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Stuttgarter Landtag Es werde Licht im Hasenstall

Die Schwaben leisten sich einen tiefergelegten Bahnhof und nun auch noch ein Parlament mit Tageslicht im Plenarsaal. Nach einer zehn Jahre währenden Debatte ist die Sanierung beschlossen.

© Landtagspressestelle Vergrößern Da kommt das Licht rein: Riehle, Wolf und Thomas Schmidt (von links) vom Architekturbüro Staab an einem Modell des neuen Plenarsaals

In spätestens drei Jahren eröffnen sich den Debattenrednern im Stuttgarter Landtag neue Perspektiven. Sie werden erstmals seit vielen Jahrzehnten sehen können, ob es im Schlossgarten schneit oder ob die Sonne scheint. Nach einer ermüdenden, zehn Jahre währenden Debatte sind sich die vier Landtagsfraktionen nun einig, das 1961 errichtete Gebäude zu sanieren. Der oktogonale und recht klein geratene Parlamentssaal ist mit hellem Eichenholz getäfelt.

Rüdiger Soldt Folgen:  

Die Abgeordnetenbänke kritisierten die Parlamentarier schon kurz nach der Eröffnung als „kostspielige Spezial-Zwergenschreibtische“ aus norddeutscher Produktion; die Journalisten-Arbeitsräume verglich eine Autorin dieser Zeitung schon vor fünfzig Jahren mit „Innenkabinen der Touristenklasse auf einem Ozeandampfer mittlerer Güte“. Der Plenarsaal war gedacht als „Ort der Konzentration“, deshalb hielt man Tageslicht für überflüssig, ja störend. Heute wirkt der Saal, der oft mit dem Inneren einer Geige verglichen worden ist, wegen des milchig-gelblichen Kunstlichts muffig und abgeschottet, weshalb mancher baden-württembergische Landtagsabgeordnete auch von einem „Hasenstall“ spricht.

1961 war der Stuttgarter Landtag der erste Parlamentsneubau in Europa nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Seit vielen Jahren gilt die Technik als hoffnungslos veraltet. Der kubusförmige Bau ist derart schlecht isoliert, dass im Winter wahrscheinlich sogar die Enten auf dem Eckensee im Schlossgarten von der Heizung einen Nutzen haben. Ins Dach des Parlaments soll es manchmal hineinregnen.

Kaum ein deutsches Parlament hat eine schönere Lobby

Zur Verbesserung gab es schon viele Vorschläge. Der frühere Parlamentspräsident Peter Straub (CDU) favorisierte einen Neubau im Akademiegarten. In Skizzen wurde dem denkmalgeschützten Gebäude eine Glaskuppel aufgesetzt, zumindest in Zeitungsstatements träumten manche Landespolitiker sogar vom Bau eines völlig neuen Regierungsviertels. Wie groß der Veränderungsbedarf ist, wurde manchem Abgeordneten erst auf Reisen nach Erfurt oder Dresden bewusst - wenn sie sahen, was sich die vergleichsweise armen ostdeutschen Bundesländer leisteten.

Bei allen Nachteilen des von den Architekten Erwin Heinle und Horst Linde nach einem Entwurf von Kurt Viertel gebauten Landtags sind seine Vorzüge doch bestechend: Kaum ein deutsches Parlament hat eine schönere und großzügigere Lobby. Die Struktur des Gebäudes ist linear, klar, transparent, modern. In Viertels Entwurf steckt wenig von den Vorgängerstaaten Baden-Württembergs und viel vom Pathos des Neuanfangs des jungen Bundeslandes. „Dieses Haus ist ein Klassiker der klassischen Moderne im Geiste Mies van der Rohes. Es ist ein leises Haus mit Würde und Eleganz. Das wollten wir erhalten“, sagt Wolfgang Riehle, Präsident der Architektenkammer und Vorsitzender des Beurteilungsgremiums, das für den Umbau den Entwurf des Berliner Büros Staab auswählte.

Aus Sicht Riehles erfüllt dieser Entwurf die Wünsche der Bauherren am besten: Mit einer transluzenten Decke wird der Plenarsaal behutsam fürs Tageslicht geöffnet. Nachts dringt künstliches Licht durch sechs Kegel nach außen. Der Wolkenzug dürfte künftig zarte Schatten auf die Abgeordnetenbänke werfen. Damit, so Riehle, seien die Abgeordneten mit „stimulierendem Tageslicht“ versorgt. Nicht wenige Beobachter des parlamentarischen Alltags versprechen sich von solchen Impulsen auch eine Besserung des Debattenniveaus, das seit Einführung des Vollzeitparlaments und dem Regierungswechsel 2011 zusehends gelitten hat. „In Stuttgart spielt auch die fünfte Fassade eine Rolle, also das Dach, denn die Bauten werden ja auch von der Halbhöhenlage aus betrachtet“, sagt Riehle.

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Nach Fertigstellung des Umbaus wird es erstmals einen Sichtbezug zwischen Plenarsaal, Lobby und Schlossgarten geben. Der Plenarsaal bekommt zusätzlich zur gläsernen Decke auch eine mit Holzlamellen verschließbare gläserne Innenwand. Die Vertäfelung des künftigen Sitzungssaals wird hell, das Mobiliar schwarz sein. Parlamentspräsident Guido Wolf (CDU) wies darauf hin, dass das neue Dach des Hauses nur sechs Millionen Euro kostet; die Grundsanierung des Hauses soll insgesamt ganze 36 Millionen Euro kosten.

Vor ein paar Monaten war ein erster Versuch, einen Entwurf für den Umbau zu finden, gescheitert - drei namhafte Architektenbüros wollten sich mit dem politisch gewünschten Tageslichtbezug nicht abfinden, sie sahen darin eine „zeitgeistige Erfindung unserer Tage“. Die stellvertretende Parlamentspräsidentin Brigitte Lösch (Grüne) sagte, das Gebäude werde auch von zahlreichen Besuchern und für viele Veranstaltungen genutzt: „Es geht nicht nur darum, dass Abgeordnete im Tageslicht sitzen. Die klimatischen Verhältnisse sind unerträglich, entweder man schwitzt oder es zieht.“ Das Land könne auch nicht von den Hausbesitzern energetische Sanierungen verlangen und beim Parlamentsgebäude untätig bleiben.

Die Landtagsfraktionen hätten den Umbau gern noch ergänzt um ein modernes Glasgebäude, errichtet auf dem Parkplatz vor dem Staatstheater. Doch die Stadt Stuttgart sperrte sich. Für das „Medien- und Besucherzentrum“ soll es nun einen unterirdischen Bau an der Nordseite des Parlaments geben. Während des Umbaus von Herbst 2013 bis 2015 tagt der Landtag dann im Kuppelsaal des Kunstgebäudes am Schlossplatz.

Quelle: F.A.Z.

 
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