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Spindoktoren Leise vermitteln und flüsternd zutragen

22.09.2008 ·  Wie wird aus einem treibenden Politiker ein getriebener? Durch einen rivalisierenden Spindoktor, wie Kurt Beck es nach seinem Rücktritt beschrieben hat? Oder weil er selbst über keinen verfügt? Das „Umfeld“ ist die Schnittstelle des politisch-publizistischen Komplexes.

Von Günter Bannas
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Die Schuld am Verlust seiner politischen Autorität, hat Kurt Beck es nach seinem Rücktritt vom SPD-Vorsitz beschrieben, liege nicht an der „ersten Reihe“ der SPD, sondern an den „Spindoktoren“, und er verwandte auch den Begriff von den „Halbverrückten“. Er wollte damit einerseits eine weitere Eskalation der innerparteilichen Auseinandersetzung vermeiden und womöglich auch von eigenen Fehlern ablenken. Vor allem aber unterliefen Beck Fehleinschätzungen über Aufgaben und Arbeitsweisen von „Spindoktoren“.

Beck tat so, als würden diese quasi auf eigene Rechnung und in eigenem Interesse wirken. Das tun sie nicht. Sie sind Sprecher, oft auch Berater für andere - in Becks Terminologie für die „erste Reihe“. Wenn sie reden, sprechen sie für andere und sagen das, was die meinen. Manchmal geben sie den Tatsachen noch einen „Spin“ (Dreh), eine zuspitzende Erläuterung, woraus dann ab Ende der siebziger Jahre der Begriff des „Spin doctors“ entstand. Es gehörte zu Becks Problemen, dass er am Regierungssitz in Berlin einen solchen Vertrauten nicht „vor Ort“ hatte.

Doch gab es an jenem Freitag schon viele Mitwisser

Jenes „Umfeld“ von Politikern hat Beck nun in seiner Autobiographie für die vermeintliche Indiskretion verantwortlich gemacht, durch welche die Absprache, Außenminister Steinmeier solle Kanzlerkandidat und am Sonntag, den 7. September ausgerufen werden, etwa zwei Tage vor der öffentlichen Verlautbarung der Zeitschrift „Der Spiegel“ bekanntgeworden war. Beck schrieb: „Wer außer Eingeweihten konnte in der Lage sein, die vorbereitete Bekanntgabe mit einer Intonierung zu belasten, die den treibenden Vorsitzenden als einen bedrängten und getriebenen erscheinen ließ?“ Es mag so gewesen sein. Doch gab es an jenem Freitag schon eine größere Zahl von Mitwissern. Mindestens waren es Beck, Steinmeier, Franz Müntefering, SPD-Generalsekretär Heil und die stellvertretende SPD-Vorsitzende Andrea Nahles. Auch deren engere Mitarbeiter dürften also unterrichtet gewesen sein.

Beck unterstellt, diejenigen, die die Sache „ausgeplaudert“ hätten, hätten ihm schaden wollen. Das mag so sein. Doch gab es an jenem Tag auch noch das Interesse, in der Kanzlerkandidaten-Angelegenheit die Führungsstärke und Entscheidungsfreude des da noch amtierenden SPD-Vorsitzenden zu dokumentieren, weshalb es also aus der Interessenlage der Beteiligten abgeleitet nicht ausgeschlossen erscheint, dass Anhänger Becks mitgeplaudert hätten. Selten ist es im politischen Wettstreit und den daraus folgenden Berichten von „Medien“, dass bloß eine einzige Quelle existiert. Politiker neigen zu dieser fälschlichen Annahme, weil sie auf diese Weise (innerparteiliche) Freunde und Feinde, Schuldige und Unschuldige leichter definieren können. Doch meistens irren sie.

Bedingungslose Loyalität ist die Voraussetzung

Müntefering hat nun sein altes „Umfeld“ wieder im Willy-Brandt-Haus um sich versammelt - seinen Büroleiter Kuhlmann, seinen Bundesgeschäftsführer (und ehemaligen Staatssekretär im Arbeitsministerium) Wasserhövel und seinen Pressesprecher Giffeler. Das pflegen Politiker in der Spitze der Politik so zu halten. Konrad Adenauer arbeitete bis zu seinem Tod mit seiner Sekretärin Anneliese Poppinga zusammen. Für Helmut Kohl führte Juliane Weber in Mainz, Bonn und Berlin die Bürogeschäfte. So war und ist es bei Gerhard Schröder, Peter Struck und Angela Merkel.

Die wichtigsten „Spindoktoren“ sind freilich die handelnden Politiker selbst. Sie suchen selbst die Themen zu setzen und die Inhalte der öffentlichen Debatte zu bestimmen. Doch gibt es Fälle, in denen sie nicht aus zeitlichen Gründen in Erscheinung treten können oder auch aus politischen Gründen nicht in Erscheinung treten wollen. Dann übernehmen die vermeintlichen „Spindoktoren“ jene Funktion - oft sind es die Pressereferenten oder auch sonstige Berater. Eine eigenständige Bedeutung als handelnde Personen haben sie nicht. Sie sind Erklärer, Vermittler, Zuträger.

Sie können diese Rolle nur ausüben, wenn die Gesprächspartner die Gewissheit zu glauben haben, dass das von ihnen Gesagte mit den Auffassungen, Planungen und Absichten ihrer Chefs nahtlos übereinstimme. Auch aus diesem Grund gibt es in den entsprechenden Funktionen ein hohes Maß an Kontinuität. Kohl arbeitete über viele Jahre mit Eduard Ackermann zusammen, Helmut Schmidt mit Klaus Bölling, Schröder mit Uwe Karsten Heye und Frau Merkel mit Eva Christiansen. Manchmal sind es ehemalige Journalisten, manchmal sind es Leute aus dem Parteiapparat. Fast bedingungslose Loyalität ist die Voraussetzung für deren Arbeit, und auch politisches Gespür muss dazu kommen.

Keine „Home Stories“

Manche Politiker verfügen noch über einen weiteren Kreis von Beratern und Helfern, die oft in ganz anderen Branchen tätig sind. Selten passiert es, dass aus diesem Kreis dieser führenden und engsten Mitarbeiter später einmal selbst Politiker werden. Egon Bahr, der einmal Pressesprecher von Willy Brandt in dessen Zeit als Regierender Bürgermeisters von Berlin und dessen Vertrauter war, ist eine der Ausnahmen. Doch an sich widerspricht die Funktion des Mitarbeiters eigenen politischen Ambitionen. Die Loyalität würde begrenzt.

Entsprechend tritt diese Berufsgruppe gemeinhin nicht selbst öffentlich in Erscheinung. Es geziemt sich ihnen nicht, sich selbst zum Gegenstand öffentlicher Berichterstattung zu machen oder gar „Home Stories“ über sich zuzulassen. So ist es auch bei Redenschreibern. Wenn einer von diesen mit Erzählungen beginnt, nicht der Präsident/Kanzler/Parteivorsitzende/Minister habe eine Rede verfasst, sondern er, der Redenschreiber, sind entsprechende Laufbahnen oft bald beendet.

Eine Ausnahme hatte es nur im Bundestagswahlkampf 2002 gegeben. Damals war Michael Spreng Sprecher und Berater des Kanzlerkandidaten Stoiber (CSU) und Matthias Machnig Wahlkampfmanager der SPD. Zuweilen präsentierten sich die beiden, als konkurrierten sie und nicht etwa Stoiber und Schröder um das Amt des Bundeskanzlers. Drei Jahre später hatten wieder die grauen Eminenzen deren Funktionen inne und so wird es auch 2009 sein.

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Jahrgang 1952, Leiter der politischen Redaktion in Berlin.

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