Wer kennt nicht Edmund Stoibers Transrapid-Rede? Sie klingt wie ein rhetorischer Auffahrunfall. Nun hat ein junger Schlagzeuger, Jonny König, diese knapp eineinhalb Minuten Wort für Wort, Silbe für Silbe, Äh für Äh nachgetrommelt: „Stoiber on drums“. Wo Stoibers Stimme hell und klirrend klingt, verwendet König HiHat und Becken, wo Stoibers Vortrag Fahrt aufnimmt, rollt er bei König über Basstrommel und Tomtoms, wo Stoiber sich verhaspelt, lässt ihn König mit Rimclicks über den Rand der Snare Drum holpern und stolpern. Man sieht dem jungen Mann auf dem Youtube-Video an, wie konzentriert er ist. Aber er zieht das durch und landet schließlich bei dem Satz, in den Stoiber seinen aberwitzigen Crash hineinkapituliert: „Weil das ja klar ist.“
Das ist wie eine Befreiung, als ob Fesseln fallen, witzigerweise auch so, als sei wirklich klar oder nur herrlich egal, was Stoiber eigentlich sagen wollte. Aus dem „Weildasjaklarist“ macht Königs Band dann einen Popsong, einen Loop, der Computer lässt Stoibers Stimme singen. Am Schluss trommelt König das Finale, „dass der Hauptbahnhof im Grunde genommen näher an Bayern, an die bayerischen Städte heranwächst“, wie die perfekte Klimax eines perfekten Rhetors und setzt dem mit fünf coolen Schlägen die Pointe auf: weil - das - ja - klar - ist. Es ist mitreißend, begeisternd. Aber was ist ja klar?
Reden wir über Musik, Mathe und Politik.
C-Dur-Präludium, Wohltemperiertes Klavier I, Takt 26 bis 28: Das sind drei fünfstimmige Akkorde mit dem gleichen Grundton. Vom ersten zum zweiten Takt verändert sich ein einziger dieser fünf Töne, und auch das nur um den kleinstmöglichen Schritt, einen Halbton. Doch diese beiden fast identischen Akkorde lösen erstaunlich unterschiedliche Gefühle aus.
Das Klavier stimmt den Menschen.
Man kann zwischen den Akkorden wechseln, hin und zurück, und die Stimmung wechselt mit. Man kann das jederzeit wiederholen, Tage, Wochen, Monate, Jahre später. Es nutzt sich nicht ab. Das mit dem jeweiligen Akkord verbundene Gefühl ist, ja, präzise - aber doch zugleich so unbestimmt, dass es sich nicht in Worte fassen lässt. Man kann’s versuchen, haben auch schon viele versucht (wie klingt ein sus4/7?) - letztlich bleibt immer der Akkord selbst der vollkommene Ausdruck des Gefühls, das er auslöst.
Das gilt auch für den dritten Takt: Diesmal wird bis auf den Grundton alles ein kleines bisschen nach oben verschoben, so wenig, wie es weniger kaum geht - und das hat einen unheimlich krassen Effekt. Nach diesem strahlenden Akkord im Takt davor, der sich ausstreckte wie in ein Himmelbett, ist es, als ob ein Arzt reinkommt und so guckt, dass man denkt: Es ist Krebs, ich hab’s gewusst, oder doch nicht? Oh Gott. Heute würde man sagen, der gute alte Johann Sebastian Bach hat da mal eben ein paar „blue notes“ eingeschoben. Ja, der Blues. Doch davon später.
Jetzt erst mal zu Pythagoras, Mathe. Wenn man kein Mathematiker ist, dann ist Mathe noch schlimmer als Klavier, wenn man kein Musiker ist. Dass die meisten Menschen froh sind, nie wieder in die Schule zu müssen, liegt nicht zuletzt an Mathe und so Sätzen wie denen des Pythagoras. Wissen Sie noch? Aquadrat plus Bequadrat gleich Cequadrat?
Dieser Satz stimmt immer. Aber muss das so sein? Könnte es nicht irgendein rechtwinkliges Dreieck geben, auf das der Satz des Pythagoras nicht zutrifft - ein Dreieck, das man nur noch nicht gefunden hat? Dabei macht die Sache nicht eben leichter, dass die Zahl rechtwinkliger Dreiecke unendlich ist. Messen hilft also nicht. Man muss auch gar nicht ewig messen, denn man kann den Satz des Pythagoras beweisen. Er trifft auf jedes rechtwinklige Dreieck zu. Und auch die Entdeckung dieses Beweises wird Pythagoras zugeschrieben.
Heute weiß man, dass der Satz des Pythagoras schon längst bekannt war, bevor Pythagoras lebte (im sechsten vorchristlichen Jahrhundert), und ob er oder seine Schüler es wirklich waren, die den Beweis für diesen Satz (oder mehrere dieser Beweise) gefunden haben, ist ebenfalls ungewiss. Vielleicht ist hier schon griechische Prahlerei im Spiel - wie beim Vater in „My Big Fat Greek Wedding“, der sogar das Wort „Kimono“ aus dem Griechischen ableitet. Aber egal, wer’s erfunden hat: Die Sache selbst ist wunderbar, ähnlich wie die Wirkung der drei Bachakkorde.
Erster Akkord: dass man so einen Satz überhaupt finden und ihn anwenden kann, zum Beispiel auf dem Bau. Zweiter Akkord: dass man ihn theoretisch beweisen kann, durch schieres Denken. Dritter Akkord: dass es so etwas, einen logischen Beweis, überhaupt gibt! In der Schule schaffen sie es meistens nicht, einem klarzumachen, was für ein ungeheurer Knaller das ist. So etwas wie eine Offenbarung. Nämlich: dass es Geist gibt. Und zwar unabhängig von Menschen, unabhängig von Pythagoras, und demzufolge auch unabhängig davon, ob irgendwer das beweist oder nicht. Der Geist ist da, und wenn es keiner mitkriegt, schwebt er über den Wassern. In einem ebenen rechtwinkligen Dreieck entspricht die Summe der Kathetenquadrate dem Hypothenusenquadrat, yeah!, auch auf einem unbewohnten Planeten, wo niemals irgendwer ein Dreieck gezeichnet oder je darüber nachgedacht hat.
Einstein hat das nicht geändert. Die moderne Physik seit Planck keimt aus Beweisen; seither ist es geradezu üblich geworden, dass Hypothesen in Beweisketten erdacht und erst viel später experimentell bestätigt werden (was nicht bedeutet, dass physikalische Theorien beweisbar sind). Jedes gewöhnliche Mathe-Opfer, das je versucht hat, Einsteins beide Aufsätze über die Relativitätstheorie zu lesen, weiß, wo da der Hammer hängt. Sie bestehen vor allem aus Formeln. Und witzigerweise ist die theoretische Physik unserer Zeit damit, was Welterklärung betrifft, längst an die Stelle der Philosophie getreten - weil der Beweis ein Werkzeug der Erkenntnis und nicht nur der Selbstbezauberung ist.
Wir stecken nicht in einem kognitiven Käfig, in dem wir immer nur uns selbst entdecken können. Den Geist, den wir beweisen können, haben wir nicht gemacht. Nicht wir haben die Mathematik erfunden. Im Beweis, in der Tatsache des Beweises, berühren wir uns nicht selbst. Etwas anderes berührt uns. So wie die Musik.
Daher noch mal: Pythagoras. Er hat sich nicht nur mit Mathematik, sondern auch mit Musik beschäftigt. Auch da ist vieles Big Fat Greek Mythos; aber ist doch egal, wer zuerst die Erkenntnisse hatte, um die es hier geht. Etwa, dass eine Saite, die halbiert wird, den gleichen Ton genau eine Oktave höher hervorbringt. Ähnliche Verhältnisse ergeben sich zwischen anderen ganzzahligen Saitenteilungen und den Intervallen (Quinte, Quarte etc.). Diese Beziehung zwischen Musik und Mathematik wurde schon im Altertum entdeckt. Schon damals hatte man verstanden, dass Musik aus Schwingungen entsteht. Klar, eine Saite flirrt hin und her, das sieht man mit dem bloßen Auge, und eine kurze Saite schwingt schneller als eine lange. Die schwingende Saite stößt die Luftmoleküle an und bringt sie ebenfalls zum Schwingen, und diese synchronisierten Moleküle erreichen unser Ohr als Ton.
Heute kann man solche Schwingungen genau messen; wir können unsere Instrumente daher gleich stimmen, auch wenn wir an verschiedenen Orten sind. Der Kammerton A schwingt mit 440 Hertz, und unsere Intervalle - siehe oben das Beispiel aus dem Wohltemperierten Klavier - sind Relationen solcher Schwingungen. Das Irre ist, dass wir das beim Hören nicht etwa messen, sondern fühlen. Wir fühlen Mathematik. Und das, obwohl doch Mathematik die reinste rationale Wissenschaft ist; sie kommt doch nun wirklich völlig ohne Gefühl aus! Gerade das macht den Umgang mit ihr für viele so kratzig. Aber Musik mag jeder, überall.
Seit einer Entdeckung des französischen Mathematikers und Physikers Jean Baptiste Fourier vor etwa zweihundert Jahren weiß man noch mehr darüber. Wieder durch einen Beweis: Fourier hat nämlich mathematisch begründet, dass jede regelmäßige Wellenform als unendliche Summe von Sinuskurven ausgedrückt werden kann, die ihrerseits ganzzahlige Vielfache der Grundfrequenz sind. (Keine Ahnung, wie man das einfacher sagen könnte.) Was für alle regelmäßigen Wellen gilt, muss auch auf Töne zutreffen.
Und in der Tat: Auf dem Kammerton A liegen in einer Reihe unendlich viele sogenannte Obertöne. Das Verhältnis ist 1:2:3:4 und so weiter, die Wellen überlagern sich also mit 440 Hz, 880 Hz, 1320 Hz und ebenfalls so weiter. Das bedeutet: Jeder musikalische Ton ist in sich harmonisch; er ist auch ganz allein schon ein Akkord. Das ist ein universelles Prinzip. Deshalb können unterschiedliche musikalische Kulturen entstehen, durch diese Mathematik verbunden, sie können sich mischen, befruchten oder, Hip-Hop, auseinandertreiben.
Noch mal zum Beispiel aus dem Wohltemperierten Klavier. Wenn man es zusammenbringt mit Fouriers Entdeckung, wird einem klar, was für ein jeweils unfassbar komplexes Gebilde diese nur fünfstimmigen Akkorde sind. Und man versteht besser, warum sie zwar nicht mit Worten, aber mit Noten beschrieben werden können. Aber ist nicht auch das wunderbar oder wenigstens verwunderlich, dass wir diese Komplexität fühlen können? Es ist nur eine andere Mathematik als die, mit der uns unsere Lehrer (oder unsere Faulheit) in den Wahnsinn getrieben haben. Fouriers Formeln sind für Mathe-Deppen allerdings auch nicht einfacher als die Einsteins. Aber auch als Mathe-Depp kann man mit Musiksoftware umgehen, und in der steckt Fourier. Der Algorithmus heißt Chirp-z-Transformation oder FFT. Mit ihm lassen sich große Datenmengen komprimieren - ohne Fourier gäbe es weder iTunes noch Piratenpartei.
Neben Tonhöhen, -längen und Relationen, also Harmonie und Melodie, gibt es aber noch ein drittes Element in der Musik, das ebenfalls mathematisch und extrem gefühlsstark ist. Wahrscheinlich ist es das stärkste und ursprünglichste. Schlagermäßig formuliert: „Herzschlag ist der Takt“.
Jonny König begann mit acht, er wollte unbedingt Schlagzeug spielen. Das wollen viele; aber die meisten kommen davon ganz schnell wieder ab. Im Film sieht das immer toll aus, wenn da einer beispielsweise am Klavier gleichzeitig die Mondscheinsonate in die Tasten chillt, mit Lauren Bacall flirtet und sich von ihr Rauch ins Gesicht blasen lässt - im wirklichen Leben bekommt das nicht mal Alfred Brendel hin. Ein Instrument zu lernen und zu spielen ist ein einschüchternd großes Projekt. Und so ist das auch mit dem Schlagzeug, einem Jungs-Traum, weil man es damit so richtig krachen lassen kann.
„Ich hatte Glück“, sagt Jonny König siebzehn Jahre später, „weil ich bei meinem Lehrer ein halbes Jahr lang nur Snare Drum spielen durfte.“ Die Marschtrommel mit ihrem rasselnden Klang (verursacht durch Saiten oder Metallspiralen unter dem Fell) ist der Mittelpunkt jedes Schlagzeugs, jedes Spielmannszugs. Aber für sich allein ist sie natürlich kein Schlagzeug. Jonnys Lehrer fand, dass sich erst mal zeigen musste, ob der Junge wirklich wollte. Ob er durchhielt. Und, das Wichtigste: Er musste von Anfang an immer laut mitzählen.
Das hasst jeder. Aber wenn man es nicht früh gelernt hat, ist es nur sehr mühsam nachzuholen. „Ich sehe heute, wie schwer das anderen fällt“, sagt Jonny König. „Es ist Gold wert.“ Doch warum ist es eigentlich so schwer? Zählen bedeutet in der Musik, den Takt anzusagen. Eins, zwei, drei, vier: Viervierteltakt. Eins, zwei, drei; eins, zwei, drei; eins, zwei, drei: Dreivierteltakt. Der Takt bemisst sich in Schlägen pro Minute, neudeutsch kennt das jeder Techno-Geek als bpm. Das ist also wieder schlichte, ganzzahlige Mathematik, eine Folge gleichlanger Abschnitte, gekennzeichnet durch Schläge oder Beats, daher heißen die Beatles Beatles - heute würden sie Clickles heißen. Musik ist das indes so wenig wie das Ticken einer Uhr. Musik entsteht erst durch den Rhythmus: das Abweichen der Töne und ihrer Längen vom Takt. Der Takt bleibt immer gleich, der Rhythmus ändert sich.
Wenn man beim Spielen laut zählen muss, ist es nicht etwa leichter, sondern viel schwerer, sich auf die Musik zu konzentrieren. Am Anfang zerreißt es einem schier das Hirn: Man kann das einfach nicht von Natur aus. Wahrscheinlich sind es wirklich zwei Hirnareale, die einander eigentlich nichts zu sagen haben, die man hier zusammenbringen muss. Und das ist das Grundproblem beim Lernen eines Instruments: Man muss dabei mehrere Dinge gleichzeitig tun, viel mehr, als die Synapsen bereitwillig mitmachen. Musik ist eben nicht nur urig und einfach, sondern auch sehr vertrackt.
Jonnys alter Lehrer Thomas Stock aus Weiden findet „Stoiber on drums“ klasse - weil es so musikalisch ist. Er hat Klein-Jonathan drei Jahre unterrichtet, und der war damals schon gut dabei. Aber warum das Zählen? Stamm sagt, Zählen, vor allem lautes Zählen, sei ein „Körpermetronom“ (das Metronom tickt den Takt). Es wirkt dem pfuschigen Spiel entgegen. Es enthüllt unbestechlich jeden Fehler, jede Ungenauigkeit. Doch Zählen macht das Spielen nicht nur schwerer, sondern auch viel intensiver.
An der Mannheimer Popakademie, wo König seit drei Jahren studiert, wird von den Schlagzeugern zum Semesterende eine Prüfung verlangt. Dazu gehört ein Solo, und zwar ein durchkomponiertes: Es muss nicht nur vorgespielt, sondern auch in Noten geschrieben sein. Jonny König stand Schlagzeugsolos skeptisch gegenüber. Sie sind von einem Überbietungswettbewerb geprägt, „schneller, höher, weiter“, sagt er. Aber durch die Solopflicht bekam König doch ein neues Verhältnis zu seinem Instrument. Er musste sich Gedanken darüber machen, was er selbst eigentlich wollte und konnte. Und vielleicht auch können wollte. Zum Beispiel mal ein komplettes Solo darauf auszulegen, dass alle Töne nur noch kurz, scharf und trocken sind, einschließlich Becken.
Und dann keimte letztes Jahr die Idee, mal etwas total Unrhythmisches zu probieren - also im Grunde das Gegenteil von Schlagzeug. Ähnliches hat das deutsche Schlagzeugidol Marko Minnemann auch schon mal gemacht, er wählte eine Szene aus einem Monty-Python-Film. König überlegte erst, eine Schießerei aus einem Western nachzutrommeln, aber dann entschied er sich für etwas Gesprochenes. Hauptsache, wirr und konfus. Und etwas, das jeder kennt. Trapattoni? Stoiber!
König besorgte sich den Mitschnitt der Transrapid-Rede und unterlegte sie in seinem Schnittprogramm mit einem 120er-Beat (allegro). Ohne irgendetwas anzupassen, ohne irgendetwas an der Rede zu verändern. Er glich auch den Takt nicht an, schob nicht einmal den ersten Schlag, die erste „Eins“ auf Stoibers erstes Wort. Er zerschnitt die Rede in Doppeltakte, Loops, die er so lange wiederholte, bis er sie nicht nur auswendig konnte, sondern auch „ins Gefühl geholt“ hatte: „Eins Wenn Sie Drei Vier vom Hauptbahnhof in München Vier“. Dabei saß er am Schlagzeug und übersetzte zugleich den Klang der Stimme in den passenden Sound. Eine Minute 19 Sekunden - so lange dauerte die Rede. Vier Monate - so lange dauerte es, sie punktgenau zu lernen. Und jetzt sagt jeder: Stoiber hat den Groove.
Zu Max Raabes neuem Album „Für Frauen ist das kein Problem“ gibt es einen Bonus-Take „Track by Track“. Da erzählen er und Annette Humpe die Entstehungsgeschichte der Lieder. Der Song „Langsam“ erwuchs aus einer simplen Bemerkung Raabes: Der Mond geht auf. Und Humpe erklärt, wie das für sie ist, wenn jemand so etwas sagt: „Dann hör’ ich meistens schon ’ne Melodie. Jemand sagt einen Satz, und ich möchte den singen.“
Ging das König mit Stoiber auch so? Hat er den Groove im Crash gehört? Was hört ein Schlagzeuger?
König sagt: Dynamiken. Laut und leise. Pegelunterschiede. Rhythmen. Auch Melodien, Phrasen. Aber einen Groove in der Stoiber-Rede? Nein. Überhaupt nicht. Deshalb hat er sie ja ausgesucht. Aber inzwischen empfindet auch König die Rede nicht mehr als arhythmisch. Weil er sie „extrem verinnerlicht“ hat - wie vermutlich noch nie zuvor ein Mensch eine Politikerrede, geschweige denn eine derart verunglückte. Für König ist sie jetzt Musik. Inzwischen, sagt er, fühlen sich für ihn die Relationen zu dem Clicktrack „natürlich“ an. Und wenn man sein Stück oft genug abspielt, geht es einem ähnlich.
Das ist der Groove: König hat etwas Analoges auf etwas Digitales gelegt, nämlich die Rede auf den immer gleichen 120er-Vierviertel-Takt. Ebenso gut hätte er einen 80er-Dreiviertel-, er hätte jeden beliebigen Takt wählen können. Aber immer nur diese eine Rede. Und so hat sich das Wirre in etwas Unwirres verwandelt. Es ist Musik geworden. Durch die Relation. Hat es also doch dringesteckt? Steckt es in allem?
„Ja, wenn es da drinsteckt, dann steckt es in allem drin“, sagt Jonny König. „Ich kann ja alles in diese Rhythmusrelation setzen. Für mich.“ Und wie fühlt sich das an, für ihn? Ein Schlagzeuger sitzt fast in seinem Instrument, er spielt es mehr als jeder andere Musiker mit dem ganzen Körper. Eigentlich bildet er zusammen mit den Trommeln das Schlagzeug. Und hält die Band zusammen. Er sorgt dafür, sagt König, „dass die Jungs ihre Ruhe haben“. Er nimmt ihnen das Zählen ab. Er synchronisiert. Herzschlag ist der Takt. Und auch die Zuhörer swingen mit. Clap hands! Singen und klatschen, so muss das mal angefangen haben mit der Musik. Und dann kamen die Trommeln. In der Fernsehserie „True Blood“ gibt es diesen Typen, der nicht weiter durch den dunklen Wald in Louisiana will, dahin, wo die Trommeln rufen. Er sagt, er will da nicht hin, Trommeln haben immer irgendwas mit Sekten zu tun, Trommeln sind immer irgendwie Scheiße.
Trommeln sind Politik.
Naja, nicht die Politik selbst. Trommeln sind ein politisches Instrument. Trommeln synchronisieren. Und synchronisieren, das ist die Macht.
Noch einmal kurz zurück auf Los. Da ist das Fell auf der Trommel, es schwingt. Es versetzt die Moleküle in der Luft ebenfalls in Schwingung. Die flitzen jetzt nicht mehr wild durcheinander, sondern tun alle das Gleiche. Die Luft dringt in das Menschenohr und bringt das Trommelfell darin zum Schwingen - und das kleine Schlagzeug aus Hammer und Amboss dahinter. Und den ganzen Menschen. Und seinen kranken Nachbarn auch. Alle swingen. Wenn der Sheriff tanzen geht, tanzen alle mit. Mathe, Musik, Politik.
Politik ist soziales Entscheiden. Politik bedeutet, dass sich Leute durchsetzen und andere Leute nicht. Macht heißt, dass viele das Gleiche tun. Oder dass vielen das Gleiche geschieht. Sie werden synchronisiert: zum Beispiel zu einer Armee. Die marschiert im Gleichschritt zur Trommel, folgt einer Strategie, bringt andere um, diese anderen aber werden umgebracht, ebenfalls gleichermaßen. Eine Atombombe tötet die Einwohner einer Stadt, das ist Macht in extremer Form, alle sterben. In einer anderen Stadt fällt keine Bombe, der Verkehr in ihren Straßen folgt Regeln, im Großen und Ganzen halten die Leute sich dran: Auch hier ist Macht im Spiel, aber eine erheblich friedlichere. Sie verwirklicht sich nicht durch Gewalt, sondern durch Regeln und Zeichen. Aber beide, die friedliche wie die kriegerische Form, könnte man hierarchisch nennen.
Daneben gibt es eine andere Art von Synchronisation: Das ist die freiwillige, die Assoziation. Vernetzung. Etwa durch Musik: Wer die Freude an „Stoiber on drums“ teilt, synchronisiert sich durch Assoziation, lacht mit, tanzt mit, freut sich mit. Aber auch das ist Macht. Es fällt nur nicht auf, weil sie nicht auf politische Ziele gerichtet ist. Das ändert sich blitzschnell - sobald jemand stört.
Wenn Leute sich mit Politik befassen, grübeln sie meistens über die hierarchische Form von Synchronisation nach, viel seltener über die assoziative. Und wenn man sie überhaupt auseinanderhält, neigt man dazu, die hierarchische mit Zwang gleichzusetzen und die assoziative mit Freiwilligkeit. So einfach ist das aber nicht. Ein Lynchmob entsteht durch freie Assoziation.
Und die Steinigung als Strafe? Klar, dass hier Synchronisation stattfindet, aber ist sie hierarchisch oder assoziativ? Meistens mischt sich das, eigentlich sogar ständig. Gesetzestreue hat weithin freiwilligen Charakter, und noch die übelsten Diktatoren verwenden unzählige Ränke und Schliche darauf, die Massen zum Schwingen zu bringen. Auch im Lynchmob verstecken sich Anführer. Selbst in lockeren, freiwilligen Zusammenschlüssen bildet sich Konformitätsdruck; und wer je eine Diskussionsrunde mit Daniel Cohn-Bendit oder Joschka Fischer erlebt hat, weiß, wie man in frei assoziierten Gruppen eine stramme Hierarchie erzeugt.
Aber die kritische Aufmerksamkeit gilt im Allgemeinen den institutionalisierten Formen von Hierarchie. Währenddessen bauen wir den größten assoziativen Synchronisationsapparat auf, den es je gegeben hat: das Netz. Wenn ein „Aufschrei“ oder ein Shitstorm durchbraust, fällt das allen auf, dann fühlt jeder die Macht. So wie man starken Wind fühlt. Aber was eigentlich zählt, sind nicht die Böen, sondern die Luft - und die fühlt man gewöhnlich nicht. Doch wir atmen sie alle. Das Netz bietet unzählige Möglichkeiten, aber es ist und bleibt ein mathematisches System. Es synchronisiert Menschen durch Algorithmen. Immer mehr denken dasselbe. Immer mehr tun das Gleiche. Sogar die Träume werden kopiert und verkleistert: copy & paste. Das Netz ist eine Supermacht, wie sie sich die Theoretiker der Massen in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts nicht in ihren kühnsten Träumen vorstellen konnten. Was das Netz mit uns macht, entscheiden wir, indem wir bestimmen, was wir mit ihm machen.
Denn auch Musik ist nicht einfach Mathematik. Musik ist Beziehung: der Töne zueinander, in Harmonien und Intervallen, des Rhythmus zum Takt, des Analogen zum Digitalen. Ein Musiker, der wie ein Uhrwerk spielt, perfekt wie kein zweiter, aber ohne Gefühl, ohne den Blues (siehe oben), der bringt doch immer nur Totes hervor. Aber wenn er lebt, wenn alles stimmt, dann wird er, sagt König, „eins mit dem Instrument. Das ist bei jedem Instrumentalisten so. Wenn man merkt, der kann das wirklich gut, ist der eins. Wenn man wirklich das Gefühl hat, okay, das bin ich, der da durch das Schlagzeug spricht. Dass das wirklich eine Sprache ist. Keine Trance, nein, das würde ich nicht sagen. Man denkt in dem Moment einfach an nichts anderes. Man ist komplett in der Musik. Man ist ein Stück weit raus aus seinem normalen Leben.“
Aus Daisetz Suzukis Abriss des Zen, zitiert nach Ruth Benedict (Chrysantheme und Schwert):
„Mönch: Ich verstehe es so, dass ein Löwe, wenn er einen Gegner angreift, sei es ein Hase oder ein Elefant, vollständigen Gebrauch seiner Kraft macht; sag an, was ist diese Kraft? - Meister: Der Geist der Aufrichtigkeit (wörtlich: die Kraft des Nicht-Täuschens). Aufrichtigkeit, das heißt Nicht-Täuschen, bedeutet ,sein ganzes Sein aufzubieten’, eigentlich bekannt als ,das ganze Sein in Aktion’, wobei nichts verhüllt ausgedrückt wird, nichts verschwendet wird.“
Weil das ja klar ist.
"Ein Lynchmob entsteht durch freie Assoziation" ....
Dieter Aster (derast)
- 21.02.2013, 15:44 Uhr
ich frage mich
Alina Duesselman (Malinkov)
- 21.02.2013, 14:44 Uhr
kompliment, ein genialer Text
Hans Lutz Oppermann (Roemer2010)
- 21.02.2013, 14:00 Uhr
"Nicht wir haben die Mathematik erfunden."
Roland Magiera (Roland_M)
- 21.02.2013, 13:26 Uhr
Das soll witzig sein? Oder Kunst?
Klaus Letis (odysseus_8)
- 21.02.2013, 12:36 Uhr