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Studienfinanzierung : Es geht nicht ohne die Eltern

  • -Aktualisiert am

Studenten im Hörsaal: Studium als große finanzielle Belastung Bild: dpa

Früher trugen die Eltern meist allein die finanzielle Last, wenn ihre Kinder studierten. Auch heute übernehmen sie noch immer den Großteil der Studienfinanzierung. Erstmals ist ihr Anteil nun zurückgegangen, unabhängiger sind die Studenten dadurch aber nicht geworden.

          Durchschnittlich 812 Euro im Monat haben Studenten in Deutschland, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Das geht aus der neuesten Sozialerhebung vor, die das Deutsche Studentenwerk in Berlin vorgestellt hat. Die repräsentative Umfrage unter mehr als 16.000 Studenten ist die neunzehnte ihrer Art. Alle drei Jahre vermisst der Dachverband der 58 Studentenwerke das akademische Leben in Deutschland. Im ersten Bericht, der auf das Jahr 1952 datiert, sind noch ganz andere Zahlen zu lesen: Zwischen 120 und 150 D-Mark benötigte ein Student damals zum Leben.

          Noch immer stehen die Eltern bei Studenten im Zentrum, wenn es um die Finanzierung des Studiums geht. Vor der Einführung des Bafög im Jahr 1971 trugen Eltern die finanzielle Last der Ausbildung ihrer Kinder fast allein. Doch auch in der Folge blieb ihr Beitrag zur Finanzierung hoch. Zwischen 1991 und 2006 stieg der Anteil der Studienfinanzierung durch die Eltern kontinuierlich von 45 auf 52 Prozent. Zum ersten Mal seit Beginn der neunziger Jahre ging dieser Wert nun zurück und sank in der jüngsten Umfrage um vier Prozentpunkte auf 48 Prozent. „Gerade Familien aus der mittleren und niedrigen sozialen Herkunftsgruppe sind an ihre finanziellen Belastungsgrenzen gestoßen“, sagt Achim Meyer auf der Heyde, Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks. Durchschnittlich 445 Euro steuern Eltern monatlich zur Studienfinanzierung bei, 1991 waren es noch 305 Euro. Im gleichen Zeitraum sind die durchschnittlichen monatlichen Ausgaben für Miete und Nebenkosten von 162 auf 281 Euro gestiegen.

          In diesem Zusammenhang kritisierte Rolf Dobischat, Präsident des Deutschen Studentenwerks, dass die Hochschulen nicht offen genug für sozial schwache Familien seien. „Hochschulbildung in Deutschland gleicht weiter einem kulturellen Kapital, das von Akademikergeneration zu Akademikergeneration weitervererbt wird“, sagte Dobischat. Von 100 Akademiker-Kindern in Deutschland studieren 71, von 100 Kindern aus Familien ohne akademischen Hintergrund sind es nur 24.

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          „Akademiker reproduzieren sich selbst”: Rolf Dobischat, Präsident des Deutschen Studentenwerks :

          „Grundlegende soziale Selektion“

          Gleichwohl verzeichnete der Bericht einen starken Rückgang der studierenden Akademikerkinder - im Jahr 2005 studierten noch 85 von 100 Kindern mit universitär geprägtem Elternhaus. „Dennoch ist die grundlegende soziale Selektion im deutschen Hochschulsystem erschreckend stabil“, sagte Dobischat. So entscheiden sich im Vergleich deutlich mehr Schulabgänger, deren Eltern keinen Hochschulabschluss haben, gegen ein Studium.

          Besonders deutlich zeigt sich die Bedeutung elterlicher Unterstützung für Studenten an der Finanzierung der Studiengebühren. Fast zwei Drittel der Studiengebühren, die in sechs Bundesländern erhoben werden und deren Höhe pro Semester zwischen 300 und 500 Euro liegt, werden von den Eltern bezahlt. Ihr Anteil ist damit im Vergleich zur allgemeinen Studienfinanzierung überproportional hoch. „Die Studierenden reagieren auf die Studiengebühren mit kostensparenden Gegenstrategien. Sie jobben mehr, sie weichen auf preisgünstige Wohnformen wie das Elternhaus oder das Wohnheim aus“, sagte Dobischat.

          Bundesregierung: Jeden zehnten Studenten mit Stipendium fördern

          Unterdessen verspricht die vor wenigen Tagen im Kabinett beschlossene Reform der Studienfinanzierung eine Verbesserung der finanziellen Belastung für Studenten und eine größere Chancengleichheit. Die Bundesregierung will in Zukunft jeden zehnten Studenten mit einem Stipendium finanziell fördern. Aktuell sind es nur zwei bis drei Prozent. Dazu wollen Bund und Länder den Betrag, den die Hochschulen aus der Privatwirtschaft für Stipendienprogramme angeworben haben, verdoppeln. Das nationale Stipendienprogramm würde dann eine finanzielle Unterstützung von 300 Euro monatlich umfassen. Darüber hinaus will die Bundesregierung die Bedarfssätze des Bafög um zwei Prozent anheben und die Altersgrenze erhöhen, um auch Masterstudenten mit mehreren Jahren Berufserfahrung fördern zu können.

          „Jeder junge Mensch soll sich darauf verlassen können, dass seine Entscheidung für gute Bildung nicht an finanziellen Hürden scheitert“, sagte Bundesbildungsministerin Annette Schavan. Kritik an den Plänen der Regierung kam unter anderem von Margret Wintermantel, der Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz mit Sitz in Bonn. Zwar sei die Idee des Förderprogramms zu begrüßen, sagte Wintermantel. „Die Wirtschaft und ihre Verbände haben die angestrebten Millionenbeträge bislang aber nicht zugesagt. Die Signale sind bisher mehr als zurückhaltend.“ Darüber hinaus würde alleine der Aufwand zur Anwerbung und Verwaltung der privaten Mittel mehr als ein Drittel der eingeworbenen Beträge einnehmen. Den Studenten kämen davon also nur etwa zwei Drittel zugute.

          Quelle: FAZ.NET

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