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Trauung für alle : Vertraute Gegnerschaft

In einigen Landeskirchen ist die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare bereits etabliert. Oft wird von einer „Trauung“ gesprochen. Bild: dpa

In Württembergs Kirche wird heftig darüber gestritten, ob homosexuelle Paare getraut werden sollen. Die Debatte ist schärfer als in vielen anderen Landeskirchen.

          Seit vier Jahren diskutieren Gemeindemitglieder und Synodale in der württembergischen Landeskirche darüber, ob es auch eine Segnung für gleichgeschlechtliche Paare geben kann oder sogar geben sollte. Und kaum eine andere Landeskirche in Deutschland ist so gespalten in einen evangelikal-pietistischen und einen linksprotestantischen Flügel wie die württembergische. Nach der letzten Synodalwahl entschied man deshalb, das schwierige Thema – wie es ein Prälat formuliert – „mäandernd“ zu lösen, also über einen langwierigen, gründlichen innerkirchlichen Diskussionsprozess. Der theologische sowie der Rechtsausschuss der Synode bekamen den Auftrag, Lösungsvorschläge zu erarbeiten.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Über einen Kompromiss sollte auf der diesjährigen Herbstsynode und zuvor auf einem Studientag diskutiert werden. Eine Änderung der Trauagenda oder auch die Verabschiedung einer Handreichung für eine „gottesdienstähnliche Handlung“ für homosexuelle Paare benötigt eine Zweidrittelmehrheit auf der Synode. Auf diesem Prozess war man bis Ende Mai gut vorangekommen – bis die Stuttgarter Prälatin Gabriele Arnold sich in Interviews für Segnungen homosexueller Paare aussprach und forderte, dass die Landeskirche in dieser Frage endlich zu einer Öffnung kommen müsse, weil es sonst „große Verwerfungen“ innerhalb der Kirche geben werde. 13 von 66 Stuttgarter Gemeinden hatten zuvor eine „Initiative Regenbogen“ unterstützt, die offensiv die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare befürwortet. Als die Regionalbischöfin dann auch noch die Schirmherrschaft des „Christopher Street Day“ (CSD) in Stuttgart übernahm, war der zuvor fein austarierte kirchliche Diskussionsprozess völlig aus dem Lot.

          Große Aufregung, statt ruhiger Diskussion

          Die „Lebendige Gemeinde“ – die Organisation der Pietisten in der Synode – warf der Stuttgarter Prälatin vor, die Debatte absichtlich eskaliert und das Kollegium des Oberkirchenrates brüskiert zu haben. Sie habe Fakten geschaffen und damit sogar Rechtsbruch begangen. Landesbischof Frank Otfried July nannte die Entscheidung der Prälatin, die Schirmherrschaft zu übernehmen, „eine sehr private Entscheidung“. Zuspruch bekam Arnold von vielen Vertretern der linksprotestantischen „Offenen Gemeinde“. Nach wenigen Tagen tobte eine aggressive Diskussion, wie sie die Synodalen eigentlich vermeiden wollten. „Das war überhaupt nicht amüsant,“ berichtet ein Theologe aus der Kirchenleitung. „Das klare Denken fällt immer schwer, wenn die Aufregung groß ist.“

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          Prälatin Gabriele Arnold ist kirchenpolitisch klar in der linksprotestantischen Strömung „Offene Kirche“ verortet. Für sich genommen, läge darin kein Problem, denn ihr bis 2016 amtierender Vorgänger im Amt des Stuttgarter Prälaten, Ulrich Mack, hatte sogar die theologisch konservative Strömung „Lebendige Kirche“ in der Synode angeführt. Nachdem er jedoch 2006 Prälat wurde, hielt sich Mack strikt an den Grundsatz kirchenpolitischer Zurückhaltung im geistlichen Leitungsamt. Seine Nachfolgerin Gabriele Arnold interpretiert die Rolle der Prälatin völlig anders.

          Debatte schärfer als in anderen Landeskirchen

          Vor allem Landesbischof July musste sich dadurch brüskiert fühlen, denn seit vielen Jahren versucht er, der persönlich zu den gemäßigt Konservativen gerechnet wird, einen Konsens zur Homosexualität in der Landeskirche zu erreichen. In Julys Umfeld setzte man im Vorfeld des Studientags darauf, dass beide Seiten vor dieser wichtigen Aussprache auf öffentliche Querschüsse verzichten. Bischof July ließ nun mitteilen, dass man sich „im dienstlichen Gespräch“ mit der Prälatin befinde. Was das genau bedeutet, ist offen. Dienstrechtliche Sanktionen bis hin sogar zu einer Ablösung Arnolds könnten nicht ausgeschlossen werden, heißt es.

          Für July dürfte es jedenfalls noch schwieriger werden, den angestrebten Konsens zu erreichen. Die Debatte über Homosexualität in Württemberg wird schärfer geführt als in anderen Landeskirchen. Dafür gibt es zwei Gründe: Zum einen ist in Württemberg der Pietismus stark, der sich mit dem Thema Homosexualität aufgrund ihrer negativen Bewertung in der Bibel schwertut. Hinzu kommt, dass in der württembergischen Synode die unterschiedlichen Interessen traditionell viel offener als in allen anderen Landeskirchen zutage treten. Gruppierungen wie die „Lebendige Gemeinde“ oder die linksprotestantische „offene Kirche“ agieren dort ähnlich wie Fraktionen in weltlichen Parlamenten. Der Konsensdruck ist unter anderem deshalb geringer, weil die Synodalen hier direkt von den Kirchenmitgliedern gewählt werden.

          Einige Kirchen erlauben die „Trauung“

          Landesbischof July will trotz der verschärften Debatte weiter an seinem Kurs festhalten. Anstreben dürfte er nach Lage der Dinge eine Lösung, die einen Ritus zur Segnung homosexueller Paare zwar ermöglicht, dabei jedoch einen deutlichen symbolischen Abstand zur kirchlichen Trauung von Mann und Frau belässt. Württemberg würde damit im Vergleich zu anderen Landeskirchen zurückhaltend agieren. Die benachbarte badische Landeskirche hat im vergangenen Jahr beschlossen, dass der Gottesdienst für homosexuelle Paare analog zur Trauung gefeiert werden darf und als Amtshandlung ins Kirchenbuch eingetragen wird. Ähnlich hält man es in Hessen-Nassau. Im Rheinland und in Berlin-Brandenburg geht man noch weiter. Dort ist bei homosexuellen Paaren ebenso wie bei heterosexuellen von einer „Trauung“ die Rede.

          Mit dieser Gleichstellung übertrifft die Kirche sogar den im staatlichen Bereich erreichten Stand, wo nach wie vor zwischen „Ehe“ und „eingetragener Lebenspartnerschaft“ unterschieden wird. Sogar die sächsische Synode, in der ähnlich wie in Württemberg die theologisch Konservativen mehrheitsfähig sind, hat zuletzt eine öffentliche Segnungen homosexueller Paare ermöglicht. „Sicher ist nur, dass wir auch für eine Handreichung, in der ein gottesdienstähnlicher Ritus ermöglicht wird, in der Synode einen breiten Konsens brauchen.“ Ob es den nach Arnolds Vorpreschen nun schon im Herbst geben wird, ist ziemlich ungewiss.

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