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Streit ums Gedenken Immer Ärger um die Mauer

20.02.2009 ·  Längst ist alles ist beschlossen, der Siegerentwurf für die Gedenkstätte in der Bernauer Straße steht fest - die fehlenden Mauerteile sollen durch Metallstreben komplettiert werden. Doch es wird wieder über das richtige Gedenken gestritten: Länge oder Lücke?

Von Mechthild Küpper, Berlin
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Während überall im Land Feiern zum Jahrestag des Mauerfalls am 9. November 1989 vorbereitet werden, herrscht in Berlin abermals Streit über die Mauer. Ausgerechnet dort, wo die eindrucksvollsten Bilder des Mauerbaus am 13. August 1961 aufgenommen wurden, wo damals alte Frauen verzweifelt in die Sprungtücher der West-Berliner Feuerwehr sprangen, um in die Freiheit zu gelangen, an der Bernauer Straße, wird gerade über alle Pläne des Berliner Senats, alle Vereinbarungen zwischen Berlin und der Bundesregierung, alle hochgelobten Entwürfe neu diskutiert. Die Frage ist dieselbe wie immer an der Bernauer Straße, die 29 Jahre lang Ost und West trennte und die seit 1989 die Stadtteile Wedding und Mitte teilt: Soll die Mauer fallen oder stehen?

Lücken als Symbole des Leidensdrucks

Während im Stadtteil Friedrichshain 1,3 Kilometer Mauer an der Spree aufwendig so restauriert werden, wie sie Künstler unmittelbar nach dem Mauerfall bemalten, dort, wo zu DDR-Zeiten kein Zivilist sie auch nur hätte berühren können, soll die Mauer an der Bernauer Straße komplettiert werden.1997 riss die Sophiengemeinde, auf deren Friedhof die SED die Grenzanlagen baute, zwei Lücken in die Mauer. Die Gemeinde fand es unerträglich, dass sie Jahre nach dem Fall der Mauer immer noch mit ihr konfrontiert wurde, als sei nichts geschehen.

Während die Sophiengemeinde noch heute dafür kämpfen muss, dass auch die Lücken als Symbole des Leidensdrucks akzeptiert werden, stellen einzelne CDU- und Grünen-Politiker die bisherige Planung in Frage, um der Nachwelt in der Innenstadt ein möglichst langes Stück Mauer zeigen zu können.

Die Positionen liegen weit auseinander

Dieser Tage bat die Gemeinde zum Ortstermin: Aus der Behörde von Kulturminister Bernd Neumann kam Ingeborg Berggreen-Merkel, es kamen die Berliner Bundestagsabgeordneten Monika Grütters (CDU) und Wolfgang Thierse (SPD). Der Grünen-Europaabgeordnete Michael Cramer hatte sich vorher schon dafür ausgesprochen, die Mauer an der Bernauer Straße zu komplettieren. Der Berliner Staatssekretär André Schmitz legte dar, die Entscheidung über Mauerrekonstruktion oder Lückenschließung durch Metallstäbe wie beim Wettbewerbssieger vertrage keinen weiteren Aufschub. Sonst geriete der Ausbauplan der Bernauer Straße zur Gedenkstätte für die Mauer „ins Trudeln“.

Am 27. Februar berät der wissenschaftliche Beirat der Stiftung Berliner Mauer über die Lage, am 3. März entscheidet der Stiftungsrat, in dem vertreten sind: das Land, der Bund, die Fördervereine der Mauergedenkstätte und der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde, die evangelische Kirche und der Beirat. Nach dem Rundgang und dem anschließenden Austausch von Positionen bedankten sich alle artig. Doch die Positionen liegen weit auseinander.

Über einen Friedhof gebaut

An einem Abend des 13. August in den neunziger Jahren berichtete der damalige Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU) mit spürbarer Sympathie von einer Begegnung mit den Diakonissinnen aus dem Lazarus-Stift an der Bernauer Straße: Sie fänden es grässlich, das Bauwerk direkt vor ihren Fenstern immer noch unversehrt zu sehen.

Kurz darauf ließ die Sophiengemeinde 32 Mauerteile (jeweils 1,20 Meter breit) entfernen. An einer Stelle rekonstruierte sie aus Backsteinen ein Tor, um zu zeigen, dass die Mauer 1961 über einen Friedhof gebaut worden war - und auch, wie sich herausstellte, über Gräbern von zivilen Opfern der letzten Kriegstage 1945. An einer anderen Stelle verschaffte sie den Diakonissinnen einen freien Blick auf den Sophienfriedhof. Die entfernten Mauerteile stehen seither dort, wo in der ausgebauten Gedenkstätte der Mauer- und der Kriegstoten gedacht werden soll.

Keine isolierten Quertreiber

„Die Mauer muss weg“ gehört der Vergangenheit an, nun heißt es in Berlin, mehr Mauer zu zeigen. Zur Sophiengemeinde gehören, zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung, längst viele, die aus dem Westen stammen. Ihre Vertreter stimmen sich eng mit der Kirchenleitung ab, sie sind also keineswegs als isolierte Quertreiber anzusehen. Dezent, aber hörbar wiesen sie darauf hin, dass die Gemeinde die Eigentümerin der meisten für den Ausbau der Gedenkstätte notwendigen Grundstücke ist und dass sie wünscht, ihre Partner möchten sich an den Siegerentwurf halten.

Der sieht vor, die Mauerlücken mit rostigen Metallstreben zu markieren. Wie eine Jalousie könne so ihr Verlauf markiert, der Blick für die gesamte Grenzanlage ermöglicht, vielleicht aber auch die Freude darüber spürbar werden, dass die Mauer „weg“ ist. Die Rechtsposition der Gemeinde, so sagte Thierse, sei „stark“. Er plädierte für den „historisch-ästhetischen Kompromiss“ des Wettbewerbssiegers. Ein elfseitiger Nutzungsvertrag zwischen der Stiftung und der Gemeinde ist noch nicht unterzeichnet.

Werden die Entwürfe Bestand haben?

Unter scharfer öffentlicher Beobachtung legte die rot-rote Berliner Regierung 2006 ein Gesamtkonzept zur Mauer vor. Seit Herbst vergangenen Jahres existiert die Stiftung Berliner Mauer, eingefügt in die Gedenkstättenkonzepte von Bund und Berlin.

Die Profis der Erinnerungsarbeit erinnerten beim Ortstermin daran, dass auch das heute unverständliche offizielle Mauerdenkmal an der Bernauer Straße Bewunderer hatte: Der Bund ließ sein Mauerdenkmal vom Stuttgarter Büro Kohlhoff/Kohlhoff so bauen, dass es zuverlässig verwirrt: Es besteht aus zwei stählernen Mauern. Sie fassen ein Stück der originalen Mauer so ein, dass von oben klar zu erkennen sei, wie die heute harmlos wirkende Mauer als grausame Grenze wirken konnte, sagte der Stiftungsdirektor Axel Klausmeier. Ob der mit großer Einmütigkeit beschlossene Wettbewerbsentwurf der Architekten und Landschaftsplaner Sinai/On Architektur/Mola Winkelmüller für die Erweiterung der Gedenkstätte auch noch in zehn Jahren die Auftraggeber glücklich macht?

Die Bernauer Straße ist ein authentischer Ort für das Mauergedenken

An der Bernauer Straße entsteht eine große Open-Air-Ausstellung zur Mauer. Die erhaltene Grenzanlage, das Dokumentationszentrum, die Versöhnungskapelle und das Denkmal sollen zusammen mit neuen Elementen des Totengedenkens und der bündigen Information für eilige Touristen auf über vier Hektar Fläche zusammengefasst werden.

Pfarrer Manfred Fischer von der Versöhnungsgemeinde erwartet, dass am Ende sichtbar sein wird, dass die gesamte Bernauer Straße „von vorn bis hinten zu“ war. Die Bernauer Straße ist ein wichtiger authentischer Ort für das Mauergedenken, nicht nur, weil so viel dort geschah, nicht nur, weil sie so viele erhaltene Mauerstücke hat, sondern weil nur dort die „Tiefenstaffelung“ der Grenze sichtbar wird. Die Mauer funktionierte, weil sie aus zwei Mauern bestand, mit einem Todesstreifen, Wachtürmen und Kontrollwegen dazwischen, genutzt von Soldaten, die auf alle schießen sollten, die zu fliehen versuchten.

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Jahrgang 1954, politische Korrespondentin in Berlin.

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