13.08.2010 · 18.000 Menschen demonstrieren gegen den Beginn der Bauarbeiten am Nordflügel des Hauptbahnhofes haben Abrissarbeiten für das Milliardenprojekt „Stuttgart 21“ begonnen. Eine Studie im Auftrag des Umweltbundesamtes liefert den Kritikern neue Argumente.
Von Rüdiger Soldt, StuttgartDer Baubeginn des umstrittenen Bahnprojekts Stuttgart 21 ist nun auch an der Außenfassade des Hauptbahnhofs sichtbar geworden. Bagger begannen am Freitag mit dem Abriss. Rund 18 000 Menschen protestierten am Abend mit einer Menschenkette gegen das Milliarden-Vorhaben, das gegenwärtig eines der größten deutschen Bauprojekte ist. Mit Lichtern, Transparenten und dem Slogan „Oben bleiben“ machten sie ihrem Unmut gegen die Umwandlung des denkmalgeschützten Kopfbahnhofs in eine unterirdische Durchgangsstation Luft.
Die Kritik richtet sich unter anderem gegen die steigenden Kosten - mittlerweile 4,1 Milliarden Euro - sowie negative Effekte für die Umwelt und den Nahverkehr. Die Gegner befürworten eine Modernisierung des Kopfbahnhofes und wollen einen Baustopp und eine Bürgerbefragung erreichen. Die Polizei hatte den Beginn der Arbeiten am Morgen mit rund 30 Beamten gegen einige wenige Protestierer gesichert. Drei Frauen und ein Mann wurden weggetragen, weil sie die Einfahrt für die Baufahrzeuge blockierten.
Im Inneren des Bahnhofsgebäudes war schon im Juli mit dem Abbruch begonnen worden. Nach einer neuen Studie im Auftrag des Umweltbundesamtes könnten die Gesamtkosten des Projektes, zudem auch die Anbindung an die Schnellbahntrasse nach Ulm gehört, von sieben auf bis zu elf Milliarden Euro steigen. Bundesbehörden wollte dazu aber am Freitag nicht Stellung beziehen. Der Autor der Studie, Michael Holzhey, kommt auch zu dem Schluss, dass beide Projekte verkehrstechnisch keinen Sinn haben und anderen wichtigeren Vorhaben Mittel entziehen. Das Umweltbundesamt hatte sich das Ergebnis der Studie nicht zu eigen gemacht.
Weder das Bundesverkehrs- noch das Bundesumweltministerium äußerten sich zu der Kritik. Bei der Bahn hieß es lediglich: „Wir beteiligen uns nicht an Spekulationen über Kostenexplosionen.“ Die SPD warf dem Autor der Studie vor, ein bekannter Gegner des Projektes zu sein und die Auftragsstudie für politische Zwecke zu missbrauchen. Allerdings bröckelt in der SPD die vorbehaltlose Unterstützung für das Milliarden-Vorhaben weiter. Landesverkehrsministerin Tanja Gönner (CDU) warnte erneut vor einem Stopp von Stuttgart 21. „Wir glauben, dass es ein für die Zukunft des Landes ganz entscheidendes Infrastrukturprojekt ist - und deswegen fallen wir jetzt nicht um“, sagte Gönner der Nachrichtenagentur dpa.
FAZ.NET dokumentiert wichtige Aussagen aus der Untersuchung: „Schienennetz 2025/2030 - Ausbaukonzeption für einen leistungsfähigen Schienengüterverkehr in Deutschland“:
Baukosten Stuttgart 21
„Die Baukosten von rund 7 Mrd. Euro sind deutlich zu niedrig angesetzt. Nachdem bis Herbst 2009 ein Wert von 3,076 Mrd. Euro für S 21 unter der Versicherung ausgegeben worden war, dass dies eines der am gründlichsten gerechneten Projekte sei, kam die DB AG nach der Neubewertung auf Kosten von 4,9 Mrd. Euro. Diese wurden dann auf 4,088 Mrd. Euro herunterkorrigiert, indem pauschal „Einsparpotentiale“ von 900 Mio. Euro identifiziert wurden. Augenscheinlich sollte der Wert unter jene Linie von 4,5 Mrd. Euro gedrückt werden, die unter Einrechnung des sogenannten Risikofonds als „politische Sollbruchstelle“ definiert worden war. Woher die Einsparungen kommen sollen, bleibt fraglich, da sie nicht mit konkreten Maßnahmen hinterlegt sind. So soll z. B. die Tunneldicke an verschiedenen Stellen deutlich reduziert werden, wovor Fachleute ausdrücklich warnen. (...)
Baukosten Neubaustrecke
Noch bedeutsamer primär wegen des hohen Bundesanteils an der Finanzierung - ist die Unterdotierung der Kosten bei der NBS. Wie die am 27. Juli 2010 verkündete Kostensteigerung um 40 Prozent zeigt, veralten die Preisstände binnen weniger Jahre. Gerade im Bausektor mit komplexen Ingenieursbauwerken ist seit langem eine überdurchschnittliche Teuerung zu beobachten. ... Bedenkt man eine Bauzeit der NBS von mindestens 15 Jahren, wird allein aus diesem Grund auch die neue Prognose von 2,89 Mrd. Euro nicht haltbar sein. (...)
Nach konservativer Schätzung halten wir es für unmöglich, die Kosten unter 4 Mrd. Euro zu halten. Zusammen mit S 21 zeichnen sich damit Gesamtkosten von mindestens 9 Mrd. Euro ab, ggf. bis zu 11 Mrd. Euro. Dieser sehr hohe Aufwand steht u. E. in keinem Verhältnis zum geringen verkehrlichen Nutzen. (...)
Reisezeit
Auf der Sollseite ist jedoch zu verbuchen, dass ... ein Teil des Reisezeitgewinns durch das betriebliche Nadelöhr S 21, die Laufwege im Bahnhof sowie durch teilweise schlechtere Anschlüsse aufgezehrt wird (...)
GÜTERVERKEHR Am schwersten wiegt die Kritik, dass die NBS de facto für den Güterverkehr nutzlos ist bzw. ihm sogar schadet. Aufgrund der Steigung bis zu 31 Promille können nur leichte, 160 km/h schnelle Güterzüge mit einem Gewicht von maximal 1000 Tonnen und maximal 500 m Länge die Strecke nutzen, überdies müssen sie mit besonderen Scheibenbremsen ausgerüstet werden. (...)
Effekte auf andere Schienenvorhaben
Dass das Gesamtvorhaben verkehrlich hochgradig ineffektiv ist, ist nicht nur für die (potenziellen) Nutzer der NBS nachteilig, sondern schlägt sich in erheblichen mittelbaren Kollateralschäden auf Landes- und Bundesebene nieder. ... Dieser Kannibalisierungseffekt trifft vor allem Baden-Württemberg selbst, indem in Zeiten angespannter öffentlicher Haushalte ungleich bedeutsamere Ausbauvorhaben wie die Rheintalbahn oder der Lückenschluss Rhein-Main Rhein-Neckar mindestens bis 2030 ins zweite Glied rücken werden. Weil die Rheintalbahn einen der wichtigsten Schienenkorridore in Europa darstellt, bremst die falsche Prioritätensetzung das Wachstum auf der Schiene weit über die Landesgrenzen hinaus. ... S 21 beseitigt kein Nadelöhr, sondern schafft neue. (...)
Alternativen
Eine bessere Handlungsalternative zum Tiefbahnhof wäre die Beibehaltung des Kopfbahnhofes, dessen Leistungsfähigkeit durch weitere Einfahrten gesteigert werden könnte.“
(Quelle: dpa sowie Studie Umweltbundesamt: http://dpaq.de/QL65L
)
Die Minderheit der ungebildeten Querulanten
W. Müller (drschagg)
- 13.08.2010, 14:46 Uhr
Gönner glaubt.. :)
Stefan Waldburg (Matt513)
- 13.08.2010, 15:21 Uhr
Glauben hilft hier nicht
Max Mahlheim (Akkin)
- 13.08.2010, 15:53 Uhr
Das Umweltbundesamt sollte sich um seine ursprünglichen Aufgaben kümmern
Lothar Wölfel (LWoelfel)
- 13.08.2010, 16:03 Uhr
Luxus-Protest
Klaus Bronner (Vollschwabe)
- 13.08.2010, 17:13 Uhr