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Stuttgart In der OB-Wahl ist alles offen

 ·  Im Stuttgarter Wahlkampf liefern sich die Kandidaten Turner und Kuhn einen heftigen Schlagabtausch um das Amt des Oberbürgermeisters.Von dem Streit profitiert die SPD-Kandidatin Wilhelm.

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Die Stuttgarter sind ungnädig mit ihrem Oberbürgermeister. Den Amtsinhaber Wolfgang Schuster von der CDU haben sie erst kürzlich wieder ausgepfiffen. Schuster stand im Schlossgarten bei sommerlichen Temperaturen, die Don-Giovanni-Premiere war auf einem Großbildschirm zu sehen, und er wurde von keinem Geringeren interviewt als von Harald Schmidt. Befremdet zuckte Schmidt immer wieder zusammen, wenn Buhrufe zu hören waren.

Dabei muss Schuster den Vergleich mit seinen Vorgängern nicht scheuen. Sein Vorgänger Manfred Rommel hat zwar viele schwäbische Aphorismen hinterlassen, dessen parteiloser Vorgänger Arnulf Klett die Stadt nach dem Krieg wieder aufgebaut. Aber der fleißigste und gestaltungswilligste Oberbürgermeister war sicher Schuster, das sagen sogar seine zahlreichen Gegner.

Drei Bewerber sind im Rennen

Die Buhrufe im Schlossgarten waren wohl nur das Amuse-Gueule zum Oberbürgermeisterwahlkampf, der erst richtig beginnt, wenn die Stuttgarter aus dem Urlaub zurück sind, also in den ersten Septemberwochen. Drei Bewerber kommen in die engere Wahl: Der Werbeunternehmer Sebastian Turner, kürzlich zugereist aus Berlin, aufgewachsen in Stuttgart, fürsorglich versorgt, wie er in einem Video einmal mitteilte, von einer gewissen „Tante Gisela“.

Turner kandidiert mit Unterstützung von CDU, FDP und Freien Wählern. Der 45 Jahre alte Unternehmer streitet nicht ab, Millionär zu sein, möchte nun noch einmal etwas gestalten, ist aber keineswegs so parteifern, wie er gern behauptet - sein Vater war in Berlin Senator unter einem Regierenden Bürgermeister der CDU.

Turners ärgster Konkurrent ist der grüne Haudegen und manchmal grantige Zuspitzer Fritz Kuhn, 59 Jahre alt, einst Fraktionsvorsitzender im Landtag, später Bundestagsabgeordneter in Berlin.

Und schließlich ist da noch Bettina Wilhelm, unterstützt von der SPD, angetreten aus eigenem Ehrgeiz. Sie ist Pädagogin und derzeit erste Bürgermeisterin von Schwäbisch Hall. Bettina Wilhelm ist 48 Jahre alt, 42 Jahre hat sie in Stuttgart gewohnt.

Stimmungstest für den Bundestagswahlkampf

Bei diesem Wahlkampf, dem manche sogar „bundespolitische Bedeutung“ zusprechen, geht es nicht darum, für die nächsten acht Jahre einen möglichst kompetenten Politiker und erfahrenen Verwalter in das Stuttgarter Rathaus zu schicken.

Nach anderthalb Jahren grün-roter Herrschaft in der Villa Reitzenstein wird die Wahl um das angeblich zweitwichtigste Amt im Südwesten zu einem Stimmungstest: Kann die CDU wenigstens mit einem parteiunabhängigen Kandidaten noch gewinnen? Oder gelingt es mit Fritz Kuhn erstmals, einen Grünen in das Rathaus der Landeshauptstadt zu schicken? Die Stuttgarter Verwaltung hat mehr als 20000 Mitarbeiter, mit 600000 Einwohnern ist die Landeshauptstadt die sechstgrößte Stadt der Republik.

Dass in den nächsten Monaten eine ziemlich heftige Wahlkampfschlacht zu erwarten ist, war in dieser Woche zu beobachten: Wie die Kesselflicker stritten sich Turner und Kuhn über eine Plakatfläche. Eine Werbefläche, die nach Preisliste 39500 Euro kosten würde, hatte der parteilose Kandidat der bürgerlichen Parteien für 7500 Euro als Spende von einem Unternehmer bekommen.

Zwischen Kuhn und Turner gab es einen heftigen Schlagabtausch. Turners Leute erinnerten daran, dass Kuhn eine Einladung der GLS-Bank dankend angenommen habe, der keilte aus dem Mittelmeer-Urlaub sofort zurück, derartige Behauptungen seien eine „Sauerei“, Turner sei ein „Großkotz“, den die Stuttgarter ohnehin nicht wollten.

Angesichts der Tatsache, dass Turner und Kuhn nur aus dem Urlaub kommentierten, war das ein ziemlich heftiger Schlagabtausch. Schon vor Wochen hatte Turner Kuhn einen „Fairnesspakt“ angeboten, doch Kuhn lehnte dankend ab. Er habe sich überrumpelt gefühlt.

Turner hat zwar ein bedeutendes Werbeunternehmen aufgebaut, in einem Wahlkampf steht er zum ersten Mal in seinem Leben, eine Verwaltung hat er auch noch nicht geführt. Dafür, dass er von vielen anerkennend „Werbeprofi“ genannt wird, hat er schon eine Reihe von Fehlern gemacht: Bei Diskussionsveranstaltungen weigert er sich, auf manche Zuschauerfragen zu antworten. In der Auseinandersetzung über die Plakatfinanzierung schurigelte sein Sprecher Journalisten: Sie müssten nur ihre Anzeigenverkäufer anrufen, um über Rabatte im Werbegeschäft etwas zu erfahren.

Turners Auftritte sind manchmal unsouverän. „Man merkt, alle sind wahnsinnig nervös, was wahrscheinlich daran liegt, dass es im Moment keinen klaren Favoriten gibt“, sagt ein Wahlkampfberater. Einen Sieger im ersten Wahlgang am 7. Oktober wird es nicht geben.

Es ist schwer vorauszusehen, ob Turner in der vornehmen Halbhöhenlage, beim angeblich auf Bescheidenheit bedachten Stuttgarter Bürgertum, überhaupt reüssieren kann. Machen die Multiplikatoren des vornehmen „Donnerstagskreises“ Turner zu ihrem Kandidaten? Werben Steuerberater und Wirtschaftsprüfer für den Kandidaten von CDU, FDP und Freien Wählern - oder ist ihnen der aus Berlin zugewanderte Unternehmer doch irgendwie fremd?

“Stuttgart 21“ ist immer noch ein Thema

Kuhn dagegen muss fürchten, wichtige Stimmen an den Kandidaten der Stuttgart-21-Gegner, Hannes Rockenbauch, zu verlieren. Mit aller Macht und Raffinesse wollen die Bahnhofsgegner versuchen, das Thema „Stuttgart 21“ noch einmal zum großen Wahlkampfthema zu machen.

Immerhin kommen zu den „Montagsdemonstrationen“ manchmal noch 1500 Bürger. Auch der Kandidat der Piratenpartei könnte den Grünen Wähler abspenstig machen. Andererseits kann Kuhn mit der Unterstützung von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne), dem Apparat der Staatskanzlei sowie der Landespartei rechnen.

„Für uns ist das eine sehr wichtige Wahl, Stuttgart ist wie ein Brennglas, es ist das zweitwichtigste Amt im Land“, sagt die grüne Landesvorsitzende Thekla Walker. „Es ist nicht gesagt, dass die SPD-Kandidatin automatisch auf Platz drei landet“, mein ein Wahlkampfberater. Wenn zwei ständig streiten, lacht die Dritte.

Bettina Wilhelm ist am frühen Nachmittag in ein ehemaliges Waldheim in den Stadtteil Degerloch gefahren. Kuhn und Turner machen Urlaub, Frau Wilhelm macht Wahlkampf. „Ich habe mich beworben, weil es eine realistische Chance gibt“, sagt sie.

Mehrere Monate war die SPD auf der Suche nach einer Kandidatin, dann ergriff die erste Bürgermeisterin aus Schwäbisch Hall die Initiative. Sie bewarb sich - die SPD diskutierte. Es dauerte ein paar Wochen, bis sich der Kreisverband auf die ehrgeizige Frau einigte, die für ihre Großeltern als kleines Mädchen Brombeeren und Äpfel auf dem Stuttgarter Marktplatz verkauft hat.

 

Grüne Hochburgen lassen Kuhn hoffen

„Stuttgart ist meine Heimatstadt, ich möchte Oberbürgermeisterin werden, mein Antrieb ist das Thema Chancengleichheit“, sagt sie den Straßenbahnmitarbeitern auf der Waldau. „Unser Hund ist leider verstorben, das war mein großes Hobby.“ Bettina Wilhelm trägt ein handgestricktes sozialdemokratisches Programm vor, sie kennt vielleicht auch nicht jeden Paragraphen des europäischen Wettbewerbsrechts, aber ihr Auftritt ist zielstrebig, charmant und herzlich.

Die Hunde-Anekdote soll ihrem Auftritt eine persönliche Note geben. „Um Erfolg zu haben, ist es schon einmal gut, wenn man beliebt ist“, sagt sie. 2005 verlor die Politikerin in Aalen eine Oberbürgermeisterwahl, sie landete nur auf Platz drei. „Als Beruf konnte ich nur Abteilungsleiterin und Diplompädagogin angeben, jetzt bin ich erste Bürgermeisterin.“

Stuttgart hat sich von einer Stadt mit sozialdemokratischen Wählermilieus in den Industriequartieren und mit bürgerlichen Milieus in der Innenstadt, im Westen und im Süden zu einer grünen Hochburg entwickelt. Im Stuttgarter Norden etwa, wo bei der Kommunalwahl 2004 noch 32 Prozent für die CDU stimmten, waren es 2009 nur noch 23 Prozent. Die Grünen dagegen sind in diesem Stadtteil, zu dem auch der vornehme Killesberg gehört, jetzt eine 30-Prozent-Partei.

Den Stuttgarter Westen, wo die Cafés „Moulou“ oder „Heimathafen“ heißen, verklären die Grünen zu einer Art Lilliput-Brooklyn. Eine Niederlage Fritz Kuhns wäre auch eine große Niederlage für die grüne Ministerpräsidentenpartei. „Vor dem 7. Oktober werde ich keine Absprachen für den zweiten Wahlgang treffen“, sagt Frau Wilhelm. Das zeugt von Optimismus.

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Jahrgang 1966, politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

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