12.07.2010 · Die rot-grüne Minderheitsregierung in Nordrhein-Westfalen will mindestens 30 Prozent der Haupt-, Realschulen und Gymnasien in Gemeinschaftsschulen umwandeln. Im Gespräch mit der F.A.Z. sagt die designierte grüne Bildungsministerin Löhrmann, das sei „keine Ansage von Zwangsmaßnahmen“.
Frau Löhrmann, Rot-Grün ist 2005 in Nordrhein-Westfalen auch wegen Kritik an der Schulpolitik abgewählt worden. Warum tun Sie sich das an, als künftige Schulministerin gleich mit der Großreform Gemeinschaftsschule zu starten?
Weil wir uns dieses ungerechte und leistungsfeindliche Schulsystem nicht länger leisten können. Wir Grüne haben ein Programm ausgearbeitet, das darauf fußt, längeres gemeinsames Lernen im regionalen Konsens zu erreichen, statt es von oben zu verordnen. Genau das haben wir jetzt mit der SPD vereinbart. Auf dem Weg zur Gemeinschaftsschule, die aus Haupt-, Realschulen und Gymnasien gebildet wird, wollen wir die Handlungsmöglichkeiten der Kommunen erweitern. Es wird weiter Schulvielfalt in Nordrhein-Westfalen geben.
Aber so freiwillig ist die Sache wohl doch nicht: Im Koalitionsvertrag heißt es, mindestens 30 Prozent der Schulen sollen bis 2015 Gemeinschaftsschulen werden.
Das ist eine politische Zielvorgabe und keine Ansage von Zwangsmaßnahmen. Wir gestalten einen evolutionären Prozess. Gerade im ländlichen Raum werden Verbundsysteme wegen des Schülerrückgangs gewollt, damit die Schule im Dorf bleibt. Es geht um eine attraktive Schule, die für alle Kinder ein vollständiges, umfassendes Schulangebot inklusive gymnasialer Elemente bietet. Verbindlich findet dort gemeinsames Lernen künftig in den Klassen fünf und sechs statt. Ob danach auch bis Klasse zehn gemeinsam unterrichtet wird, wird vor Ort entschieden.
Wenn das 30-Prozent-Ziel nicht freiwillig erreichbar ist, würden Sie dann zu Zwangsmaßnahmen greifen?
Der Prozess ist ausdrücklich als Ermöglichungsstrategie angelegt, verbunden mit konkreten Anreizen.
Und später? Wann sind 100 Prozent Gemeinschaftsschule durchgesetzt?
Wir Grüne sind überzeugt, dass sich unser Konzept von selbst durchsetzen wird. Und wir schaffen ja keine Schulform ab, wir nehmen nur die Gymnasien mit hinein in die innovative Schulentwicklung. Wir glauben, dass das Gymnasium nicht abgekoppelt werden sollte von der sozialen Verantwortung.
Die Pisa-Studie des Jahres 2000 schockierte Deutschland, weil 20 Prozent jedes Jahrgangs das Mindestziel verfehlten. Bildungsforscher sagen, es geht nicht um Schulstrukturreformen, sondern darum, diesen 20 Prozent im „Bildungskeller“ gezielt zu helfen.
Wir können ihnen aber nicht helfen, wenn wir sie weiter aussondern und abschulen. Das ist eben nicht nur eine Ressourcenfrage, sondern es geht um eine Haltung, die etwas mit dem Schulsystem zu tun hat. Nur dann gelingt konsequente individuelle Förderung.
Sie sehen also eine soziale Verantwortung der Gymnasialschüler, alle anderen Schüler mitzuziehen?
Vom individualisierten Unterricht profitieren gerade auch die Leistungsstarken. Die Kunst ist, dass Lehrer auch ihnen hinreichende Angebote machen, damit sie nicht unterfordert werden. Es darf kein Kind zurückbleiben, es darf aber auch kein Kind behindert werden in seinem Lernen. Das gelingt in heterogenen Gruppen besser als in scheinbar homogenen. Jedes Kind wird in der Gemeinschaftsschule das ihm gemäße Angebot bekommen. Aber Schwankungen in der Leistung in einem Fach führen eben künftig nicht mehr zu demotivierendem Sitzenbleiben. Vielmehr wechselt man vielleicht eine Lerngruppe, aber nicht die Schule, und wird nicht als Versager abgestempelt. Das ist das Ziel.
Die ehemalige nordrhein-westfälische Schulministerin Gabriele Behler (SPD) hat 2005 davon berichtet, dass in Gesamtschulen bis Mitte der neunziger Jahre eine Leistungsbewertung propagiert wurde, die Quoten für die Vergabe von guten Noten und Abschlüssen unabhängig von der tatsächlich erreichten Leistung festlegte. Wird es zu einem Rückfall in solche Verfahrensweisen kommen, damit Sie Ihre Ziele erreichen?
Wir haben in Nordrhein-Westfalen schon mit der früheren rot-grünen Regierung konsequent den Weg beschritten, die in der Kultusministerkonferenz festgelegten Standards anzuwenden. Zentrale und teilzentrale Prüfungen finden auch weiterhin statt, damit es kein Vertun gibt über die Qualität eines erreichten Schulabschlusses. Mit diesen Maßnahmen werden die Ängste vor Nivellierung und Gleichmacherei der Vergangenheit angehören.
Das Versprechen Ihrer Schulpolitik ist, dass jeder alles erreichen kann?
Unser Versprechen ist, dass der Zugang zu Bildung weder von der Herkunft noch vom Geldbeutel der Eltern abhängen soll. Selbstverständlich werden auch in fünf oder zehn Jahren nicht alle Kinder in Nordrhein-Westfalen Abitur machen. Aber wer das Zeug dazu hat, darf nicht an institutionellen Hürden des Systems scheitern.
Warum glauben Sie, in nur fünf Jahren ohne Zwangsmaßnahmen 30 Prozent Gemeinschaftsschulen zu erreichen?
Wir haben einen ganz großen Verbündeten. Das ist die demographische Entwicklung. Im ländlichen Raum wird man ohne unsere Reform bald überhaupt keine Schule der Sekundarstufe I mehr haben, und deshalb rennen uns auch die CDU-Bürgermeister die Türen ein. Sie sagen, ich will für meine Stadt, für meine Familien, aber auch für meine Wirtschaft ein attraktives Schulangebot mit der Option auf höherwertige Schulabschlüsse. Das ist einer der Promotoren dieser Schulentwicklung.
Werden Gemeinschaftsschulen wie Gesamtschulen bis 2005 gezielt bevorzugt? Gibt es mehr Lehrer, mehr Geld, bessere Ausstattung?
Wir halten es für richtig, den Gemeinschaftsschulen aufgrund der neuen Aufgabenstellung und heterogeneren Schülerschaft einen Anreiz zu bieten: Die Eingangsklassen werden nur 25 Kinder haben, die Schule bekommt ein umfassendes Fortbildungs- und Qualifizierungsprogramm, damit die Pädagogen den zusätzlichen Herausforderungen auch gerecht werden. Neue Schulen müssen in der Regel nicht gebaut werden, weil wir die Gemeinschaftsschulen ja in den bestehenden Gebäuden gestalten können.
Wenn Sie einen kleineren Klassenteiler haben, bedeutet das, dass an Gemeinschaftsschulen mehr Lehrer als an anderen Schulen eingesetzt werden müssen. Wie kommen Sie zu diesen Lehrern?
Wir haben im Koalitionsvertrag festgelegt, dass es trotz des Schülerrückgangs nicht zum Abbau von Lehrerstellen kommen wird.
Als in der Vergangenheit Gesamtschulen gegründet wurden, wurde an anderen Schulformen ein zum Teil eklatanter Fachlehrermangel hingenommen. Wird das wieder passieren?
Es ist unser Ziel, an allen bestehenden Schulen eine vernünftige Lehrerversorgung sicherzustellen. Es kann doch nicht darum gehen, Kinder in irgendeiner Weise zu vernachlässigen oder zu bestrafen.
Was kostet Ihre Reform den Steuerzahler?
Vor allem kostet das Festhalten an Strukturen, die von Eltern nicht mehr akzeptiert werden, die Gesellschaft immens viel. Wir werden in den kommenden Monaten zunächst versuchen, einen Schulkonsens mit den anderen Parteien und relevanten Gruppen zu erzielen. Anschließend können wir auflisten, wo welche Reserven frei werden und eine Gesamtplanung inklusive Kostenrahmen vorlegen.
Hauptschulen genießen Verfassungsrang in Nordrhein-Westfalen. Steht das Ihrem Vorhaben nicht im Weg?
Natürlich wird es eine verfassungsrechtliche Prüfung geben. Ich sehe aber keine Schwierigkeiten. Die Eltern stimmen längst mit den Füßen ab.
Die bisherige Vorsitzende der Grünen-Fraktion will als
Ministerin in der geplanten Minderheitsregierung mit der SPD die Schulformen rasch
zusammenführen. Auch
Gymnasien dürften sich
nicht „abkoppeln“ von ihrer
„sozialen Verantwortung“.
Vielmehr wechselt man vielleicht eine Lerngruppe
Paul Banaschak (paul.banaschak)
- 11.07.2010, 21:40 Uhr
unglaublich...
Daniel Thies (Callisto2)
- 11.07.2010, 22:16 Uhr
Wie die sich die Ideologen gleichen ...
Ogdan Ücgür (Ogdan)
- 11.07.2010, 22:58 Uhr
Schlagende Argumente
Guido Janzen (Roadrunner66)
- 11.07.2010, 23:36 Uhr
Schulkrieg erklärt
Bernhard Sporkmann (bsfaz)
- 11.07.2010, 23:47 Uhr