30.12.2006 · Nach der Fußball-WM glaubten viele an ein Ende der schlechten Stimmung im Land. Die Ergebnisse zur Neujahrsfrage des Instituts Allensbach bestätigen diesen Eindruck: Die Hälfte der Deutschen erwartet das Jahr 2007 wieder hoffnungsvoll.
Von Elisabeth Noelle und Thomas Petersen„Wenn wir überrascht sind, stehen wir der Wirklichkeit gegenüber.“ Kürzer und genauer als mit diesem Satz Paul Valerys lassen sich der Nutzen der Demoskopie und der Charme, den ihre Ergebnisse entfalten können, kaum beschreiben.
Immer wieder zwingen die Umfrageergebnisse die Forscher, liebgewordene, vorher gefaßte Ansichten über die Gesellschaft fallenzulassen. Eigentlich lassen sich viele gute Gründe dafür finden, warum die Zahl der Wechselwähler zunehmen müßte, doch die Demoskopie zeigt, daß der Anteil derer, die von einer Wahl zur nächsten ihre Parteiorientierung geändert haben, seit mehr als 30 Jahren bemerkenswert gleich geblieben ist. Die These, daß Menschen in der Großstadt massenhaft unter Vereinsamung leiden, läßt sich mit Repräsentativumfragen ebenso widerlegen wie die verbreitete Annahme, daß Wahlkämpfe die Politikverdrossenheit anheizten.
„Hoffnungen oder Befürchtungen?“
Als Umfrageforscher gewöhnt man sich bald daran, nicht dem scheinbar Offensichtlichen zu glauben und statt dessen stets offen zu sein für unerwartete Ergebnisse, die den eigentlichen Erkenntnisfortschritt in der Sozialforschung bedeuten, weil sie den Betrachter auf Zusammenhänge aufmerksam machen, die bis dahin nicht berücksichtigt worden sind.
Doch selten war die Überraschung so groß wie im Jahr 1979, als der Karlsruher Informatikprofessor Karl Steinbuch dem Allensbacher Institut mitteilte, daß sich aus den Antworten der Bevölkerung auf die Frage „Sehen Sie dem kommenden Jahr mit Hoffnungen oder Befürchtungen entgegen?“ eine Konjunkturprognose für das kommende Jahr errechnen ließ, die oft genauer war als die Herbstgutachten der Wirtschaftsforschungsinstitute.
Erstaunlich an diesem Befund war nicht nur die Präzision der Prognosen, die sich aus der Frage ableiten ließen, sondern auch der Umstand, daß in der Frage von Wirtschaft gar nicht die Rede ist. Als sie im Jahr 1949 entwickelt wurde, wurde eine unspezifische Formulierung gewählt mit dem Ziel, das allgemeine Lebensgefühl der Bevölkerung zu erfassen. Besondere analytische Absichten wurden mit der Frage ohnehin nicht verfolgt: Von Anfang an, seit mittlerweile 57 Jahren, zieren ihre Ergebnisse die Neujahrsglückwunschkarten, die das Allensbacher Institut alljährlich an Freunde, Auftraggeber und Kollegen verschickt.
Fünfzig Prozent Psychologie
Man kann vermuten, daß die Prognosekraft der Frage nach den Hoffnungen für das kommende Jahr gerade daher rührt, daß sie das Gefühl und nicht den Verstand der Befragten anspricht. Aus der scheinbar viel präziseren Frage „Glauben Sie, daß es mit der Wirtschaft in den kommenden 6 Monaten bergauf oder bergab gehen wird?“ läßt sich hingegen keine brauchbare Konjunkturprognose ableiten. Anscheinend wird mit der Neujahrsfrage eine Grundstimmung erfaßt, die sich auch auf das Wirtschaftsleben auswirkt. Man denkt an den Ausspruch Ludwig Erhards, wonach fünfzig Prozent der Wirtschaft Psychologie sind.
Vergleicht man nun das Ergebnis der Allensbacher Neujahrsfrage vom Dezember 2006 mit dem des vergangenen Jahres, dann erkennt man zunächst nur eine geringfügige Veränderung. 49 Prozent der Deutschen sagen heute, sie sähen dem kommenden Jahr mit Hoffnungen entgegen, im Dezember 2005 waren es 45 Prozent.
Doch der bescheidene Zuwachs der Hoffnungen ist in mancherlei Hinsicht bemerkenswert. Nach der seit Jahrzehnten angewandten Umrechnungsformel kann man damit für das Jahr 2007 ein Wirtschaftswachstum von 1,9 Prozent erwarten. Damit weisen die „Stimmungsprozente“ auf ein ähnliches Wachstum hin wie die Analysen der Wirtschaftsforschungsinstitute, deren Prognosen sich derzeit zwischen 1,4 und 2 Prozent bewegen.
Ungebrochener Optimismus
Von dem noch vor wenigen Monaten gefürchteten Einbruch der Wirtschaft infolge der Mehrwertsteuererhöhung ist nichts zu erkennen. Es hat den Anschein, als habe sich die Bevölkerung schon mit dieser Belastung im kommenden Jahr abgefunden. Dem Optimismus scheint sie jedenfalls nicht geschadet zu haben. Allerdings läßt sich nicht sagen, ob dies auch für die für viele Bürger überraschend angekündigten Erhöhungen der Krankenkassenbeiträge gilt - die Umfrage war bereits vor Veröffentlichung dieser Nachricht abgeschlossen.
Wie sehr sich das Klima in Deutschland im letzten Jahr geändert hat, erkennt man aber erst, wenn man die Trendentwicklung über die letzten sechs Jahre hinweg betrachtet. Am Jahresende 2001, nach den Terroranschlägen vom 11. September, war der Anteil derjenigen an der Bevölkerung, die dem kommenden Jahr mit Hoffnungen entgegensahen, von über 50 auf 42 Prozent gefallen, ein Jahr später erreichte der Wert mit 31 Prozent einen der tiefsten Stände seit 1949. Nur 1950, während des Korea-Krieges, 1973, zu Beginn der Ölkrise, und am Ende der SPD/FDP-Koalition 1980 und 1981 waren die Deutschen vergleichbar pessimistisch gestimmt.
Anders aber als in früheren Jahrzehnten erholte sich die Bevölkerung Anfang dieses Jahrzehnts nur langsam vom Tiefpunkt der Depression. Erst in diesem Jahr scheinen die Deutschen das Stimmungstief überwunden zu haben. Der Anteil von 49 Prozent, die der Zukunft mit Hoffnungen entgegensehen, ist im Langzeitvergleich kein herausragend guter, aber auch kein unterdurchschnittlicher Wert.
Keine strukturellen Veränderungen
In diesem Jahr war oft von der überraschenden Fröhlichkeit der Deutschen die Rede. Vor allem während der gelungenen Fußball-Weltmeisterschaft im vergangenen Sommer hatten die Deutschen die Welt mit ihrer Freundlichkeit und einem unverkrampften Selbstbewußtsein überrascht. Von einem neuen Deutschland-Bild war die Rede und von einem neuen Patriotismus.
Doch ist dieses Deutschland wirklich so neu? Ohne Zweifel hat sich die Atmosphäre im Land im vergangenen Jahr erheblich verändert, wesentlich mehr als die objektiven Rahmenbedingungen: Zwar wächst die Wirtschaft stärker als in den vergangenen Jahren, und selbst auf dem Arbeitsmarkt ist eine Verbesserung der Lage zu beobachten, doch die strukturellen Probleme Deutschlands sind die gleichen wie vor einem Jahr.
Die Depression war ein Ausnahmefall
Während aber damals die öffentliche Diskussion von der Last der Aufgaben geprägt war, die dem Land bevorstehen - Bundespräsident Köhler sprach von der Notwendigkeit, „neue Kraft zu gewinnen“ -, sind heute die pessimistischen Töne aus der öffentlichen Diskussion weitgehend verschwunden. Dabei spricht nichts dafür, daß die Bevölkerung vergessen hätte, daß das Land vor schweren Herausforderungen steht.
Von Euphorie, von Übermut ist in den Allensbacher Umfrageergebnissen nichts zu spüren. Es ist eher so, als seien die Deutschen aus einem langen Albtraum erwacht. Nicht die Fröhlichkeit in diesem, sondern die Depression in den vorangegangenen Jahren war der Ausnahmefall. Langsam, aber beharrlich gewinnt die Bevölkerung ihre Zuversicht und ihre Fröhlichkeit wieder.