26.01.2009 · Eine neue Integrationsstudie zeigt große Unterschiede zwischen den Herkunftsländern: Ausländer aus der EU und Aussiedler aus Russland sind gut integriert, die türkische Bevölkerung nur gering. Einwanderer aus dem ehemaligen Jugoslawien gelten als „abrutschgefährdet“.
Von Mechthild Küpper, BerlinAus den Daten des Mikrozensus 2005, für den 800.000 Personen befragt wurden, hat die in Berlin ansässige Stiftung „Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung“ ein Bild zum aktuellen Stand der Integration von Ausländern in Deutschland hergestellt. Unter dem Titel „Ungenutzte Potenziale“ fordert sie, die Datenlage weiter zu verbessern, um Stärken und Schwächen der einzelnen Herkunftsgruppen besser kennenzulernen.
Das deutsche Bildungssystem solle sich stärker der Integration annehmen, Schulen seien die einzigen öffentlichen Einrichtungen, die als „Integrationszentren“ wirken könnten. Die langjährige Berliner Ausländerbeauftragte Barbara John sagte nach der Vorstellung der Studie am Montag in Berlin, es sei ein großes Verdienst der Arbeit, dass sie zum ersten Mal nicht pauschal von „Migranten“ spreche, sondern die Gruppen und ihre jeweils eigenen Integrationsschwierigkeiten klar identifizieren könne.
Unproblematische Integration aus EU-Ländern
Weitgehend unproblematisch gestaltet sich demnach die Integration in Deutschland für Bürger aus EU-Ländern (ohne die früheren Gastarbeiter-Anwerbeländern Italien, Spanien, Portugal und Griechenland), und besser, als nach Berichten über ihre Anpassungsschwierigkeiten zu vermuten wäre, ergeht es den Aussiedlern, der größten Gruppe unter den Einwanderern. Die in der Studie verwandte Definition von Integration ist anspruchsvoll: „In jeder Hinsicht den Einheimischen gleich“ ist daher keine Gruppe.
Unter den 15 Millionen in Deutschland lebenden Menschen mit Einwanderungshintergrund - das entspricht fast einem Fünftel der Bevölkerung - unterscheiden die Autoren Franziska Woellert, Steffen Kröhnert, Lilli Sippel und Reiner Klingholz acht Gruppen mit je eigenen Besonderheiten. Unter den Einwanderern aus dem Fernen Osten gibt es mehr Frauen als Männer, und sie führen mit deutschen Ehemännern mehr „bikulturelle Ehen“ als andere Einwanderergruppen, so dass die Forscher einen starken Anteil von Heiratsmigration vermuten. Unter den Afrikanern sind wiederum die Männer in der Mehrzahl (60 Prozent); besonders viele haben deutsche Frauen geheiratet. Nur 59 Prozent von ihnen besitzen noch eine ausländische Staatsangehörigkeit.
Türken mit größten Integrationsschwierigkeiten
Die Türken erscheinen in der Studie als die Gruppe mit den größten Integrationsschwierigkeiten. 2,8 Millionen Menschen, das sind 3,4 Prozent der deutschen Bevölkerung, haben einen türkischen Hintergrund, die Hälfte von ihnen sind hier geboren, 86 Prozent von ihnen leben länger als acht Jahre in Deutschland, mehr als zwei Drittel von ihnen besitzen allein die türkische Staatsangehörigkeit. Von den Einheimischen sind nur zwölf Prozent jünger als 15 Jahre alt, bei den Türken sind es 28 Prozent. Die Türken haben viele Kinder und leben, wie die Einwanderer aus dem Nahen Osten, in den großen Haushalten (mit 3,2 Personen im Durchschnitt).
Unter den Älteren sind die Männer in der Mehrzahl - die ersten Gastarbeiter kamen allein. Türkische Migranten heiraten, vermutlich aus religiösen Gründen, nur selten deutsche Ehepartner (fünf Prozent), sie sind die Gruppe, in der die meisten Bildungsabbrecher (30 Prozent ohne Abschluss) und die geringste Quote von Hochschulreife (14 Prozent) anzutreffen sind. Ihre Erwerbslosenquote ist hoch (23 Prozent), ihre Jugenderwerbslosenquote liegt noch höher (bei 28 Prozent), verglichen damit ist die Zahl derer, die von öffentlichen Leistungen leben muss, ausgesprochen niedrig (16 Prozent). Bei der kulturell den Türken am ehesten vergleichbaren Gruppe der Migranten aus dem Nahen Osten leben 34 Prozent von öffentlichen Leistungen.
Jugoslawen drohen „abzurutschen“
Die deutsche Staatsbürgerschaft scheint sich für Türken integrationsfördernd auszuwirken: Wer den deutschen Pass hat, schneidet bei vielen Integrationsindikatoren besser ab als diejenigen, die noch nach Jahren in Deutschland nur den türkischen Pass besitzen. Besonderer Aufmerksamkeit bedarf in den Augen der Autoren der Studie die Gruppe derer, die aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Deutschland gekommen ist. Ihnen drohe das „Abrutschen in die sozialen Randgruppen“. Weil die meisten als Kriegsflüchtlinge gekommen seien, hätte Anpassung sich nur schleppend entwickelt. Inzwischen sind Personen aus Jugoslawien die nach den Türken am schlechtesten integrierte Gruppe.
Die Südeuropäer dagegen, die regelrechte Bildungsverweigerer sind und ausgesprochen selten (18 Prozent) die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen, müssen insgesamt dennoch als gut integriert gelten. Hoch ist die Quote derer ohne jeden Abschluss, niedrig die der Akademiker, doch auf dem Arbeitsmarkt sind Südeuropäer gut integriert. Viele haben sich sogar selbständig gemacht, etwa in der Gastronomie.
Böhmer: Versäumnisse der Vergangenheit
Maria Böhmer (CDU), die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, forderte mit Blick auf die Studie, die Kinder türkischer Einwanderer sollten bis 2012 das Bildungsniveau ihrer deutschen Altersgenossen erreicht haben. „Wir müssen die Anstrengungen verdoppeln, gerade in Zeiten wirtschaftlicher Schwierigkeiten“, sagte Frau Böhmer am Montag im ZDF. Sie nannte die Zahlen der Integrationsstudie „dramatisch“ und sagte: „Bildung ist der Schlüssel für Integration.“ Die Zahlen der Erhebung stammten allerdings aus dem Jahr 2005. Frau Böhmer führte die jetzigen Verhältnisse auf „Versäumnisse der Vergangenheit“ zurück.
Über die Lage der türkischen Migranten sagte sie weiter: „Ich glaube, viele haben eine Voraussetzung eben nicht gehabt, als sie nach Deutschland kamen, sie hatten sehr geringe Bildungsabschlüsse, das heißt, sie waren bildungsfern.“ Deshalb sei dies eine besondere Situation: „Über 72 Prozent der türkischstämmigen Bevölkerung in Deutschland verfügt über keine berufliche Qualifikation. Deshalb können die Kinder auch nicht entsprechend gefördert werden.“
Kritik aus türkischen Verbänden
Türkischstämmige Muslime kritisierten die Studie. Bekir Alboga, Referatsleiter in der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (Ditib), sagte der „Neuen Osnabrücker Zeitung“, die Behauptung, türkische Einwanderer seien schlechter in Deutschland integriert als andere Einwanderergruppen, sei wissenschaftlich noch zu bestätigen. Er verwies darauf, dass viele erfolgreiche türkische oder türkischstämmige Unternehmer, Mediziner, Schauspieler, Autoren und Journalisten in Deutschland lebten.
Der Vorsitzende des Vereins „Türkische Gemeinde in Deutschland“, Kenan Kolat, sagte, die Studie zeige eher die gesellschaftlichen Probleme einer Unterschicht auf. Er appellierte an die Politik, den nationalen Integrationsplan umzusetzen und für gerechte Bildungschancen zu sorgen. „Die Zeiten gegenseitiger Beschuldigung sind vorbei. Wir müssen als Gesellschaft zu einem gemeinsamen Diskurs kommen“, forderte Kolat.
Kilic: „Bildungssystem benachteiligt Einwandererkinder“
Der Vorsitzende des Bundesausländerbeirates, Memet Kilic, sieht in den Ergebnissen ein „Warnsignal“. Kilic sagte, es müsse mehr für die Bildung von Einwandererkindern getan werden. „Wenn wir ein Riesenbildungsproletariat produzieren, dann wird unsere Zukunft
düster aussehen.“ Er kritisierte, das Schulsystem in Deutschland benachteilige Einwandererkinder. Die Eltern dürften aber ihre eigenen
Aufgaben nicht vernachlässigen, sondern müssten sich mehr als bisher etwa beim Erlernen der deutschen Sprache engagieren. So sollte den
Kindern schon im Vorschulalter zweisprachig vorgelesen werden.
Auch die Grünen forderten Reformen im Bildungssystem. Die FDP setzte sich für eine Verbesserung der Integrationskurse ein, um auf die individuellen Voraussetzungen der Einwanderer eingehen zu können. Die CSU warb für eine bessere Kontrolle der Integrationsfortschritte.