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Debatte um Sterbehilfe : Kampf mit der Würde

Vor ihrer Erkrankung: Brittany Maynard Bild: AP

Mit dem Freitod der unheilbar erkrankten Brittany Maynard wird für Sterbehilfe geworben. Ihre Videobotschaften vermitteln den selbstbestimmten Tod als Vorbild. Ein Signal, das den Begriff der menschlichen Würde auf fatale Weise verengt. Ein Kommentar.

          Brittany Maynard, die sich vor einigen Tagen im amerikanischen Bundesstaat Oregon das Leben nahm, schrieb in ihrer Abschiedsnachricht auf Facebook: „Heute ist der Tag, den ich gewählt habe, um angesichts meiner unheilbaren Krankheit mit Würde dahinzuscheiden.“ Das Gesetz, das ihr ärztliche Unterstützung bei ihrem Suizid ermöglichte, heißt „Death with Dignity Act“.

          Helene Bubrowski

          Politische Korrespondentin in Berlin.

          Aus dem Vatikan dagegen verlautete am nächsten Tag prompt: Brittany Maynards Tod sei kein „würdiger Tod gewesen“. Die Amerikanerin und der Leiter der päpstlichen „Akademie für das Leben“ meinen offenbar nicht dasselbe, wenn sie von Würde sprechen. Jeder beansprucht die Deutungshoheit für sich.

          Menschenwürde ist das höchste Gut unseres Rechtsstaats. Doch eine Definition gibt es nicht. Nicht einmal das Bundesverfassungsgericht hat eine Konkretisierung für Artikel 1 des Grundgesetzes gefunden. Das höchste Gericht zieht sich darauf zurück zu bestimmen, wann die Würde verletzt ist - nämlich wenn „der Mensch zum Objekt herabgewürdigt“ wird. Je schwieriger es ist, eine Frage ethisch, moralisch oder rechtlich zu beurteilen, desto öfter wird der Begriff der Würde bemüht - so auch in der Diskussion um das Asylrecht und die Sozialhilfe.

          Und gleichzeitig beendet derjenige, der sich auf die Würde beruft, den Diskurs. Denn, so steht es auch im Grundgesetz, die Menschenwürde ist unantastbar. Sie ist ausnahmslos und abwägungsfest. Wer diese Absolutheit für sich in Anspruch nimmt, lässt keine Gegenrede mehr zu. Die Rhetorik um den Tod Maynards illustriert, wie verhärtet die Fronten beim Thema Sterbehilfe sind. „Sterben in Würde“ ist zum Kampfbegriff geworden.

          Inszenierung des Freitods als Homestory

          Eine amerikanische Sterbehilfeorganisation hat das Schicksal der jungen Frau benutzt, um für die Legalisierung der Sterbehilfe zu werben. Es ist sicher kein Zufall, dass der Verein „Compassion and Choices“ sich eine 29 Jahre alte, hübsche Frau für die Kampagne „Death with Dignity“ ausgesucht hat.

          Die mediale Aufbereitung erinnert an Homestorys der B-Prominenz: Bilder vom Hochzeitspaar in den kalifornischen Weinbergen, von ihrem Ehebett, vom Familienausflug zum Grand Canyon, dann Berichte über die geplante Familiengründung, Interviews mit dem Witwer über „unsere märchenhafte Liebe“.

          Brittany Maynards regelmäßige Videobotschaften vor ihrem Tod lassen an Countdowns vor der Fußball-Weltmeisterschaft oder Silvester denken. Von Todesangst keine Spur, nicht einmal von Krankheit. Die Rede ist nur von Liebe und positiver Energie. Ideales Material für Boulevardblätter, die sich auch in Deutschland dankbar bedient haben. Für eine solche Kampagne eignet sich eine neunzig Jahre alte Frau mit hängenden Wangen, Inkontinenz und Hirntumor freilich nicht.

          Maynards Tod soll Vorbild sein

          Mit Maynards Geschichte kann man Politik machen. Ihr Tod soll nicht erschüttern oder irritieren, sondern Vorbild sein. Bei allem Respekt für ihre persönliche Entscheidung - die Kampagne, für die sie sich zur Verfügung gestellt hat, sendet ein fatales Signal.

          Schon jetzt zählen der Verlust der Autonomie und die Angst vor Belastung der Angehörigen zu den Hauptgründen für Suizid. Statt alten, kranken und vereinsamten Menschen Hoffnung zu machen und Hilfe zum Leben anzubieten (etwa auf die Fortschritte in der Palliativmedizin hinzuweisen), machen die Kampagne und die lautstarke öffentliche Unterstützung zusätzlichen Druck, sich für den Tod zu entscheiden.

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