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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Steuergeld und der Nürburgring Ewige Wiederkehr im Kreisverkehr

Der Nürburgring bleibt das Musterbeispiel für die Umverteilung von Steuergeld: Nicht nur Formel-1-Chef Bernie Ecclestone hat davon profitiert, sondern auch Boris Becker. Ministerpräsident Kurt Beck sieht sich mit neuen Vorwürfen konfrontiert.

© dapd Vergrößern Ministerpräsident Beck und Formel-1-Chef Ecclestone: Begünstigung gewiefter Geschäftemacher?

Den Vorwurf der Steuergeldverschwendung am Nürburgring und der Begünstigung gewiefter Geschäftemacher wird Kurt Beck bis zum Ende seiner Amtszeit wohl kaum noch los. Gleich zweimal innerhalb einer Woche sieht sich der rheinland-pfälzische SPD-Ministerpräsident harten Attacken der CDU-Oppositionsführerin Julia Klöckner ausgesetzt.

Anlass der jüngsten Vorwürfe sind bekannt gewordene Vertragsinterna zur Ausrichtung des Formel-1-Rennens auf dem Nürburgring Ende Juli. Die Landesregierung garantiere den mit der Organisation des Rennens beauftragten Unternehmern Kai Richter und Jörg Lindner „Millioneneinnahmen zu Lasten der Steuerzahler“, empört sich die CDU-Politikerin. Die Landesregierung habe einem „Geschäftsmodell zugestimmt, dass es den Herren Lindner und Richter ermöglicht, bei der Formel 1 Millionensummen in die eigene Tasche zu wirtschaften.“

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Umstrittener Konzessionsvertrag

Was für Julia Klöckner nach einem neuen Skandal rund um das ohnehin affärebelastete Nürburgring-Projekt riecht, ist für den seit Beginn der rot-grünen Koalition im Mai für das Vorhaben politisch verantwortlichen Innenminister Roger Lewentz (SPD) nur von Vorteil für das Land. „Es wäre für die landeseigene Nürburgring GmbH teurer, wenn sie wie früher noch selbst die Formel-1-Rennen ausrichtet“, sagt ein Ministeriumssprecher.

Inoffiziell bestätigt wurde auch jene am Montag vom SWR genannten Zahlen über Vergütungen des Landes an den Hotelier Lindner und den Düsseldorfer Projektentwickler Richter, die sich aus dem Konzessionsvertrag für die Ausrichtung des „Großen Preises von Deutschland“ ergeben.

Im Dezember 2010 wurde zwischen der nahezu landeseigenen Nürburgring GmbH und der privaten Betreiberfirma Nürburgring Automotive GmbH mit Lindner als Geschäftsführer ein Konzessionsvertrag zur Ausrichtung des Formel-1-Rennens abgeschlossen. Die zum 1. Mai 2010 gegründete neue Betriebsgesellschaft für das rund 350 Millionen Euro teure Freizeit- und Erlebniszentrum mit etwa 400 Mitarbeitern sollte im Auftrag der Besitzgesellschaft Nürburgring GmbH die Karten für das Formel-1-Rennen am 24. Juli verkaufen und mit neuen Vertriebs- und Marketingkonzepten die Besucherzahlen der bislang defizitären Veranstaltung steigern. Als Entgelt für die gewährte Konzession zur Ausrichtung des Rennens mit seinen diesmal rund 68.000 Besuchern überweise die Automotive GmbH der Nürburgring GmbH den Betrag aus dem Verkauf der Eintrittskarten, heißt es im Ministerium.

„3,3 Millionen Euro für Kosten und Aufwendungen“

Davon darf die Firma von Lindner und Richter indes eine vertraglich vereinbarte Pauschale von 3,3 Millionen Euro für „Kosten und Aufwendungen“ zur Ausrichtung des Rennens behalten. Hinzu kommt eine Entschädigung für entgangene Einnahmen von 500.000 Euro während des Rennwochenendes.

Zudem durfte die Automotive GmbH auf eigene Rechnung 9000 Eintrittskarten verkaufen. Ab 65.000 verkauften Karten darf die Privatfirma bei etwa 3000 Karten 35 Prozent des Verkaufserlöses behalten. Zwischen 109 und 515 Euro betrugen die Kartenpreise. Wie viel das Land und wie viel die Automotive GmbH aus den Renneinnahmen erhalten, wird sich erst in einigen Wochen zeigen, wenn die Endabrechnung an die Nürburgring GmbH vorliegt.

Im Haushalt jedenfalls sind unter dem Titel „Strukturhilfe“ vorsorglich rund 13,5 Millionen Euro zur Subventionierung des Rennens eingestellt. Denn der britische Rennsportunternehmer Bernie Ecclestone als Chefvermarkter der Formel 1 kassierte als „Fahrerfeldgebühr“ für das Wochenende am Nürburgring dem Vernehmen nach von der Nürburgring GmbH rund 20 Millionen Euro. Ein Betrag, der bei Rennen in den vergangenen Jahren durch die Einnahmen nicht wieder ausgeglichen wurde.

Die Grünen mit ihrer Wirtschaftsministerin Eveline Lemke wollen diese Dauersubventionierung der Formel 1 am liebsten stoppen, während Beck und Lewentz nur eine Senkung der Zuschüsse planen, um die Veranstaltung im Land zu halten. (Siehe auch: „Formel-1-Rennen am Nürburgring nicht um jeden Preis“)

„Ringbotschafter“ Boris Becker

Eine „fragwürdigen Umgang mit Steuergeldern“ sieht die CDU-Frau Klöckner auch im Umgang mit dem bisherigen „Ringbotschafter“ Boris Becker. Der ehemalige Wimbledon-Sieger war noch von der Nürburgring GmbH 2009 für ein Honorar von rund 450.000 Euro für sieben Auftritte als Werbeträger für den Freizeitpark verpflichtet worden. Drei Auftritte zwischen Ende Mai und Mitte Juli 2009 absolvierte der frühere Tennisspieler, dann war Schluss.

Die nun für die Vermarktung des Nürburgrings zuständige Automotive GmbH verzichtete auf weitere Dienste des heutigen Pokerspielers. „Wir haben uns das Ganze angeschaut und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass wir ihn nicht sinnvoll nutzen können“, sagt eine Firmensprecherin. Liest man zwischen den Zeilen, soll das wohl heißen, dass Becker durch sein heutiges Image nicht als Aushängeschild für den durch Affären gebeutelten Nürburgring passt.

Quelle: F.A.Z.

 
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