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Veröffentlicht: 06.10.2016, 13:39 Uhr

F.A.Z.-Woche exklusiv Radikalisierung ist eine Frage von Wochen

Beim Tag der offenen Moschee am dritten Oktober haben in Berlin auch drei Moscheevereine teilgenommen, die vom Verfassungsschutz als islamistisch eingestuft werden. Für die radikalislamische Szene bleiben Moscheen wichtige Anlaufpunkte.

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© dpa Gläubige Muslime im Gebetsraum einer Moschee (Archivbild)

In Berlin haben am Tag der offenen Moschee am 3. Oktober auch drei Moscheevereine teilgenommen, die vom Berliner Verfassungsschutz als islamistisch eingeschätzt werden. Das erfuhr die F.A.Z.-Woche. Eine der Moscheen – die Ar-Rahman-Moschee im Stadtteil Wedding – wird vom Verfassungsschutz als salafistisch eingeordnet. Sie gehöre zu den Moscheegemeinden, in denen sich „mit einer gewissen Regelmäßigkeit verfassungsschutzrelevantes Publikum trifft oder in denen ständig oder auf Einladung Imame predigen, die ihrerseits der Beobachtung durch den Verfassungsschutz unterliegen“, heißt es in einem internen Vermerk der Behörde.

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Zwei weitere Vereine gelten als islamistisch und beeinflusst von der Muslimbruderschaft. Es handelt sich um das „Interkulturelle Zentrum für Dialog und Bildung“, das für seine aktive Jugendarbeit bekannt ist, und das „Islamische Kultur-und Erziehungszentrum“ (IKEZ), das der palästinensischen Hamas nahestehen soll. Alle drei Moscheen waren in einem Vermerk des Berliner Verfassungsschutzes für die Innenministerkonferenz im August 2016 aufgeführt worden.

Moscheen weiter Anlaufstellen für Salafisten

In Berlin nahmen am 3. Oktober 26 Moscheevereine am Tag der offenen Moschee teil. Der Integrationsbeauftragte der Stadt, Andreas Germershausen, hatte für den Besuch der Bevölkerung in den Moscheen geworben. Er sei ein wichtiger Beitrag dazu, „die gesellschaftliche Einheit unseres Landes“ zu stärken, wird Germershausen in einer Veröffentlichung des Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen zitiert, der der Integrationsbeauftragte untersteht.

Moscheen sind für die Anwerbung in der radikalislamistischen Szene unterdessen weiterhin wichtige Anlaufstellen. Nach Informationen der F.A.Z.-Woche war fast die Hälfte der Salafisten, die nach Syrien oder Irak ausreisten, zuvor in Moscheen aktiv. Das geht aus einer bisher noch unveröffentlichten Untersuchung des Verfassungsschutzes hervor. Danach waren von 624 Salafisten, die nach Syrien und in den Irak reisten, 268 vor ihrer Ausreise in einer Moscheegemeinde, einem Moscheeverband oder einem Moscheeverein aktiv. Das entspricht 43 Prozent.

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„Die Moscheen spielen für die Radikalisierung von Islamisten in Deutschland weiterhin eine zentrale Rolle“, sagte eine Sprecherin des Bundesamtes für Verfassungsschutz der F.A.Z.-Woche. Die Untersuchung analysiert fortlaufend Hintergründe und Verlauf der Radikalisierung von Personen, die mit islamistischer Motivation nach Syrien oder Irak ausreisten. Grundlage sind Daten von insgesamt 784 Personen, die ausreisten oder eine solche Ausreise aktiv versuchten. Die Gesamtzahl der Salafisten wird vom Verfassungsschutz bundesweit mit 9200 Personen angegeben.

Die Sicherheitsbehörden warnen zugleich vor einem neuen islamistischen Tätertypus. Offenbar gelingt es aus dem Ausland agierenden Aktivisten der Terrororganisation „Islamischer Staat“ mittlerweile immer wieder, junge Leute über das Internet zu radikalisieren und dann bei der Planung und sogar Ausführung von Anschlägen mit Hilfe von Instant Messaging live anzuleiten und zu beraten. Sowohl der junge Flüchtling, der in Juli bei Würzburg Reisende in einem Zug mit einer Axt schwer verletzte als auch der Asylbewerber, der wenige Tage später am Rande eines Musikfestivals in Ansbach eine Rucksackbombe zündete, standen noch unmittelbar vor ihrer Tat im Chat-Kontakt mit ihren IS-Beratern.

42731988 © dpa Vergrößern Eine Besucherin fotografiert am 3. Oktober in Hamburg am „Tag der Offenen Moschee“ in der Blauen Moschee eine Frau beim Betrachten eines Bilderzyklus zur „Schlacht bei Kerbela“

„Radikalisierung ist heute eine Frage von Wochen, nicht wie zuvor von Monaten oder Jahren – das zeigt auch das Beispiel des 16 Jahre alten Syrers aus Köln“, sagte der Leiter des nordrhein-westfälischen Verfassungsschutzes Burkhard Freier der F.A.Z.-Woche. Der Jugendliche war im September festgenommen worden, weil er über WhatsApp von einem bisher nicht identifizierten IS-Aktivisten konkrete Anleitungen für den Bau einer Bombe erhalten und seinen festen Entschluss geäußert hatte, einen Anschlag in Köln zu begehen.

„Auffallend ist, dass in letzter Zeit vermeintliche Einzeltäter vor allem über WhatsApp, Telegram oder Facebook zu Anschlägen motiviert und praktisch ‚ferngesteuert‘ werden“, sagte Freier der F.A.Z.-Woche. Man beobachte, dass extremistische Salafisten verstärkt junge Menschen suchten, die in ihrer Orientierungsphase empfänglich für eine einfache Weltsicht, vordergründige Anerkennung und Protest sind. „Besonders gefährdet sind ihr junge Flüchtlinge, weil sie Halt suchen, aber die Gefahren des extremistischen Salafismus nicht erkennen“, sagte Freier.

Quelle: wahlrecht.de
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