Home
http://www.faz.net/-gpf-76zem
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 21.02.2013, 13:06 Uhr

Stoiber, Musik, Politik On Drums

Edmund Stoibers Rede über den Transrapid ist legendär. Jetzt hat sie ein junger Musiker, Jonny König, auf das Schlagzeug übersetzt. Binnen Tagen hat „Stoiber on Drums“ eine halbe Million Klicks bei Youtube. Was Musik mit Mathe und Politik zu tun hat.

© Jonny König, F.A.Z. Jonny König im Interview: Der Macher hinter Stoiber on Drums

Wer kennt nicht Edmund Stoibers Transrapid-Rede? Sie klingt wie ein rhetorischer Auffahrunfall. Nun hat ein junger Schlagzeuger, Jonny König, diese knapp eineinhalb Minuten Wort für Wort, Silbe für Silbe, Äh für Äh nachgetrommelt: „Stoiber on drums“. Wo Stoibers Stimme hell und klirrend klingt, verwendet König HiHat und Becken, wo Stoibers Vortrag Fahrt aufnimmt, rollt er bei König über Basstrommel und Tomtoms, wo Stoiber sich verhaspelt, lässt ihn König mit Rimclicks über den Rand der Snare Drum holpern und stolpern. Man sieht dem jungen Mann auf dem Youtube-Video an, wie konzentriert er ist. Aber er zieht das durch und landet schließlich bei dem Satz, in den Stoiber seinen aberwitzigen Crash hineinkapituliert: „Weil das ja klar ist.“

Volker Zastrow Folgen:

    Das ist wie eine Befreiung, als ob Fesseln fallen, witzigerweise auch so, als sei wirklich klar oder nur herrlich egal, was Stoiber eigentlich sagen wollte. Aus dem „Weildasjaklarist“ macht Königs Band dann einen Popsong, einen Loop, der Computer lässt Stoibers Stimme singen. Am Schluss trommelt König das Finale, „dass der Hauptbahnhof im Grunde genommen näher an Bayern, an die bayerischen Städte heranwächst“, wie die perfekte Klimax eines perfekten Rhetors und setzt dem mit fünf coolen Schlägen die Pointe auf: weil - das - ja - klar - ist. Es ist mitreißend, begeisternd. Aber was ist ja klar?

Reden wir über Musik, Mathe und Politik.

 C-Dur-Präludium, Wohltemperiertes Klavier I, Takt 26 bis 28: Das sind drei fünfstimmige Akkorde mit dem gleichen Grundton. Vom ersten zum zweiten Takt verändert sich ein einziger dieser fünf Töne, und auch das nur um den kleinstmöglichen Schritt, einen Halbton. Doch diese beiden fast identischen Akkorde lösen erstaunlich unterschiedliche Gefühle aus.

© F.A.Z. J.S. Bach: „Das Wohltemperierte Klavier“ Akkord aus Takt 26

Das Klavier stimmt den Menschen.

Man kann zwischen den Akkorden wechseln, hin und zurück, und die Stimmung wechselt mit. Man kann das jederzeit wiederholen, Tage, Wochen, Monate, Jahre später. Es nutzt sich nicht ab. Das mit dem jeweiligen Akkord verbundene Gefühl ist, ja, präzise - aber doch zugleich so unbestimmt, dass es sich nicht in Worte fassen lässt. Man kann’s versuchen, haben auch schon viele versucht (wie klingt ein sus4/7?) - letztlich bleibt immer der Akkord selbst der vollkommene Ausdruck des Gefühls, das er auslöst.

© F.A.Z. J.S. Bach: „Das Wohltemperierte Klavier“ Akkord aus Takt 27

 

Das gilt auch für den dritten Takt: Diesmal wird bis auf den Grundton alles ein kleines bisschen nach oben verschoben, so wenig, wie es weniger kaum geht - und das hat einen unheimlich krassen Effekt. Nach diesem strahlenden Akkord im Takt davor, der sich ausstreckte wie in ein Himmelbett, ist es, als ob ein Arzt reinkommt und so guckt, dass man denkt: Es ist Krebs, ich hab’s gewusst, oder doch nicht? Oh Gott. Heute würde man sagen, der gute alte Johann Sebastian Bach hat da mal eben ein paar „blue notes“ eingeschoben. Ja, der Blues. Doch davon später.

© F.A.Z. J.S. Bach: „Das Wohltemperierte Klavier“ Akkord aus Takt 28

    Jetzt erst mal zu Pythagoras, Mathe. Wenn man kein Mathematiker ist, dann ist Mathe noch schlimmer als Klavier, wenn man kein Musiker ist. Dass die meisten Menschen froh sind, nie wieder in die Schule zu müssen, liegt nicht zuletzt an Mathe und so Sätzen wie denen des Pythagoras. Wissen Sie noch? Aquadrat plus Bequadrat gleich Cequadrat?

1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Apps zum Mathe-Lernen Mit jedem Wisch zur Lösung

In diesen Wochen gibt es Zeugnisse. Gut in Mathe zu sein ist für viele Schüler eine besondere Herausforderung. Können Lern-Apps den Spaß am Rechnen fördern? Mehr Von Fridtjof Küchemann

06.02.2016, 08:53 Uhr | Feuilleton
Sambadrom von Rio de Janeiro Beste Sambaschulen kämpfen um den Sieg

Beim Sambódromo in der brasilianischen Stadt Rio de Janeiro sind die besten Sambaschulen des Landes gegeneinander angetreten. Bis in den frühen Morgen galt es mit Rhythmus, Trommeln und knalligen Farben die Jury zu überzeugen. Das ganze Jahr über haben sich die Schulen auf diese Veranstaltung vorbereitet. Mehr

09.02.2016, 17:45 Uhr | Gesellschaft
Wissenschaft im Datennebel Das wusste unser Lehrer aber besser

Computer sollten nur mitdenken – höchstens. Die Theoriebildung darf man ihnen auf keinen Fall überlassen. Doch eine vom Datennebel schon ganz benommene Wissenschaft ist drauf und dran, die Tugend des Nachdenkens zu verlernen. Ein Gastbeitrag. Mehr Von Marco Wehr

09.02.2016, 22:18 Uhr | Feuilleton
Pertti Kurikan Nimipäivät Behinderte Punker wollen den ESC rocken

Sie haben alle verschiedene geistige Beeinträchtigungen, aber vor allem lieben sie Punk-Musik: Die vier Musiker der finnischen Gruppe Pertti Kurikan Nimipäivät wollen den Eurovision Song Contest rocken – und gewinnen. Vor ihrem Auftritt beim ersten Halbfinale hat Bassist Sami Helle über ihre Vorliebe für raue Musik und ihre Fans gesprochen. Mehr

01.02.2016, 13:43 Uhr | Gesellschaft
Album der Woche Der große Wurf der Kleingeldprinzessin

Wenn sich jahrelange Arbeit auszahlt: Dota ist jetzt eine Band und ihr Album Keine Gefahr vereint Liedermachertum mit Elektro-Grooves auf wunderbare Weise. Mehr Von Jan Wiele

01.02.2016, 21:35 Uhr | Feuilleton

Wird sie die gemeinsame Bedrohung einen?

Von Daniel Deckers

Das Treffen zwischen Papst Franziskus und Patriarch Kirill ist historisch. Doch während Franziskus Gewalt in Syrien bedingungslos verurteilt, erteilt Kirill russischen Aggressionen den Segen. Können die beiden christlichen Kirchen dennoch zu gemeinsamen Taten finden? Ein Kommentar. Mehr 3