Mit seinem Auftritt am Dienstag hat Peer Steinbrück das Thema Nebeneinkünfte ein für alle Mal abräumen wollen. Ein paar Tage später kann man sagen: Das ist schiefgegangen. Die Aufstellung, die nach Steinbrücks Einschätzung „vollständige Transparenz“ herstellt, wirft nämlich noch immer Fragen auf.
Zunächst ist da die Sache mit den Stadtwerken Bochum, von denen Steinbrück ausweislich des Berichts der Wirtschaftsprüfer das höchste unter all seinen Honoraren erhalten hat: 25000 Euro. Wie kam es dazu, dass ein Unternehmen einer klammen Stadt Steinbrück so viel Geld zahlt - und wie kann es sein, dass Steinbrück ausgerechnet von so einem Unternehmen so viel Geld annimmt?
Die Stadtwerke behaupteten gegenüber der F.A.S. schon am Mittwoch, sie hätten mit der Agentur Hellen Medien Projekte GmbH, über die Steinbrück engagiert wurde, „in E-Mails“ festgelegt, dass Gäste für ihren Auftritt im Rahmen des sogenannten Atriumtalks kein Honorar bekämen. In einer Pressemeldung der Stadtwerke zu so einer Veranstaltung am 9. Mai 2011 hieß es denn auch: „Alle Honorare kommen wohltätigen Zwecken zugute.“
Honorar sollte gespendet werden
Der Talk, so war am Mittwoch, als die Presseabteilung der Stadtwerke noch mit der Presse redete, zu erfahren, sei nämlich eine „Charity-Reihe“, die den eigenen Anspruch, ein „Charity-Leuchtturm“ zu sein, untermauern solle. Dementsprechend gehe es in der Veranstaltung - Steinbrück sei vom Sportreporter Werner Hansch „etwa zwei Stunden“ befragt worden - um die „menschliche, karitative Seite“ der Gäste. Da traf es sich gut, dass Steinbrück gerade wohlgelaunt vom Revierderby kam - Dortmund, der Verein, in dessen Aufsichtsrat er sitzt, hatte Schalke geschlagen.
Für die Stadtwerke war zumindest noch am Mittwoch klar, dass es in so einem Umfeld gar keinen Zweifel geben konnte, dass das Geld zu spenden sei, und zwar nicht etwa „an irgendeine Rockband“, sondern für einen karitativen Zweck. Kontrolliert habe man das aber nicht. Vielmehr habe man das Honorar an die Agentur weitergeleitet, damit diese es wiederum an Steinbrück weiterleitet - ein seltsamer Umweg, wenn das Geld wirklich als Spende gedacht war.
Steinbrück war nicht der einzige prominente Gast, den die Stadtwerke im Bemühen um Glanz in ihrer Hütte verpflichteten. Peter Maffay war da, Senta Berger, Joschka Fischer, Joachim Gauck und Uli Hoeneß. Bis Freitagnachmittag war allerdings trotz allseitiger Anfragen nur von Peter Maffay zu erfahren, wie genau er mit seinem Honorar verfahren ist: Er hat es komplett an seine Stiftung gegeben, die sich für benachteiligte Kinder und Jugendliche einsetzt.
20.000 Euro für Vortrag und Lesung
Steinbrück hingegen sagt, von einer Spende sei nie die Rede gewesen. Der Briefverkehr zwischen der Agentur und ihm stützt nach F.A.S.-Informationen diese Version. Was er nicht beantwortet: Warum Steinbrück, der sich selbst bei großen Banken mit einem Honorar von 15.000 Euro bescheiden musste, kein Störgefühl bekam, als ihm die Stadtwerke 10.000 Euro obendrauf anboten.
Eine zweite Auffälligkeit bezieht sich auf die Bausparkasse Schwäbisch Hall. Steinbrück teilt mit, er habe da für einen „Vortrag anlässlich der Hauptversammlung“ ein Honorar von 20.000 Euro bekommen. So viel Geld ausgerechnet bei den Schwaben. Ein Sprecher der Bausparkasse erklärt das gegenüber der F.A.S. so: Steinbrück habe das Geld nicht nur für den angezeigten Vortrag im April 2011 bekommen, sondern auch für eine Lesung aus seinem Buch „Unterm Strich“ im Oktober davor. Es habe sich also um ein „Paket“ gehandelt, das auch zusammen abgerechnet worden sei.
Das würde manches erklären. Steinbrück bestreitet allerdings, dass es so war. Auch in seinem Bericht ist von zwei Terminen keine Rede. Auf die Frage, wie es zu erklären sei, dass er bei der Bausparkasse 20.000 Euro erhalten habe, lässt der SPD-Kanzlerkandidat über einen Parteisprecher ausrichten: „Das müssten Sie den Veranstalter fragen.“
Transparenz sieht anders aus
Auf die weitere Frage, ob es dabei um zwei verschiedene Veranstaltungen gegangen sei, die nur zusammen abgerechnet wurden, teilt der Sprecher mit: „Nein.“ Ist also die Bausparkasse falsch informiert? Oder hat Steinbrück sich geirrt, so, wie er es nach eigenen Angaben auch „verschwitzt“ hat, zwei meldepflichtige Vorträge anzuzeigen? Wie auch immer: Vollständige Transparenz sieht anders aus.
Das gilt auch für den Verdienst aus seinen beiden Büchern, über den Steinbrück nichts sagen will. Sowohl „Unterm Strich“, um dessen Rechte sich allein neun Verlage bemüht hatten, als auch der Gesprächsband „Zug um Zug“, den er zusammen mit Helmut Schmidt veröffentlichte, haben sich verkauft wie geschnitten Brot. Steinbrück sagt, dass er über den wirtschaftlichen Erfolg seiner Bücher schweige, weil hier nicht der Verdacht bestehe, dass er sich als Autor in eine Abhängigkeit begeben habe.
Zudem könne er zu den Einkünften aus dem Buch mit Schmidt nichts sagen, weil er ja dann Schmidts Honorar mit preisgeben würde. Auch der Verlag Hofmann und Campe will zu Auflagen und Honoraren nichts sagen - auch nichts zum angeblich sechsstelligen Garantiehonorar. Eine Annäherung ist aber möglich. Nach Zahlen des Marktforschungsunternehmens Media Control hat sich Steinbrücks erstes Buch etwa 120.000 Mal verkauft. Zieht man, wie üblich, vom Ladenpreis 7 Prozent Mehrwertsteuer ab und berechnet für Steinbrück einen konservativen Autorenanteil von zehn Prozent des Verkaufspreises, dann hätte er mit diesem Buch knapp 259.000 Euro verdient.
Ein „illustrer Redner“
Die Taschenbuchausgabe von „Unterm Strich“ brächte es nach derselben Rechnung auf rund 37.000 Euro. Das gemeinsame Buch mit Helmut Schmidt verkaufte sich mehr als 153.000 Mal. Legt man selbiges Schema zugrunde und berechnet für Steinbrück die Hälfte des Autorenanteils, kommt man auf einen Betrag von knapp 178.000 Euro. Steinbrück hätte also nach dieser konservativen Schätzung 474.000 Euro durch seine Bücher verdient.
Am fehlenden Geld kann es also nicht gelegen haben, dass Steinbrück sein Standardhonorar als Redner in Höhe von 15.000 Euro nicht nur bei den großen Playern der Bankenbranche verlangte, sondern auch von einigen Sparkassen und Genossenschaftsbanken. Warum er da so häufig eingeladen wurde? Auch da lautet Steinbrücks lapidare Antwort: „Das müssten Sie die Veranstalter fragen.“ Fragen wir also. Bei der Volksbank Dortmund heißt es: „weil er ein illustrer Redner ist“. Bei der Volksbank Mittelhessen, von der Steinbrück gleich zwei Mal zu Hauptversammlungen eingeladen wurde: „Heute reicht es nicht mehr, Freibier und Schnitzel anzubieten.“
Am Rande einer solchen Versammlung lobte Steinbrück die Sparkassen und Volksbanken und zeigte sich bereit, ihre Anliegen politisch zu unterstützen. Den Verdacht, dass das der eigentliche Sinn hinter der Einladung Steinbrücks gewesen sei, halten freilich alle Sparkassen und Volksbanken, bei denen Steinbrück aufgetreten ist, für abwegig.
Der frühere Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands, Ludwig Poullain, der einst gefordert hatte, die Sparkassen „aus den Klauen der Bevormundung“ der Politik zu befreien, stimmt dieser Sicht sogar zu. Seiner Einschätzung nach haben die lokalen Bankvorstände überhaupt nicht die Macht, Lobbying zu betreiben, ihnen gehe es nur darum, sich in ihrem Umfeld damit zu brüsten, eine Koryphäe wie Steinbrück bekommen zu haben.
Ganz so schwierig scheint das allerdings nicht gewesen zu sein. Schließlich ist es selbst der Alliance Möbel Marketing GmbH gelungen, Steinbrück für einen Vortrag im Rahmen der „Küchen-Kompetenz-Tage“ 2010 nach Bad Neuenahr zu locken. Auf die Frage, was Herr Steinbrück zu dieser Veranstaltung an Fachkompetenz beisteuern konnte, antwortete der SPD-Sprecher: „Da müssten Sie den Veranstalter fragen.“
Spitze des Eisbergs
Beat Horn (starfish007)
- 05.11.2012, 19:41 Uhr
Man nehme einen Piranha aus den Sumpfgewässern des Orinoko, setze
ihm ne Brille auf
Axel Balsero (Balsero)
- 05.11.2012, 13:40 Uhr
Vielmehr habe man das Honorar an die Agentur weitergeleitet, damit diese
es wiederum an Steinbrück
Axel Balsero (Balsero)
- 05.11.2012, 13:27 Uhr
Schließlich ist es selbst der Alliance Möbel Marketing GmbH
gelungen, Steinbrück für einen Vortrag
Axel Balsero (Balsero)
- 05.11.2012, 13:07 Uhr
Steinbrück
Bernhard Selker (bernhardselker)
- 05.11.2012, 06:07 Uhr