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Sportlicher Trend Die Fahrradrevolution

15.11.2009 ·  Ob in Freiburg, Münster oder Berlin: Immer mehr Deutsche lassen ihr Auto stehen und schwingen sich stattdessen aufs Fahrrad. Auch die Politik hat den neuen Trend längst entdeckt - und fördert ihn nach Kräften. Längst ist aus dem Trend ein Boom geworden: eine Fahrradrevolution.

Von Oliver Hoischen
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Mit Fahrrädern kennt sich Guido Zielke aus, gleich drei davon hat er zu Hause, für jeden Anlass eines: ein Mountainbike, ein Stadtrad und ein Einkaufsrad. Und auch zur Arbeit würde er gern mit dem Rad fahren, bis zur Filiale des Bundesverkehrsministeriums in der Krausenstraße mitten in Berlin, doch fehlen dort die Duschen, und Zielkes Weg ist weit. Dafür gibt es Dienstfahrräder: acht Stück. Und einen überdachten Fahrradständer rechts vom Eingang. Sonst weist von außen nichts darauf hin, dass hier das Fahrradreferat des Ministeriums residiert. Dessen Leiter natürlich ebendieser sympathische Ministerialrat Guido Zielke ist. Seine Kollegen Autobahnbauer mögen spöttisch auf ihn herabsehen – die rund hundert Millionen Euro, die der Bund jährlich zur Förderung des Radverkehrswesens in Deutschland ausgibt, sind nicht wirklich viel. Doch ist Zielke, Deutschlands oberster Fahrradbeamte, der lebende Beweis: Jetzt ist auch die Politik aufs Rad gekommen.

Inzwischen tut es ja fast jeder. In Zielkes Worten: „Wer heute Rad fährt, gehört schon lange nicht mehr zu den Ökos oder den armen Studenten.“ Das Fahrrad sei anerkannter als früher. Man muss sich nur die Statistik anschauen: Inzwischen werden in Deutschland rund 17 Prozent mehr Wege mit dem Rad zurückgelegt als noch im Jahr 2002. Damals, zu rot-grünen Regierungszeiten, kümmerten sich gerade einmal drei Mitarbeiter um das Thema – in der Grundsatzabteilung des Ministeriums. Nun sind sieben Kollegen dafür zuständig, in einem eigenen Referat. Sogar im Koalitionsvertrag von Schwarz-Gelb kommt das Rad vor: „Der Radverkehr stellt für uns einen wichtigen Bestandteil städtischer Mobilität dar. Deshalb werden wir den Nationalen Radverkehrsplan weiterentwickeln.“

Immer mehr Deutsche fahren Fahrrad

Es ist ein richtiger Boom, eine Fahrradrevolution. Überall kann man es beobachten: Auch in Berlin rollten die Leute im Sommer Schutzblech an Schutzblech durch die Stadt. Man sah hohe Bundesbeamte, Abgeordnete und Lobbyisten, wie sie mit Geschwadern radelnder Hausfrauen, Studenten und Büroleuten an den Ampeln auf Grün warteten und die Autos verdrängten. Und sogar jetzt sind viele noch immer nicht umgestiegen, haben die Mütze in die Stirn gezogen und den Daumen fest an der Klingel. Ein Ende ist nicht in Sicht: In einer Studie des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) gaben 38 Prozent der Deutschen an, sie wollten das Fahrrad künftig häufiger nutzen.

Die Politik will dabei helfen. Und zwar nach dem Vorbild unserer Nachbarn: In Dänemark werden 18 Prozent aller Wege mit dem Rad zurückgelegt, in Holland sollen es gar 27 Prozent sein, in Deutschland sind es immerhin rund zehn Prozent. Im Land Berlin wurde eigens die Bauordnung geändert – bei jedem Neubau muss es jetzt Fahrradabstellmöglichkeiten geben. Die Stadt vergibt Preise: An die Müllabfuhr, weil jetzt 150 Müllmänner täglich mit dem Rad zur Arbeit fahren. Oder an die Polizei, weil die zusammen mit der Volkshochschule Fahrradfahrkurse für Einwanderinnen gibt. Burkhard Horn, Referatsleiter bei der Stadtverwaltung Berlin, kennt aber auch Schattenseiten: Nicht nur, dass in den S-Bahnen vor lauter Rädern manchmal kein Durchkommen ist. Und dass nicht klar ist, wo die Drahtesel überhaupt alle parken sollen: so, dass sie niemanden behindern – und das Stadtbild nicht verschandeln. Sorge machen ihm auch die Unfälle: Zwar gehen die in der Stadt zurück, aber eben nicht solche, an denen Fahrradfahrer beteiligt sind. „Jeder Verkehrsteilnehmer muss lernen, sich in den anderen hineinzuversetzen“, sagt Horn. Denn auch die Straßenverkehrsordnung hat man reformiert: Seit dem 1. September ist sie fahrradfreundlicher geworden. Den Verwaltungen ist es jetzt leichter möglich, Einbahnstraßen für Radfahrer zu öffnen. Sackgassen, aus denen man hinten hinausradeln kann, werden besser gekennzeichnet. In Fahrradstraßen gilt auch für Autos Tempo 30. Und vor allem: Künftig werden mehr Radfahrstreifen direkt auf die Straße gepinselt – das ist billiger, als Radwege entlang des Bürgersteigs anzulegen, und sicherer, vor allem an Kreuzungen.

Denn natürlich kommen sich alle manchmal unangenehm nahe. Nicht nur Fußgänger, auch viele Radfahrer fühlen sich unterwegs nicht sicher – immerhin 37 Prozent laut ADFC-Studie. Auch den Autofahrern ist oft nicht wohl: Ihre Vertretung, der ADAC, findet die Straßenverkehrsordnung problematisch. Sie führe doch nur dazu, dass alle noch mehr achtgeben müssten. Und warum eigentlich werde man auf dem Rad so selten kontrolliert, etwa wenn man nachts ohne Licht fahre? So ganz ernst scheint das aber alles nicht gemeint. Im Grunde sind die ADAC-Leute ganz verständnisvoll: Seien nicht alle Autofahrer manchmal auch Radfahrer? Und fahren nicht manche sogar mit dem Rad auf dem Dach in den Urlaub?

Die Liebe zum Rad kennt kaum Parteien

So viel ist klar: Niemand will das Rad gegen das Auto ausspielen. Und umgekehrt: Niemand soll ein schlechtes Gewissen bekommen, wenn er bei Regen das Rad im Keller lässt. Nicht einmal in Münster, der deutschen Fahrradvorzeigestadt. Kommunalpolitiker aus der ganzen Welt kommen regelmäßig, um zu sehen, wie das ist: Wenn in einer Stadt 38 Prozent des Verkehrs auf das Rad entfallen und nur 36 Prozent auf das Auto – wenn sich das Verhältnis also umgekehrt hat. Und wenn es vor den Ampeln Induktionsstreifen für Radfahrer gibt. Und an den Kreuzungen eigene Zonen ausgewiesen werden, damit sich die Radfahrer vor den Autos aufstellen können – um dann im Pulk zu starten. Wenn in den Dörfern drum herum die Leute Vereine gründen, Spenden sammeln – und dann Radwege in ihrer Freizeit anlegen, ehrenamtlich. „Sagen Sie einem Autofahrer mal, der soll seine eigene Straße bauen“, schwärmt Stephan Böhme, Verkehrsplaner der Stadt. Auch er ist überzeugt, dass künftig noch mehr in die Pedale treten: Weil die Energiepreise steigen und die Leute immer älter werden. Ja, richtig gehört: Viele Alte seien zwar nicht gut zu Fuß, aber radeln könnten sie durchaus. „Das Rad ist ja mehr als nur ein Verkehrsmittel: Radfahren ist kommunikativ. Sie können Freunde grüßen, ein Schwätzchen halten. Oder den Bürgermeister an der Ampel direkt ansprechen“, sagt Böhme.

Egal ob schwarz, rot, gelb oder grün: Die Liebe zum Rad kennt kaum Parteien, das kann man in Münster studieren: Die Stadtväter dort gehörten meist zur CDU, seit den siebziger Jahren setzen sie aufs Rad. Auch im Bund sind sich die Parteien einig. „Anders als früher gibt es heute keine Fahrradgegner mehr. Aber es gibt noch Fahrradignoranten“, sagt Michael Cramer, grüner Europa-Abgeodneter und Fahrradenthusiast. Er hat im Sommer dem Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bahn, Rüdiger Grube, einen Brief geschrieben mit der Forderung, er möge doch die Mitnahme von Fahrrädern in ICEs ermöglichen. Gero Storjohann, CDU-Bundestagsabgeordneter, sekundiert ihm: „Versuchen Sie mal, mit dem Rad im Zug von Hamburg nach München zu kommen.“ Fahrradpolitik hat viele Facetten: Cramer hat sich einen Namen gemacht, er setzt sich für einen Radweg entlang des „Eisernen Vorhangs“ ein, quer durch Europa. „Da kann man Geschichte erfahren und gleichzeitig Freude an der Natur haben“, sagt er.

Viel Spaß, wenig Kosten, hoher Gesundheitsfaktor

Wofür das Radeln nicht alles gut ist: Es macht Spaß. Ist ziemlich billig. Und auch noch gesund: In Finnland ist errechnet worden, dass jeder, der mit dem Rad zur Arbeit fährt, das Gesundheitssystem um tausend Euro pro Jahr entlastet. Die Städte macht es leiser, dem Klima hilft’s: Wenn die Deutschen nur dreißig Prozent aller Wege bis sechs Kilometer mit dem Rad zurücklegten, würden 7,5 Millionen Tonnen Kohlendioxid gespart, hat ein Rechenkünstler im Bundesverkehrsministerium festgestellt. Ja, sogar Arbeitsplätze hängen am Rad: Die deutschen Fahrradhersteller bieten Jobs für zehntausend Leute, hinzu kommen fast fünftausend Einzelhändler mit noch mehr Mitarbeitern. Kein Wunder, dass da mancher von einer Abwrackprämie für Fahrräder träumt. Ausgerechnet in Italien zahlte der Staat bis zu 200 Euro für jeden, der sich ein Rad neu anschaffte – der Topf mit 7,5 Millionen Euro, den die Umweltministerin dafür zur Verfügung stellte, war ruck, zuck leer. In Mannheim gab es das auch. Und sogar im brandenburgischen Teltow wurden im Oktober 50 Euro an hundert Bürger ausgegeben, die als erste bei einem Händler am Ort ein neues Rad kauften. Nur die FDP war dagegen: Der örtliche Fraktionschef meinte, man solle sich doch zuerst um bessere Radwege kümmern.

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