01.09.2010 · Wo Politiker sich wegducken, tritt ein Pfarrer auf: Er will die Befürworter von „Stuttgart 21“ organisieren - und begibt sich mit seiner Botschaft mitten unter die Demonstranten vor dem Stuttgarter Hauptbahnhof.
Von Reinhard Bingener, StuttgartWasser vom Himmel und Spott über Wolfgang Schuster - beides ergießt sich gleich kübelweise bei der „Montagsdemonstration“ gegen „Stuttgart 21“, während im Hintergrund die Bagger Löcher in den Nordflügel des Hauptbahnhofs reißen. Auf humoristische Einlassungen über den Stuttgarter CDU-Bürgermeister („Müll im Hirn ist auch Umweltverschmutzung“) johlt die unter Regenschirmen versammelte Menge ein vergnügtes „Lügenpack, Lügenpack“.
Solche Szenen sind es, die vor etwa drei Wochen bei Pfarrer Johannes Bräuchle, wie er sagt, „die Spunten aus dem Fass hinausgehauen“ haben. Seitdem mischt er sich bei den Kundgebungen mit einem Plakat für „Stuttgart 21“ unter die Projektgegner. Gerade klemmt sich ein junger Mann seine Bierflasche unter den Arm, streckt den Mittelfinger der einen Hand vor Bräuchles Plakat aus und fotografiert das mit der anderen Hand.
Bräuchle will dieser Form des Protests nicht das Feld überlassen. Der evangelische Pfarrer will der „schweigenden Mehrheit“ in Stuttgart ein Gesicht, sein Gesicht geben. „Wir dürfen die Meinungsbildung nicht der Straße überlassen. Und in Stuttgart gleich zweimal nicht.“ Dafür hat er ein Logo entwerfen lassen, produziert Flyer und Anstecker mit der Aufschrift „Prosit“, abgekürzt für: „Pro Stuttgarter Tiefbahnhof“. Und das ,i? „Soviel Latein muss sein“, antwortet Bräuchle. Durch die weißen Kotletten wirken seine Gesichtszüge noch markanter.
Es gibt bereits Anfragen für Fernsehauftritte
Man kennt ihn inzwischen, es gibt Anfragen für Fernsehauftritte. Andere haben bei Facebook eine „Für Stuttgart 21“-Gruppe eröffnet. Derzeit hat sie 5590 Mitglieder. Das ist Bräuchles Ziel: Damit der Bahnhof in die Tiefe kommen kann, müssen die Befürworter von „Stuttgart 21“ an die Oberfläche treten. In wenigen Tagen will er erste „sichtbare“ Aktionen der Befürworter organisieren.
Die Politiker, die den milliardenschweren Tiefbahnhof in der Mehrzahl befürworten, scheinen dazu nicht in der Lage: Über Oberbürgermeister Schuster wird gespottet, er sitze seine Restlaufzeit irgendwo in einem Bunker aus. Und Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) scheint sich hinter den Vorhängen der Villa Reitzenstein zu verkriechen, sobald sich Protestzüge nähern. Man sieht sie nicht, die Verteidiger des Großprojekts. Es ist Pfarrer Bräuchle, der sich blicken lässt.
Als das Projekt aufkam, saß Johannes Bräuchle für die CDU im Stuttgarter Gemeinderat. Alles sei besprochen worden, beteuert er. Bürgerversammlungen habe es gegeben. Berstend voll seien sie gewesen - solange es um den Messeausbau ging. Beim Thema Tiefbahnhof kamen hingegen nur einige wenige. Wie also kam es zum Widerstand? „Wir wissen es allesamt nicht“, sagt Bräuchle und vermutet, ganz am Anfang habe der Protest der Naturschützer vom Nabu gestanden. Um jahrelangen innerstädtischen Bauverkehr zu vermeiden, sollte der Bauschutt vom Bahnhof ursprünglich auf Schiffen über den Neckar abtransportiert werden. Dafür hätte man den alten, stillgelegten Rosensteintunnel nutzen müssen. In dem aber gibt es Fledermäuse. Erst erregte sich der Nabu, dann kamen die Grünen. Und „von da an gab es eine kontinuierliche Steigerungsgeschichte“, erinnert sich Bräuchle.
Die Staat des Widerstandes entwickelte sich prächtig
Die Argumente kamen und gingen - die Saat des Widerstands entwickelte sich prächtig: Erst war es der Denkmalschutz, dann die Bäume, dann wieder die enormen Kosten. Nun heißt es, sollte der Gips im Stuttgarter Untergrund bei den Bauarbeiten mit Wasser in Berührung kommen, drohe eine Katastrophe. Die Stuttgarter Hänge könnten ins Rutschen kommen. Szenarien werden entworfen, die eher nach Regisseur Roland Emmerich als nach Oberbürgermeister Wolfgang Schuster klingen. Am Bauzaun vor dem Nordflügel wird auf einem Zettel ein Geologe mit dem Satz zitiert, es gehe nicht um Risse in Häusern, sondern um Krater, in denen Häuser verschwinden können. Drunter steht: „Ich wohne am Hang - ich habe Angst.“
Bräuchle winkt ab. „Immer diese neuen Gutachten.“ Nichts neues sei dabei, alles sei bereits gründlich abgewogen worden. Man wisse, dass der Boden, wenn man bautechnisch sorgfältig vorgehe, beherrschbar sei. „Stuttgart ist durchtunnelt wie ein Schweizer Käse.“ Passiert sei - nichts. Bräuchle spricht über seine vier Kinder. Die drei Söhne sind alle Ingenieure geworden. Über die Zukunft von deren Arbeitsplätze denke er nach, sagt er. Und wenn die Züge nicht über Stuttgart und Ulm rollten, dann rollten sie eben über Würzburg und Ingolstadt. „Wenn das Ding kippt, werden wir Provinz.“
Doch es sind nicht nur Fragen der Infrastruktur, die ihn, der sich am Telefon mit „Pfarrer Bräuchle“ meldet, treiben. Wie andere aus seinem Beruf auch gräbt er nach den Mentalitäten unter den Meinungen, sucht den Platz der Gegenwart im Lauf der Geschichte. „Es ist durchaus möglich, dass eine gesunde, repräsentative Demokratie pervertieren kann.“ Die Entfernung zwischen den Politikern und den Bürgern werde größer. „1848 hat man noch nicht Politikwissenschaften studieren können“, sagt Bräuchle und erzählt vom Ende Wilhelms II., dem vierten und letzten König von Württemberg. Ein Bürgerkönig sei er gewesen, klug, beliebt bei den Stuttgartern. Doch als im November 1918 die Revolutionäre ins Wilhelmspalais eindrangen, seien die Bürger in ihren Stuben geblieben.
Bräuchle treibt es raus
Auf der Stube hocken bleiben - genau das ist ihm zuwider. Bräuchle treibt es raus. Sein Berufsleben hat er entweder auf Projektstellen oder auf Pfarrstellen mit besonderen Herausforderungen verbracht. Die Trabantenstadt Stuttgart-Freiberg sollte er für die Kirche erschließen. Inmitten der Betonblöcke hat er ein sieben Meter hohes Holzkreuz errichtet. Nach einer Woche haben es Jugendliche aus einer Laune heraus abgesägt. Das gefiel ihm nicht, aber es kam ihm gelegen: Er ließ das Kreuz solange am Boden liegen, bis die Presse heißgelaufen und alle Aufmerksamkeit auf die neue Kirchengemeinde gelenkt war. Dann erst richtete Bräuchle das Kreuz wieder auf.
Der Pfarrer badet in seinen Gegnern. Er erzählt von Zetteln, die wieder und wieder vom Bauzaun runtergerissen wurden, von seinem Flyer, der erst zerrissen und ihm dann ins Hemd gestopft wurde. Bei der Montagsdemonstration bleiben solche Anfeindungen allerdings aus. Die Mehrzahl der Projektgegner hören Bräuchle genauso geduldig zu wie er ihnen. Jeder scheint sich in der einmal gewonnenen Meinung mit Argumenten eingemauert zu haben. Trifft er auf aggressivere Teilnehmer, die ihm „Schwachsinn“ oder „Des hoist net Prosit, des hoist Pro shit“ zurufen, bleibt Bräuchle demonstrativ gelassen.
Sollte einer der „Demonstrationstouristen“, die nicht nur gegen „Stuttgart 21“, sondern auch noch gegen vieles andere sind, die Nerven verlieren, wären die Projektgegner bloßgestellt. Bräuchle weiß, dass der Eindruck, die Demonstranten kämen allesamt aus der „Mitte der Gesellschaft“, deren größtes Kapital ist. Deshalb liefert er sich ihnen aus. Den Test, ob es stimmt, wird Bräuchle weiter machen. Woche für Woche.
Gratulation Herr Pfarrer Johannes Bräuchle
Adrian W.T. Dostal (Morgendaemmerung)
- 31.08.2010, 20:30 Uhr
Danke Herr Bräuchle und Danke FAZ
Olaf Dohmen (OleOlafsen)
- 31.08.2010, 23:51 Uhr
Schon ein bisschen peinlich...
Herbert Dohmen (meckerer)
- 01.09.2010, 00:43 Uhr
Meine Hochachtung
floh zirkus (flohZirkus)
- 01.09.2010, 05:28 Uhr
Respekt vor diesem Pfarrer..
Michael Meier (never1)
- 01.09.2010, 09:49 Uhr