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Terror im Namen des Islam : Wir Muslime müssen den Extremismus entlarven

  • -Aktualisiert am

Muslime in Raunheim (Hessen) Bild: dpa

Die Muslime müssten sich viel klarer vom muslimisierten Terror distanzieren, fordern viele in Deutschland. Doch sie übersehen, dass wir das längst in aller Deutlichkeit tun. Nötig ist aber noch etwas anderes. Ein Gastbeitrag.

          Ich kann es meinen nichtmuslimischen Mitmenschen nicht verdenken, wenn diese von jedem Muslim erwarten, sich vom muslimisierten Terrorismus zu distanzieren. Sie sehen unsere Bemühungen meist nicht, lesen wenig oder kennen unsere unzähligen Verurteilungen zum Terrorismus nicht – auch weil diese Stellungnahmen nicht im Zentrum der Berichterstattung stehen. Dass rechte Kreise auf diesem Zustand ihre billigen und amoralischen Geschäftsmodelle aufbauen, sei es drum.

          Fakt ist: In diesen hektischen Zeiten leisten Muslime einen entscheidenden Beitrag zur Mäßigung und zum Erhalt des gesamtgesellschaftlichen Friedens. In diesen Tagen des Fastenmonats Ramadan gehen zum Beispiel Hunderttausende deutsche Muslime jeden Abend in die Moscheen, um das traditionelle, gemeinschaftliche Nachtgebet zu verrichten und für den Frieden in der Welt und in Deutschland zu beten. Ein Beispiel für die Verbundenheit der überwältigenden Mehrheit der Muslime.

          Seit Jahren verurteilen wir die Schandtaten von kriminellen Gesetzesbrechern, die jüngst in London, Manchester, Kabul und zur vergangenen Weihnachtszeit in Berlin Furchtbares angerichtet haben. Wir engagieren uns mittels eigenständiger und staatlich unterstützter Präventionsprogramme für Jugendliche in unserer Mitte und binden unsere Moscheegemeinschaften intensiv in dieses Engagement ein. Wir klären die Öffentlichkeit auf und setzen sichtbare Zeichen der Solidarität, wie zuletzt nach dem Anschlag am Breitscheidplatz in Berlin.

          Allein der ZMD organisierte in den vergangenen Jahren Demonstrationen in über 50 bundesdeutschen Städten. Erinnert sei hier nur an die Mahnwachen „Muslime stehen auf gegen Hass und Unrecht“, die in 1500 Moscheegemeinschaften stattfand (2014) oder an die Initiative des ZMD mit dem Titel „Aufstand gegen den Terror – Gesicht zeigen“ am Brandenburger Tor mit Vertretern des Staates, der Kirchen und aller namhaften zivilgesellschaftlichen Organisationen (2015). Es ist also ein Ammenmärchen, wenn jemand behauptet, wir Muslime würden nicht Gesicht zeigen.

          Krieg und Kriegstreiberei in jeder Form ächten

          Aber wenn wir den Terrorismus der Moderne wirkungsvoll bekämpfen wollen, dann müssen wir endlich anfangen, eine der Hauptursachen des Terrorismus, nämlich den Krieg und die Kriegstreiberei, in jeder Form zu ächten. Und wir Muslime müssen vor allem muslimischen Extremismus und die dahinterstehende schändliche Ideologie demaskieren und als das entlarven, was sie sind: areligiöser Nihilismus. Doch dies wird uns nicht gelingen, wenn wir „den Islam“ als Religion unter Generalverdacht stellen oder muslimischen Vertretern unterstellen, sie würden insgeheim gemeinsame Sache mit Kriminellen und Terroristen machen. Der Schulterschluss aller nicht kriegstreibender Kräfte ist das Gebot der Stunde. Nur auf diese Weise brechen wir den Kreislauf von Terrorismus und Krieg auf.

          Ich erinnere daran, dass sich bis heute im Irak, nachdem das Land durch mehrere Kriege entscheidend destabilisiert worden ist, Terroranschläge fast täglich ereignen. Ähnliches geschieht in Afghanistan, in Pakistan und anderswo in muslimischen Mehrheitsgesellschaften. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass die meisten Opfer von Terroranschlägen weltweit Muslime sind. Man kann also diesen IS-Mördern keinen größeren Dienst erweisen, als den Islam und die Muslime mit ihrem mörderischen Terrorismus gleichzusetzen. Damit verleiht man terroristischen Ideologen Deutungskraft, obwohl alle führenden Gelehrten und Denkrichtungen der muslimischen Welt den teuflischen IS als große Aberration der islamischen Lehre betrachten und dies in unzähligen Gutachten schriftlich erklärt haben.

          Aiman Mazyek ist der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD)

          Der IS verfolgt zudem durch die Verlagerung beziehungsweise Erweiterung seines Terrors in den Westen ein heimtückisches Ziel: die Ausgrenzung von Muslimen in unseren westlichen Gesellschaften weiter zu forcieren. Und tatsächlich nimmt diese objektiv messbar zu. Muslime erleben Diskriminierungen, und der antimuslimische Rassismus ist salonfähig geworden. Überall in Europa haben sich Parteien etabliert, die den anti-muslimischen Rassismus zu ihrer zentralen Partei-Ideologie erklärt haben, auch in Deutschland. Auf der anderen Seite sollte niemanden überraschen, dass ein nicht unbeträchtlicher Teil der Terrorkrieger – meist hier geboren, aufgewachsen und sozialisiert – aus Europa stammt. Sie wissen nicht, dass es die Verschwörung „des Westens“ gegen den Islam genauso wenig gibt wie die von rechten Kreisen vertretene vermeintliche Verschwörung der „Islamisierung des Westens“. Diese sich gegenseitig bedienenden Verschwörungstheorien stellen einen gefährlichen Resonanzboden für Radikalisierungen dar.

          Gegen die Ideologien von Krieg und Hass

          Diesen dumpfen, sinnfreien Plattitüden gilt es sich gemeinsam entgegenzustellen, wenn wir unser Gemeinwesen, unsere offene, freiheitliche und demokratische Zivilisation, vor dem Auseinanderbrechen bewahren wollen. Und auch der von Politikern mitgetragenen Überzeugung, im Führen von Kriegen eine Ultima Ratio für die Bewältigung der Herausforderungen unserer Zeit zu sehen, müssen wir entschiedener entgegenwirken.

          Den Ideologien von Krieg und Hass, gleich von wem diese propagiert werden, müssen wir ein neues, inklusives Verständnis von „WIR“ entgegensetzen. Dies ist die zentrale Herausforderung, vor der diejenigen stehen, die unsere offene Zivilisation für erhaltenswert erachten.

          Aiman Mazyek ist der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD).

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