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Streit um Lutherpreis-Nominierung : Ladiladiho

„Jesus wäre an der Seite von Pussy Riot“, sagt Heiner Geißler. Die Stadt Wittenberg schlug die Punk-Band für den Lutherpreis vor Bild: Illustration F.A.S., Fotos Corbis, epd

Wittenberg hat Martin Luther. Der schlug in der Stadt seine Thesen an die Tür. Und Wittenberg hat Pussy Riot. Die sollen preisverdächtig sein: Und du bist ja mein Supergirl.

          „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“, soll Martin Luther 1521 vor dem Reichstag in Worms gesagt haben, als er sich weigerte, seine Thesen zu widerrufen. Mutige Worte, offene Worte, selbst wenn sie historisch nicht verbürgt sind. Die Haltung zählt. Das fand Mitte der 1990er Jahre auch Gernot Fischer, der damalige Oberbürgermeister von Worms. Deutschland war noch ziemlich frisch vereinigt, Luthers 450. Todestag rückte näher, und Fischer hatte eine Idee. In der alten Bundesrepublik hatte stets Worms alle Reformationsjubiläen ausgerichtet. Warum nicht zum gesamtdeutschen Lutherjahr 1996 einen Preis „Das unerschrockene Wort“ stiften, gewidmet dem demokratischen Grundrecht auf freie Meinungsäußerung, getragen von allen 16 mit dem Leben und Wirken Luthers verbundenen Städten in den alten und neuen Bundesländern?

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Alle zwei Jahre können die Bürger der Lutherstädte seitdem Persönlichkeiten vorschlagen, unter denen erst jede Stadt einen Kandidaten und schließlich eine gemeinsame Jury den Preisträger wählt. Er wird immer im Frühjahr des Folgejahres geehrt. Der Geehrte soll, so steht es im Statut, „in Wort und Tat für die Gesellschaft, die Gemeinde, den Staat bedeutsame Aussagen gemacht und gegenüber Widerständen vertreten“ haben. Als Erster erhielt 1996 der evangelische Theologe Richard Schröder den Lutherpreis, der heute mit 10.000 Euro dotiert ist; es folgten unter anderen Hans Küng und zuletzt der russische Journalist Dmitrij Muratow.

          Der Preis interessierte niemanden mehr

          Doch der Preis für „Das unerschrockene Wort“ ist in die Jahre gekommen; für die Städte scheint er eine Art Wanderpokal, um den keiner sich schlägt, und in Wittenberg war er offenbar schon fast vergessen - bis im September die Nominierung der russischen Punk-Band Pussy Riot die Reformationsstadt aufwirbelte. Jedenfalls Teile von ihr. Denn wer an dem Mittwoch, an dem der Stadtrat darüber abstimmte, ob der Vorschlag doch noch zurückgenommen werden kann, Menschen auf der Altstadtmeile befragte, bekam immer die gleiche Antwort: „Eigentlich interessiert die ganze Debatte hier kaum jemanden.“ Oder auch: „Ich wusste gar nicht, dass es diesen Preis gibt.“

          Unter Politikern und Theologen aber brach Mitte September, als der offizielle Vorschlag der Stadt für den Lutherpreisträger 2013 feststand, eine wochenlange Diskussion über die Preiswürdigkeit der russischen Polit-Punkerinnen los. Drei von ihnen waren nach einem regierungskritischen „Punk-Gebet“ in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale festgenommen und des „Rowdytums“ angeklagt worden. Im weltlichen Wittenberg, wo mehr als 80 Prozent der Bevölkerung konfessionslos sind, ging es plötzlich um Gotteslästerung und Meinungsfreiheit, Proteste in Kirchen der DDR, die derbe Sprache Luthers und eine Band, die sich „Mösen-Aufstand“ nennt.

          Ein knappes halbes Jahr zuvor, im April, hatte die Stadt ihre Bürger aufgerufen, Vorschläge einzureichen - wie das so üblich ist in einer Kleinstadt, stand die Aufforderung im Amts- und im Anzeigenblatt. Keine Reaktion. Auch im Juli, als Wittenberg abermals um Beiträge warb, meldete sich niemand: keine Bürger, auch niemand aus Institutionen wie dem evangelischen Predigerseminar oder der Evangelischen Akademie, aus den Vereinen, Parteien oder Stadtratsfraktionen. Der Lutherpreis interessierte wohl niemanden mehr. In zurückliegenden Auswahlverfahren waren immerhin noch vier Vorschläge eingegangen.

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