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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Stuttgart 21 Immer wieder Weiche 227

 ·  Die Bahn droht bei Stuttgart 21 weiteres Vertrauen zu verspielen: Seit Juli gab es am Stuttgarter Hauptbahnhof drei Entgleisungen, der Zeitplan wackelt, die Kosten bleiben ungewiss und nun stellt ein Gutachten Mängel beim Brandschutz-Konzept fest.

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© dpa Stuttgart: Etwa 10.000 Reisende müssen in diesen Tagen Umwege in Kauf nehmen

Die Bahn hat seit Beginn der Planungen für das Verkehrsinfrastrukturprojekt Stuttgart 21 wenig getan, um ihre Kritiker zu überzeugen. Das fängt beim täglichen Zugfahren an und hört bei der Bautätigkeit am Stuttgarter Hauptbahnhof auf: Im Frühjahr setzte die DB Regio auf der profitablen Strecke Schorndorf-Stuttgart plötzlich Züge mit der Aufschrift „Euro-Express“ ein. Es waren von einer Fremdfirma geliehene Waggons, die einst von den Alliierten für ihre Berlin-Fahrten eingesetzt worden sein sollen. Johannes Fuchs (FDP), Landrat des Rems-Murr-Kreises, wurde es bald zu bunt, er fragte bei der Bahn nach, ob „Oldtimer-Waggons“ - Züge mit kaputten Türen und unbenutzbaren Toiletten - das Ergebnis der groß angekündigten „Qualitätsoffensive“ seien.

Jetzt hat es seit Juli drei größere Entgleisungen am Stuttgarter Hauptbahnhof gegeben, dort, wo das Verkehrsprojekt Stuttgart 21 gebaut wird. Alle Pessimisten, die der Bahn das Management dieses Großprojekts nicht zutrauen, fühlen sich bestätigt. Passend zum Oberbürgermeisterwahlkampf entgleiste am vergangenen Dienstag auf Gleis 10 ein Probezug. Bahnkritiker sagen, für die Baustelle seien Weichen mit einer zu starken Krümmung verlegt worden. Das Eisenbahn-Bundesamt (EBA) soll die Ursache klären. „Die Bahn lernt es nicht, statt das Problem sachlich zu schildern, sät man neues Misstrauen“, sagt der SPD-Landtagsabgeordnete und ehemalige Projektsprecher Wolfgang Drexler.

Gleise bleiben womöglich über Wochen gesperrt

Im Juli 2011 gab es die erste Entgleisung auf dem Gleisvorfeld, seit dieser Zeit versucht die Bahn, die Ursachen zu finden. Am 24. Juli 2012 sprang dann auf Gleis 10 an Weiche 227 ein Intercity aus dem Schienenbett. Am 29. September war möglicherweise wieder Weiche 227 Schuld, als Intercity 2312 entgleiste, der eigentlich nach Hamburg fahren sollte. Bei diesem Unfall wurden acht Fahrgäste leicht verletzt, und 200 Reisende waren über Stunden im Zug eingeschlossen. Die alarmistischen Pressemitteilungen der Bahnhofsgegner lassen an solchen Tagen keine fünf Minuten auf sich warten; das ehemalige Staatsunternehmen braucht in der Regel etwas länger.

Aus Sicht des Spaziergängers im Schlossgarten hat sich auf der Baustelle in den vergangenen Monaten viel getan: Ein Pavillon wurde abgerissen. Am Nordportal ist eine große Baugrube ausgehoben worden. Gleis 9 und Gleis 10 sind auch am Mittwoch immer noch gesperrt, Gleis 8 ebenfalls, dort lagern auf dem Gleiskörper Betonblöcke. Wahrscheinlich bleiben die Gleise nun über Wochen gesperrt. „Aufgrund einer Betriebsstörung kommt es zu Einschränkungen im Zugverkehr“ meldet die Bahn auf den Anzeigetafeln. Etwa 240.000 Reisende passieren den Stuttgarter Hauptbahnhof täglich, etwa 10.000 müssen in diesen Tagen Umwege in Kauf nehmen. Von Ulm oder München kommende Intercitys halten in Esslingen und Vaihingen/Enz.

Regionalzüge von und nach Heidelberg, Karlsruhe und Heilbronn werden in Kornwestheim beziehungsweise in Bietigheim-Bissingen abgefertigt. „Die Vorfälle werden untersucht. Jetzt gibt es Reparaturarbeiten am Gleis“, sagt ein Sprecher der Bahn. Der Rentner Peter Bastian fotografiert die Bagger im Schlossgarten: „Die schaffen es über Monate nicht, eine Weiche zu stellen, wie wollen die das Projekt fertigbauen.“ Von der Politik kommen die bekannten Schuldzuweisungen. Die CDU warnt vor einem grünen Oberbürgermeister Fritz Kuhn, weil der das Projekt endgültig blockieren werde. Die Bahn schimpft auf den grünen Verkehrsminister Winfried Hermann, der seiner Projektförderpflicht nicht nachkomme.

Erst im März hatte die Bahn zugeben müssen, dass das Projekt statt 2019 erst 2020 fertig werde. Auch dieser Zeitplan kommt möglicherweise ins Rutschen. Denn einzelne Bauabschnitte sind abermals im Verzug: Mit dem Bau des Fildertunnels sollte im Februar begonnen werden, jetzt wird es frühestens im März so weit sein. Die Gleise im existierenden Bahnhof sollten im Dezember verlegt sein, auch damit ist jetzt erst im März zu rechnen.

Für das Abpumpen des Grundwassers (6,8 Millionen Kubikmeter) fehlt noch immer der Planfeststellungsbeschluss. Projektsprecher Wolfgang Dietrich sagt, der Termin 2020 habe „im Moment noch Gültigkeit“, der Zeitplan sei „sehr angespannt“. So müssen die Projektpartner Land, Flughafen und Bahn immer noch entscheiden, ob der zweite ICE-Haltepunkt am Flughafen für etwa 80 Millionen Euro umgeplant und näher an der S-Bahn-Station gebaut werden soll.

„Seit Ende Juli wartet die Landesregierung hier auf Berechnungen der Bahn“, sagt Wolfgang Drexler. Am 22. Oktober soll es eine Tagung des Lenkungskreises geben. Dann wird der politische Streit beginnen: Denn die Grünen haben nach einer Bürgerbeteiligung versprochen, den ICE-Bahnhof am Flughafen nach einem verbesserten Plan zu bauen. Sie wollen dafür aber kein zusätzliches Geld aufwenden. Bleiben sie bei dieser Haltung, werden sie ihrer „Politik des Gehörtwerdens“ untreu. Es gibt außerdem noch eine weitere offene Rechnung: Die Kosten der Schlichtung vom Herbst 2010 müssen noch bezahlt werden - angeblich sind das 80 Millionen Euro.

Mängel beim Brandschutz?

Nun gerät die Bahn auch wegen Mängeln beim Brandschutz-Konzept für Stuttgart 21 unter Druck. Inzwischen wurde ein Gutachten bekannt, in dem das Konzept für den Brandschutz in dem geplanten Tiefbahnhof als nicht genehmigungsfähig bezeichnet wird. Es dauere zu lange, die unterirdische Durchgangsstation bei Feuer zu evakuieren, heißt es in der Expertise im Auftrag der Bahn. Zudem nehme das Konzept in Kauf, „dass flüchtende Personen kontaminierte Luft atmen“. Die Fachleute der Schweizer Gruner AG (Basel) resümieren in ihrem Gutachten, „dass derzeit kein gesamthaftes, funktions- und genehmigungsfähiges Konzept für Brandschutz, Sicherheit und Entrauchung“ vorliegt.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) äußerte sich empört: „Beim Brandschutz geht es ja um Leib und Leben, da gibt es keine Rabatte. So ein wichtiges Gutachten über die Zeitung zu erfahren - das ist nun in hohem Maße ärgerlich“, sagte er dem SWR-Hörfunk am Donnerstag. Der S-21-Gegner Matthias von Herrmann sprach von einer „Rauchfalle“ im geplanten unterirdischen Bahnhof. Ein vernünftiges Brandschutzkonzept sei mit der derzeitigen architektonischen Planung gar nicht vereinbar. Der Projektsprecher von Stuttgart 21, Wolfgang Dietrich, sagte der „Stuttgarter Zeitung“, dass die Bahn das Gutachten nicht bagatellisiere. Es gebe aber auch „keinen Grund zum Dramatisieren.“ Dietrich sprach von einem „ganz normalen Vorgang bei Bauprojekten dieser Dimension“.

Die grün-rote Landesregierung forderte einem Brief an Bahnchef Rüdiger Grube weitere Informationen über das Brandschutzgutachten, das weitere Vorgehen und über mögliche Konsequenzen.

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Jahrgang 1966, politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

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