09.03.2007 · Die CSU kann sich prächtig selbst parodieren. Kein leichtes Spiel also für die Nockherberg-Satiriker, das christsoziale Kabarett zu übertreffen. Zum Abschied wurde Edmund Stoiber bei der Salvatorprobe noch einmal „derbleckt“. Berthold Kohler war dabei.
Von Berthold Kohler, MünchenWas ist das Geheimnis des Erfolges der CSU? Sie erledigt all die wichtigen Dinge im Freistaat selbst, und das mit beachtlichen Ergebnissen. Nicht nur, dass sie gerne regiert. Der SPD und den anderen wenig bekannten Kleinparteien in Bayern führt die CSU aus Sorge um das Mehrparteiensystem auch vor, wie man eine ordentliche Opposition macht. Selbstverständlich lässt eine staatstragende Universalpartei wie die CSU daher auch nicht zu, dass die Zwerge in der Nachbarschaft ihren Ministerpräsidenten und Parteivorsitzenden demontieren. Nein, um die wichtigen Angelegenheiten kümmert die CSU sich schon selbst, so auch um das Unterhaltungsprogramm für die bayerischen Wähler, denen im Zweifel eine schöne Parteiintrige immer noch lieber ist als ein weiterer Vortrag darüber, warum der Gesundheitsfonds nicht funktioniert oder wieso der Münchner Hauptbahnhof in Wahrheit ein Flughafen ist.
Das ist wohl auch ein Grund dafür, dass die bayerischen Wähler ausweislich der Umfrageergebnisse die sogenannte größte Krise der CSU eher für großes Kabarett gehalten haben. Auch auf diesem Gebiet verfügt die CSU in ihren Reihen über viele Talente, die im vergangenen halben Jahr zur Form ihres Lebens aufliefen.
Kalkulierte Majestätsbeleidigung
Das ist die überaus schwierige Ausgangslage, mit der sich die hauptberuflichen Satiriker konfrontiert sahen, die in diesem Jahr zur Starkbierprobe auf dem Nockherberg wieder das Recht des bayerischen Souveräns zur kalkulierten Majestätsbeleidigung auszuüben hatten. Was tun, da die CSU auch das noch selbst in die Hand genommen hat?
Es geht um das „Politiker-Derbleckn“, das sich nur unzureichend mit „veralbern“ ins Hochdeutsche übersetzten lässt. Kurz gesagt handelt es sich um ein Ritual aus Rede und Singspiel, in dem die wahre Natur der Politik und ihrer Protagonisten enthüllt wird. Die Politiker, die derbleckt werden, müssen sich in diesem Moment der Wahrheit heftig auf die Schenkel schlagen und so unbändig lachen, wie sie es noch nie in ihrem Leben getan haben oder höchstens schon einmal auf dem Nockherberg.
Fast jeder, der durch das Starkbier gezogen wird, ist froh, weil er nur dann etwas ist und darstellt in Bayern und sogar im Bund. Guido Westerwelle etwa gehört zu den Stammgästen im „Paulaner-Bräu“. Dass die bayerische SPD nicht weniger gerne derbleckt wird, und sei es als „Generation Praktikum“, muss man wohl nicht lange erklären.
Unerschöpfliche bayerische Toleranz
Mit Westerwelle und der SPD hatte das Nockherberg-Ensemble auch in diesem Jahr wieder leichtes Spiel. Die bange Frage lautete vielmehr: Ist die Aufführung der CSU von Kreuth noch zu schlagen? Wie kommen Schauspieler damit zurecht, wenn die Gestalten, denen sie all die Jahre möglichst nahe kommen wollten, ihnen selbst auf den Pelz rücken?
Schon der Titel des diesjährigen Singspiels zeigte, wie begrenzt die Ausweichmöglichkeiten der Komödianten sind, wenn es die Politiker wirklich darauf anlegen, sie arbeitslos zu machen: „Staatszirkus“ - das hätte auch gut als Überschrift für eine Dokumentation des Bayerischen Rundfunks über die CSU gepasst.
Den Veranstaltern war die Sache so unheimlich geworden, dass sie wenigstens bei der Salvator-Rede jeder Verwechslungsgefahr aus dem Wege gehen wollten und einen neuen Mann an die Derbleckn-Front schickten, der sich schon namentlich von seinen Opfern abhob. In die Fußstapfen solcher kraftvoller Doppelbock-Redner wie dem Weiß Ferdl, dem Roider Jackl, Walter Sedlmayr und zuletzt Bruno Jonas trat zum ersten Mal ein Türke namens Ugur Bagislayici, auch als Django Asül bekannt. Das hat zwar manchen bayerischen Stammtisch veranlasst, ein Protestschreiben an die ausrichtende Brauerei zu schicken. Doch was sind schon ein paar Unverständige, wenn es darum geht zu zeigen, wie weltoffen und liberal man in Bayern ist.
Sehr nahe an der Gürtellinie
Der in Niederbayern aufgewachsene Asül gab sich denn auch alle Mühe, die Unerschöpflichkeit der bayerischen Toleranz unter Beweis zu stellen. Sollte der Kabarettist den „unfreiwilligen Humoristen“ Stoiber schonen, wenn dessen eigene Partei dafür nur begrenzte Notwendigkeit sah? Er tat es nicht, und der Saal lachte trotzdem. Der Proporz blieb ja gewahrt.
Auch alle anderen Großkopferten der CSU bekamen ihr Fett weg: der „schleimige“ Söder, das „Ochsenluder“ Ramsauer und natürlich das Kronprinzenduo Beckstein und Huber, sauber austariert. Nur Seehofer, der diesmal keinen wichtigeren Termin in Krefeld hatte, stach heraus. In seinem Fall ging Asül, von der Natur der Sache dazu verleitet und bemüht, den Unterschied zwischen der Realität und ihrer künstlerischen Aufarbeitung noch kenntlich werden zu lassen, sehr nahe an die Gürtellinie heran. „Gschert“ nennt man das mit dem Ausdruck der Missbilligung in Bayern; Sedlmayr war ein Großmeister dieser Disziplin.
Sie oder ich?
Seehofer überstand aber auch das. Er machte gute Miene zum bösen Wort vom „Spagat zwischen seinem Privatleben und seiner Familie“, wie auch Stoiber ertragen musste, dass sein Abgang als Intrigenspiel von Komikern inszeniert wurde, die sich um den Posten des Oberclowns balgen. Wenigstens kam Frau Pauli nur als Minirolle vor, die herumgeschubst wurde. Sogar die Tierpflegerin Claudia Roth durfte mehr sagen. Damit ist das politische Schicksal der schönen Fürther Landrätin in der CSU besiegelt. „Die werd' nix mehr“, hieß es im Publikum.
Wie sehr in diesem Jahr die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Schauspiel in Bayern verschwommen sind, hatte sich schon vor Beginn des Trauerspiels gezeigt. Der kongeniale Stoiber-Darsteller Michael Lerchenberg wurde mit einer Medaille dafür geehrt, zum vierundzwanzigsten Male auf der Bühne zu stehen. Das sei wohl als kleiner Hinweis zu verstehen, dass es Zeit geworden sei aufzuhören, meinte er. Als der Saal klatschte und johlte, sagte Lerchenberg, zu Stoiber gewandt, er wisse jetzt gar nicht, wer gemeint sei: sie oder ich?
Zum Ende der Aufführung, aber noch mitten in einem Klagelied über Treue und Untreue, schwere Stunden und nicht heilende Wunden, stieg der Schauspieler von der Bühne herunter und umarmte zum Abschied den Mann, ohne den es die Rolle seines Lebens nicht gegeben hätte. Da wurde es so manchem im Saale erst richtig klar: Der Vorhang ist tatsächlich gefallen. Er geht wirklich. Es ist kein Kabarett gewesen.