das, was dann passieren könnte, haben sich die drei mutmaßlichen Attentäter Gedanken gemacht. Sie wollen nichts sagen. Yilmaz erklärte feierlich: „Ich sage, nein, ich bereue gar nichts. Ich bereue nur, dass wir das nicht hingekriegt haben.“ Anfangs zumindest haben sich die Untersuchungshäftlinge in Stuttgart-Stammheim an ihr Schweigeversprechen gehalten.
Zugleich wurden die Abhörbänder ausgewertet und zahlreiche Computerfestplatten analysiert. Offenbar mit Erfolg. Denn seit dem Frühjahr sind vier weitere Verdächtige in Deutschland inhaftiert worden. Ein achter Mitbeschuldigter, Attila Selek, wurde im November 2007 in der Türkei verhaftet. Er soll die Zünder beschafft und deren Schmuggel organisiert haben.
Gegen Gelowicz, Schneider und Yilmaz, die drei Hauptverdächtigen der Sauerland-Gruppe, soll spätestens Anfang 2009 der Prozess beginnen.