Home
http://www.faz.net/-gpg-150bw
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Donnerstag, 09. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Stell dir vor, es ist Krieg Die wunderbare Welt der Bischöfin Käßmann

19.01.2010 ·  Nach ihrer Wahl ins neue Amt blieb Margot Käßmann zunächst keine Zeit für Afghanistan. Nun lautet das Motto: „Wir haben die Moral, ihr die Probleme.“ Derart provoziert, erwächst manchem endlich frischer Mut.

Von Reinhard Bingener und Oliver Hoischen
Artikel Bilder (1) Video Lesermeinungen (31)

„Strong feelings“ habe Margot Käßmann beim Thema Krieg, sagt ein wichtiger Funktionär der EKD. Der Krieg oder zumindest der Kampf gegen ihn ist wesentlicher Teil ihres Lebens: Sie zählt zu der Pfarrergeneration, die um das Jahr 1985 in den kirchlichen Dienst eintrat und die zu einem Gutteil der Friedensbewegung zuzurechnen war. Als 1983 Hunderttausende im Bonner Hofgarten für Abrüstung und Frieden demonstrierten, da war Margot Käßmann mit dabei.

Für eine wie die EKD-Ratsvorsitzende musste der 4. September 2009 ein Schock gewesen sein. Zu den Filmaufnahmen und Fotografien der geborstenen Stahltanks und der verbrannten Reifen trat die Vorstellung von verkohlten Leibern. Wohl mehr als hundert Personen kamen an jenem Tag an einem Flusslauf im fernen Kundus ums Leben - durch amerikanische Bomben zwar, aber nach deutscher Anforderung. Bis auf die Linkspartei wollte aber keine Partei aus diesem Geschehen Profit im Bundestagswahlkampf schlagen. Gerade in den Reihen der SPD bissen sich viele auf die Zunge, gingen über diese Zäsur in der deutschen Nachkriegsgeschichte hinweg. Auch bei der nach der Wahl folgenden politischen Eskalation mit dem Rücktritt des früheren Verteidigungsministers Franz Josef Jung entfaltete diese historische Dimension keine politische Wucht; die Debatte verlor sich in der Frage, wer wann welchen Bericht kannte.

Auch Margot Käßmann hat lange geschwiegen. Bis zu ihrer Wahl zur Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland am 28. Oktober hatte die hannoversche Landesbischöfin sich ohnehin öffentliche Zurückhaltung auferlegt. Interviews wurden nicht gewährt, Pressemitteilungen aus ihrer Bischofskanzlei kamen spärlicher als sonst. Nach der Wahl blieb dann zunächst keine Zeit: Journalistenanfragen zuhauf, die Belastungen des neuen Amtes, der Tod Robert Enkes von Hannover 96. Afghanistan spielte keine Rolle - nach außen hin.

In der afghanischen Hauptstadt Kabul zündeten Taliban-Kämpfer mehrere Bomben.

Getötete Zivilisten sind die eine Seite

Frau Käßmanns Aufstieg in der Kirche vollzog sich im Ökumene- und Kirchentagsmilieu, und das teilte ihre Vision eines vom Kriege geläuterten Landes. Die traditionelle lutherische Theologie, deren ethische Pointen die Vermittlung eines geschärften Gewissens mit den Zwängen der Welt und ein politischer Antiklerikalismus sind, gilt in diesen Kreisen als „obrigkeitshörig“. Ein theologisches Problem damit, ihr gärendes Unbehagen in der Afghanistan-Frage nach außen zu tragen, hat Margot Käßmann also nicht. Und sie trägt das Thema schon länger mit sich herum, macht Andeutungen - und wählt dann die Zeit um Weihnachten und Neujahr, die Zeit der Friedensbotschaften. Dann sind die Türen der Redaktionen weit und die Kirchen können ausgiebig mahnen. Das ist zwar stärker von katholischer Herkunft. Die evangelischen Kirchen beteiligen sich daran aber dennoch unentwegt. Oft lautet das Motto: Wir haben die Moral, ihr die Probleme.

Die Ratsvorsitzende machte nun also Afghanistan zum Kern ihrer Friedensbotschaft: „Nichts ist gut in Afghanistan“, sagte sie in ihren Predigten zu Heiligabend und Neujahr und forderte „mehr Phantasie für den Frieden“. In Interviews mit der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ und der „Berliner Zeitung“ geht sie noch weiter: „Auch nach den weitesten Maßstäben der evangelischen Kirche ist dieser Krieg so nicht zu rechtfertigen“ und: „Möglichst bald sollten die deutschen Soldaten aus Afghanistan abgezogen werden.“ Sie will eine „Friedenssicherung ohne Waffen, etwa durch Mediation“, und sagt: „Für mich kann es keinen gerechten Krieg geben.“ Der Interviewer hakt nach - gelte denn diese Aussage auch für den Krieg gegen Hitler-Deutschland? Käßmann: „Das Argument lautet immer: Hätten die Alliierten nicht eingegriffen, hätte es keinen Frieden gegeben. Warum gab es vorher keine Strategien? Warum wurde die Opposition in Deutschland nicht gestärkt? Warum wurden die Gleise, die nach Auschwitz führten, nicht bombardiert?“

Es sind diese Äußerungen, die bei Kritikern den Verdacht nähren, hier spreche eine EKD-Ratsvorsitzende über Sicherheitspolitik wie eine Elftklässlerin. Denn getötete Zivilisten sind die eine Seite. Die andere Seite, das ist die Rückkehr von gedemütigten Armeen, ein bröselndes Bündnis und eine schutzlose Entwicklungshilfe in einem gescheiterten Staat, der zudem noch eine unkontrollierbare Grenze zu einer wankenden Atommacht hat. Es ist dennoch erstaunlich, wie hoch die Wellen der Kritik an Frau Käßmann schlagen. Denn sie hat wenig gesagt, was vorher andere nicht schon in ähnlicher Weise geäußert hatten - sie tat es nur unsachlicher und in einem hohen moralischen Ton.

Kritik begegnet sie dünnhäutig, aber mit Durchhaltewillen

Alle Parteien im Bundestag wissen, dass die Bundeswehr eine klare Abzugsperspektive braucht. „Im Bundestag gibt es niemanden, der die Bundeswehr für immer in Afghanistan lassen will“, sagt Hans-Peter Bartels, Verteidigungspolitiker der SPD. War kürzlich nicht sogar Außenminister Guido Westerwelle (FDP) so verstanden worden, als wolle er zur Londoner Afghanistan-Konferenz erst gar nicht anreisen, wenn diese zu einer reinen Truppenstellerkonferenz werden würde? Frau Käßmann hat die Debatte ordentlich befeuert - was ihr gutes Recht sei, sagt Bartels, nur dürfe sie jetzt nicht so tun, als sei sie überrascht darüber, dass ihr die einen jetzt so heftig widersprächen und die anderen sie instrumentalisierten.

Denn von Frau Käßmann reden alle: Die in dieser Sache so gern sprachlosen Politiker fühlen sich nun gedrängt, mehr denn je Farbe zu bekennen, auch wenn sie gleichzeitig zu Protokoll geben, die Aussagen der Bischöfin seien oberflächlich und ziemlich kenntnisfrei gewesen, und überhaupt wolle sie doch nur auf einer populistischen Welle reiten und Wasser auf die Mühlen ihrer Organisation lenken. Von Frau Käßmann provoziert, erwächst manchem endlich frischer Mut: So wirft Christian Ruck (CSU), der stellvertretende Vorsitzende der Unions-Fraktion im Bundestag, der Bischöfin vor, sie falle den deutschen Entwicklunghelfern in Afghanistan in den Rücken. Ruck verweist auf die Aufbauleistungen: die Schulen, die Straßen, die Stromanschlüsse, darauf, dass die Nordprovinzen drogenfrei seien. Wie könne die Bischöfin da sagen, nichts sei gut in Afghanistan? Und noch etwas kreidet der CSU-Politiker ihr an: „Käßmann nimmt nicht wahr, warum wir am Hindukusch sind.“ Wer habe denn das World Trade Center angegriffen? Und die Anschläge in Madrid und London verübt? Nach wie vor werde die Sicherheit Deutschlands am Hindukusch verteidigt. „Die evangelische Kirche soll sich für die Bedrängten einsetzen, für die Opfer der Terroristen und der Schreckensherrschaft der Taliban, für die Frauen und Kinder“, schreibt Ruck der Bischöfin ins Pflichtenheft.

In Berlin ging sie in der vergangenen Woche von Tür zu Tür: Sie traf sich mit Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) und mit SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier, sie sprach mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und war zu Gast bei der CDU-Klausurtagung. Klein beigegeben hat sie bei diesen Gelegenheiten nicht; die Hauptstadt lernte eine Ratsvorsitzende kennen, die Kritik etwas dünnhäutig, aber mit großem Durchhaltewillen begegnet. Und sogar den Grünen, die sich in Weimar zu ihrer alljährlichen Beratung zurückgezogen hatten, lieferte sie Munition für neuen Streit. Denn Ralf Fücks, Leiter der den Grünen nahestehenden Heinrich-Böll-Stiftung, war es gewesen, der Käßmann schon wenige Tage nach ihrer Predigt scharf angegriffen hatte: Wer unter Berufung auf christliche Werte prinzipiell gegen den Einsatz militärischer Macht sei, überlasse denen das Feld, die keine Skrupel hätten, im Namen der Nation, Gottes oder der Revolution zu töten, schrieb Fücks in einem Zeitungsbeitrag - und brachte damit die halbe Partei in Aufruhr, die über den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr schon seit langem heftig diskutiert. Mehr als hundert Parteilinke forderten Fücks, den grünen Vordenker und Realpolitiker, in einem langen Schreiben auf, von seinem Amt zurückzutreten.

Ihre Sätze können erstaunlich religiöse Kraft haben

Auch ein Dutzend Bundestagsabgeordnete der Grünen machten die Bischöfin zu ihrer Kronzeugin: Zusammen mit einigen Landesvorsitzenden schrieben sie ihr einen Brief, um sich ausdrücklich für ihre Predigt zu bedanken. „Banalität, Naivität und Mangel an Differenzierung wird Ihnen vorgeworfen, zu unserem Bedauern auch von einem Kovorsitzenden der Heinrich-Böll-Stiftung“, heißt es da. Und: „Wir wünschen uns Kirche, die auf der Grundlage des christlichen Menschenbildes zivile Opfer in Afghanistan genauso hoch bewertet wie Terroropfer im Westen.“

Auch Frau Käßmanns evangelische Bischofskollegen springen ihr bei. Viele von ihnen teilen innerlich ihre Ansicht, andere wollen der gerade gewählten Ratsvorsitzenden nicht in den Rücken fallen. Denn die evangelische Kirche profitiert von Frau Käßmann, das erkennen alle an. Wenn Frau Käßmann spricht, findet das im Unterschied zu ihren Kollegen Gehör. Wer kennt schon den Namen seines Landesbischofs? Bei Frau Käßmann ist das anders, an ihr kristallisiert sich das öffentliche Interesse. Und sie versteht es, über ihre eigene Lebensgeschichte auch eine Fülle menschlicher Biographieschnipsel religiös zu deuten. Ihr Rezept: Sie spricht von sich selbst, erzählt von einem seelsorgerlichen Gespräch mit einem Betroffenen, hat einen passenden Bibelvers parat und einen treffenden Lutherspruch obendrein. Das ist einfach, aber dabei gut und sehr professionell gemacht. Frau Käßmanns Sätze können erstaunliche religiöse Kraft haben.

Auch bei einem Thema wie Afghanistan weicht sie von ihrem bewährten Verfahren reduzierter Komplexität nicht ab. Und man sollte sich nicht täuschen: Die Mehrheit im Land stimmt Margot Käßmann zu - zumindest hat sie mit ihren Einlassungen der evangelischen Kirche mehr Gehör verschafft als jede EKD-Denkschrift das jemals zu tun vermochte. Einer ihrer Kollegen formuliert das Dilemma der Kirche so: „Wir schreiben kluge Denkschriften, aber das hört ja keiner. Die Presse geht dann einfach so darüber hinweg.“

Insofern ist Frau Käßmanns Vorstoß also ein Öffentlichkeitserfolg. Doch ihr Debattendebüt als Ratsvorsitzende könnte auch Kollateralschäden zeitigen: Teile jenes politischen Spektrums, das Mahnungen der Kirche bisher für eigene Überlegungen berücksichtigt hat, wird diese leichter als klerikalen Opportunismus abtun können. Nicht zuletzt, weil Frau Käßmann an keiner Stelle gesagt hat, wie aus der von ihr geforderten Phantasie Wirklichkeit werden könnte. Und selbst aus der Kirche heißt es: Mit ihren Äußerungen zur Sicherheitspolitik hat sie sich auf ein Feld gestellt, auf dem sie nicht gewinnen kann.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Ein Herz für Sünder

Von Berthold Kohler

Verkehrsminister Ramsauer hat wie die gesamte CSU ein Herz für Sünder - darum wird er noch eine schöne Lösung für den Altbestand an Punkten finden. Autofahrer sind schließlich auch nur Wähler. Mehr