Die erste Kanzlerkandidatenwoche Steinbrücks hätte auch schlimmer laufen können - wenn nämlich die SPD sich gleich einen anderen hätte suchen müssen. Trotzdem wird es, so steht zu vermuten, sehr schwer werden für Steinbrück, und noch mehr für die Genossen, die nächstes Jahr Wahlkampf für einen Kandidaten führen müssen, der sich bereits als Genosse der Bosse präsentiert, bevor er ins Kanzleramt eingezogen ist. Schröder hatte damit wenigstens gewartet, bis er drin war. Das scheint Steinbrücks größtes Problem: Er hat das politische Pharisäer-Modell umgedreht.
Steinbrück ist selbst gewiss kein Pharisäer. So heißt vielmehr ein Getränk, das der Kandidat aus seiner Zeit im Norden kennt: unten Rum, darüber gezuckerter Kaffee, obendrauf die fette Sahneschicht. Diese Westküsten-Spezialität symbolisiert zugleich ein geglücktes Politikerleben. Man muss sich nur ein winzig kleines Wesen in einer großen Tasse vorstellen, das eifrig von ganz unten nach ganz oben strebt und paddelt. Unten, in den Anfängen, der Rumregion, gleicht die Politik noch einem Rausch. Begeisterung, ja Enthemmung sind reichlich im Spiel, doch der Blick ist benebelt und die Zunge ungehorsam. Diesen kurzen, aber bewegten Anfängen folgt der lange politische Lebens- und Leidensweg wie durch die Kaffeebrühe: ein bisschen süß, auch ganz schön bitter, aber wenn es gut geht, eben aufwärts. Manche freilich müssen drunten sterben, sie bleiben auf der Strecke. Doch andere schaffen es bis ganz nach oben und sind endlich frei. Es beginnt das Absahnen.
Aber, das weiß jeder Friese: Man darf einen Pharisäer auf keinen Fall umrühren! Und eben das hat Steinbrück getan. Vielleicht ist es ihm auch nur passiert. Zwar hat er es nicht grundsätzlich anders gemacht als Schröder, Riester, Fischer, Clinton o.ä. etc. pp. Und da hat ja auch keiner was dagegen; jedenfalls kann keiner was dagegen machen. Aber entscheidend bleibt beim Pharisäer immer: Abgesahnt wird hinterher, nicht vorher und schon gar nicht mittendrin. Das kommt nämlich, zum Beispiel bei Leuten, denen man gerade noch vorgerechnet hat, dass sie als Rentner massenweise auf Sozialhilfeniveau sinken, nicht so wahnsinnig gut an. Solche Leute müssen nicht mal links sein, es reicht schon, dass sie knapp bei Kasse sind - wie ungefähr die Hälfte der Bevölkerung.
Der Kandidat lockt seine Gegner aufs Glatteis
Jetzt lacht sich der politische Gegner natürlich ins Fäustchen, denn wie gesagt: Steinbrücks erste Kandidatenwoche hätte zwar schlimmer laufen können, aber viel schlimmer nun auch wieder nicht. Die denken, Steinbrück habe sich verkalkuliert, habe geglaubt, dass seine Karriere schon zu Ende sei, zu früh abgesahnt. Was die Gegner nicht wissen: dass sie der Kandidat geschickt aufs Glatteis lockt. Steinbrück hat nie vergessen, dass sein einstiger Chef, Minister Hans Matthöfer, die eigenen Redehonorare an notleidende Sozialisten in Spanien, Portugal oder Chile weitergab. Von diesem Vorbild hat Steinbrück gelernt.
Wenn er den politischen Gegner lange genug hat kommen lassen, wird Steinbrück überraschend mitteilen, was er mit all dem Geld aus dem systemrelevanten Sektor gemacht hat, womöglich eine siebenstellige Summe. Nämlich denkste: Er hat es nicht für sich verwandt, sondern alles gespendet! Ein Drittel ging an die Arbeiterwohlfahrt, ein Drittel hat er dem Arbeitersamariterbund überwiesen, und das letzte gab Steinbrück an die Partei, der er seinen Aufstieg verdankt. Das wird ein böses Erwachen für die Union, für die FDP, sogar für die Linke. Ein solcher Kandidat hat gute Chancen auf 40 und mehr Prozent. Nicht wahr?
Echt pfiifig
Johann Prossliner (Prossliner)
- 14.10.2012, 12:31 Uhr
Journalistisch reizvoll:
Hans-Jörg Rechtsteiner (hhrr)
- 14.10.2012, 11:22 Uhr
Da kennen Sie die SPD aber schlecht
thomas schulz (peanutbutter)
- 14.10.2012, 10:32 Uhr
Immer grüßt das Schlitzohr?
Horst Ziegler (pacificatore)
- 14.10.2012, 10:22 Uhr
Wenn die anderen so blöd sind und den Köder schlucken ...
Sonia Pils (kaffeetee)
- 14.10.2012, 10:00 Uhr