Home
http://www.faz.net/-gpf-7539s
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Sprengsatz in Bonn Das deutsche Zentrum des Dschihadismus

In Bonn kreuzen sich die Wege zahlreicher militanter Islamisten. Nun ist die Stadt nur knapp einem Bombenanschlag entgangen - mutmaßlich durchgeführt von einer Schlüsselfigur der Szene.

© dapd In dieser Tasche wurde später der Sprengsatz gefunden.

Vier Gaskartuschen aus dem Baumarkt, jede mit 500 Millilitern Inhalt, dazu diverse Batterien, ein mit Ammoniumnitrat gefülltes Metallrohr und Nägel - das sind die Bausteine für die Bombe, die vor sechs Tagen auf dem Bonner Hauptbahnhof gefunden wurde. Bei einer Explosion wäre ein Feuerball entstanden, Metallsplitter wären durch die Luft geflogen, es hätte wohl Tote und Verletzte gegeben. Doch Deutschland hat wieder einmal Glück gehabt.

Markus Wehner Folgen:

Dass die ehemalige Bundeshauptstadt nur knapp einer Katastrophe entgangen ist, wurde am Freitag klar. Ermittler des Landeskriminalamts Nordrhein-Westfalen berichteten, die Bombe sei gezündet worden, aber wegen eines Baufehlers nicht detoniert. Die Bombenbauer hätten den Draht einer Glühbirne statt eines Boosters, eines Sprengsatzverstärkers, benutzt. Dadurch war die Zündung nicht stark genug, um die Bombe zur Explosion zu bringen.

Die Batterien, die in der Tasche gefunden worden seien, hätten einen niedrigen Ladestand gehabt, was darauf hinweise, dass die Zündung erfolgt sei. Zudem seien Schmauchspuren in den Resten der Tasche gefunden worden, in der die Bombe transportiert worden sei. Ein Spezialkommando hatte am Montag mit einem Wassergewehr die Bombe unschädlich gemacht, nachdem diese von zwei Jugendlichen auf Gleis 1 des Hauptbahnhofs entdeckt worden war.

Begründeter Verdacht

Dass die Bombe wegen einer fehlerhaften Konstruktion nicht explodierte, erinnert an die aus dem Libanon stammenden „Kofferbomber“. Sie hatten im Juli 2006 am Hauptbahnhof Köln in zwei Regionalzügen je einen Rollkoffer mit einem Sprengsatz abgestellt. Auch damals detonierten die Bomben nicht, weil die Attentäter einen Fehler bei deren Bau gemacht hatten. Am Freitagabend übernahm die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe die Ermittlungen. Es gebe Anhaltspunkte, dass der versuchte Sprengstoffanschlag einer terroristischen Vereinigung radikalislamistischer Prägung zuzurechnen sei, hieß es.

Dreh- und Angelpunkt für die Übernahme der Ermittlungen durch die Bundesanwaltschaft ist der Mann, der die Bombe auf dem Gleis abstellte. Nach Angaben der beiden Jugendlichen handelt es sich um einen 30 bis 35 Jahre alten, 1,90 Meter großen, schlanken und dunkelhäutigen Mann. Die Bundesanwaltschaft hat einen begründeten Verdacht, wer der Mann sein könnte. Er soll aus der radikalen Bonner Islamisten-Szene stammen und dort eine Schlüsselfigur sein. Aufgrund seiner zahlreichen Verbindungen geht man davon aus, dass der Anschlag von einer Gruppe, einer inländischen terroristischen Vereinigung, geplant worden ist.

Ein Mittäter soll die Bombe zum Bahnhof transportiert und sie dann an den Mann übergeben haben, der sie auf dem Gleis abstellte. Bei dem Mittäter handelt es sich um einen kräftigen, hellhäutigen Mann mit Vollbart, der ein Konvertit sein könnte. Ihn hatte eine Videokamera in einem McDonald’s-Restaurant am Bonner Bahnhof aufgenommen, als er am Montagmittag die Tasche mit sich trug - die Polizei fahndet nun mit Hilfe des Videos. Der Mann soll die Tasche danach dem dunkelhäutigen Mann übergeben haben. Eine weitere, bisher nicht veröffentliche Filmsequenz soll das zeigen.

PK Polizei Köln Mehr braucht es nicht: Materialien, wie sie die Bonner Bombenbauer benutzt haben © dpa Bilderstrecke 

Die Ermittler gingen von Anfang an davon aus, dass die Bombe von militanten Islamisten stammt. Schon am Dienstag hatte die Polizei zwei den Behörden bekannte Islamisten festgenommen, musste sie aber bald wieder auf freien Fuß setzen. Einer der beiden ist der Deutsch-Somalier Omar D. Ein jugendlicher Zeuge will ihn als den Dunkelhäutigen erkannt haben, der die Bombe abgestellt habe. Omar D. gilt den Behörden seit Jahren als Mitglied des harten Kerns der Bonner Szene militanter Islamisten.

Er wurde am 26. September 2008 von der Polizei am Flughafen Köln/Bonn aus einem startbereiten Flugzeug geholt, weil die Behörden annahmen, dass er und sein Begleiter über Amsterdam nach Entebbe in Uganda reisen wollten, um von dort nach Somalia zu gelangen. Dort wollten sie sich offenbar der radikalislamistischen Al-Shabaab-Miliz anschließen. Im Gepäck der Reisenden wurden damals Abschiedsbriefe gefunden.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Fotoversand per WhatsApp Attentäter in Frankreich machte Selfie mit dem Kopf seines Opfers

Der Attentäter, der ein Gaswerk nahe Lyon attackierte und seinen Vorgesetzten enthauptete, hat nach seiner Tat ein Selfie mit dem Kopf seines Opfers über den Chat-Dienst WhatsApp verschickt. Nun forschen die Ermittler nach dem Adressaten. Mehr

27.06.2015, 20:52 Uhr | Politik
Somalia Kämpfe in Hotel in Mogadischu halten an

Nach dem Islamisten-Angriff auf ein Hotel in der somalischen Hauptstadt Mogadischu halten die Gefechte an. Behörden berichten, dass bereits mehrere Menschen ums Leben gekommen seien. Ein Sprecher der al Shabaab-Miliz sagte, seine Gruppe stecke hinter dem Anschlag. Mehr

28.03.2015, 10:37 Uhr | Politik
Islamisten aus Hessen Immer mehr werden zu Gotteskriegern

Rund 120 hessische Islamisten kämpfen mittlerweile in Syrien und im Irak. Damit hat sich ihre Zahl in nur einem Jahr fast verdoppelt. Der Anteil der Frauen und Mädchen unter den Dschihadisten steigt. Mehr Von Helmut Schwan

03.07.2015, 14:30 Uhr | Rhein-Main
Al Shabaab-Miliz 147 Tote bei Massaker auf Universität in Kenia

Bei einem Anschlag der islamistischen al Shabaab-Miliz auf eine Universität in Kenia wurden 147 Menschen getötet und fast 80 Menschen verletzt. Mehr

03.04.2015, 10:45 Uhr | Politik
Nach dem Anschlag in Tunesien Tausende Urlauber reisen vorzeitig ab

Nach dem Terroranschlag in Tunesien treten tausende Urlauber überstürzt ihre Heimreise an. Unter den mindestens 38 Toten ist auch ein Deutscher, wie Außenminister Steinmeier bestätigte. Tunesien will jetzt 80 Moscheen schließen lassen. Mehr

27.06.2015, 14:35 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 16.12.2012, 09:22 Uhr

Der schmale Grat der AfD

Von Justus Bender

Die Spaltung der AfD ist auch ein Ergebnis der taktischen Spielchen von Bernd Lucke und Frauke Petry. Beide wandeln auf einem schmalen Grat. Und beide haben sich verzockt. Mehr 6 7