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Stuttgart 21 : Immer wieder Weiche 227

Stuttgart: Etwa 10.000 Reisende müssen in diesen Tagen Umwege in Kauf nehmen Bild: dpa

Die Bahn droht bei Stuttgart 21 weiteres Vertrauen zu verspielen: Seit Juli gab es am Stuttgarter Hauptbahnhof drei Entgleisungen, der Zeitplan wackelt, die Kosten bleiben ungewiss und nun stellt ein Gutachten Mängel beim Brandschutz-Konzept fest.

          Die Bahn hat seit Beginn der Planungen für das Verkehrsinfrastrukturprojekt Stuttgart 21 wenig getan, um ihre Kritiker zu überzeugen. Das fängt beim täglichen Zugfahren an und hört bei der Bautätigkeit am Stuttgarter Hauptbahnhof auf: Im Frühjahr setzte die DB Regio auf der profitablen Strecke Schorndorf-Stuttgart plötzlich Züge mit der Aufschrift „Euro-Express“ ein. Es waren von einer Fremdfirma geliehene Waggons, die einst von den Alliierten für ihre Berlin-Fahrten eingesetzt worden sein sollen. Johannes Fuchs (FDP), Landrat des Rems-Murr-Kreises, wurde es bald zu bunt, er fragte bei der Bahn nach, ob „Oldtimer-Waggons“ - Züge mit kaputten Türen und unbenutzbaren Toiletten - das Ergebnis der groß angekündigten „Qualitätsoffensive“ seien.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Jetzt hat es seit Juli drei größere Entgleisungen am Stuttgarter Hauptbahnhof gegeben, dort, wo das Verkehrsprojekt Stuttgart 21 gebaut wird. Alle Pessimisten, die der Bahn das Management dieses Großprojekts nicht zutrauen, fühlen sich bestätigt. Passend zum Oberbürgermeisterwahlkampf entgleiste am vergangenen Dienstag auf Gleis 10 ein Probezug. Bahnkritiker sagen, für die Baustelle seien Weichen mit einer zu starken Krümmung verlegt worden. Das Eisenbahn-Bundesamt (EBA) soll die Ursache klären. „Die Bahn lernt es nicht, statt das Problem sachlich zu schildern, sät man neues Misstrauen“, sagt der SPD-Landtagsabgeordnete und ehemalige Projektsprecher Wolfgang Drexler.

          Gleise bleiben womöglich über Wochen gesperrt

          Im Juli 2011 gab es die erste Entgleisung auf dem Gleisvorfeld, seit dieser Zeit versucht die Bahn, die Ursachen zu finden. Am 24. Juli 2012 sprang dann auf Gleis 10 an Weiche 227 ein Intercity aus dem Schienenbett. Am 29. September war möglicherweise wieder Weiche 227 Schuld, als Intercity 2312 entgleiste, der eigentlich nach Hamburg fahren sollte. Bei diesem Unfall wurden acht Fahrgäste leicht verletzt, und 200 Reisende waren über Stunden im Zug eingeschlossen. Die alarmistischen Pressemitteilungen der Bahnhofsgegner lassen an solchen Tagen keine fünf Minuten auf sich warten; das ehemalige Staatsunternehmen braucht in der Regel etwas länger.

          Aus Sicht des Spaziergängers im Schlossgarten hat sich auf der Baustelle in den vergangenen Monaten viel getan: Ein Pavillon wurde abgerissen. Am Nordportal ist eine große Baugrube ausgehoben worden. Gleis 9 und Gleis 10 sind auch am Mittwoch immer noch gesperrt, Gleis 8 ebenfalls, dort lagern auf dem Gleiskörper Betonblöcke. Wahrscheinlich bleiben die Gleise nun über Wochen gesperrt. „Aufgrund einer Betriebsstörung kommt es zu Einschränkungen im Zugverkehr“ meldet die Bahn auf den Anzeigetafeln. Etwa 240.000 Reisende passieren den Stuttgarter Hauptbahnhof täglich, etwa 10.000 müssen in diesen Tagen Umwege in Kauf nehmen. Von Ulm oder München kommende Intercitys halten in Esslingen und Vaihingen/Enz.

          Regionalzüge von und nach Heidelberg, Karlsruhe und Heilbronn werden in Kornwestheim beziehungsweise in Bietigheim-Bissingen abgefertigt. „Die Vorfälle werden untersucht. Jetzt gibt es Reparaturarbeiten am Gleis“, sagt ein Sprecher der Bahn. Der Rentner Peter Bastian fotografiert die Bagger im Schlossgarten: „Die schaffen es über Monate nicht, eine Weiche zu stellen, wie wollen die das Projekt fertigbauen.“ Von der Politik kommen die bekannten Schuldzuweisungen. Die CDU warnt vor einem grünen Oberbürgermeister Fritz Kuhn, weil der das Projekt endgültig blockieren werde. Die Bahn schimpft auf den grünen Verkehrsminister Winfried Hermann, der seiner Projektförderpflicht nicht nachkomme.

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